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Die Gerichtsvollzieherin Andrea Wolff dringt durch ihren Job zwangsläufig in die Privatsphäre der Schuldner ein. Findet sie etwas Pfändbares ?
Nichts zu holen
Gerichtsvollzieher zwischen Gesetz und Mitgefühl
Wenn Gerichtsvollzieher an einer Tür klingeln, wissen sie nicht, was sie erwartet: eine alleinerziehende Mutter mit schwerem Schicksal oder ein psychisch Kranker mit Messer in der Hand.
"37°" begleitet zwei Gerichtsvollzieher bei ihrer schwierigen Arbeit: Andrea Wolff in Bremen und Björn Ellendt in Berlin. Sie suchen nach Bargeld, pfänden Wertsachen und setzen säumige Mieter auf die Straße. Das geht nie ohne Konflikte und selten ohne Gefühle.

Mit richterlichem Beschluss dürfen sie die Wohnung eines Schuldners betreten - wenn es sein muss, mit Gewalt. Rund 4.200 Gerichtsvollzieher, darunter etwa 1.600 Frauen, sind tagtäglich in Deutschland unterwegs. Andrea Wolff ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und hat ihren eigenen Weg gefunden, sich durchzusetzen: Die 47-Jährige, seit 17 Jahren im Beruf, spielt nicht die knallharte Vollstreckerin, sondern versucht, mit einfühlsamen Gesprächen eine Brücke zu den Schuldnern zu bauen. "Ich profitiere davon, eine Frau zu sein. Denn anders als meine männlichen Kollegen muss ich mir nichts beweisen. Männer provozieren schon mal einen Konflikt."

Der Gerichtsvollzieher Björn Ellendt fragt sich, ob er eine Familie vor die Tür setzen muss, weil sie ihre Miete nicht bezahlt.
Der Gerichtsvollzieher Björn Ellendt fragt sich, ob er eine Familie vor die Tür setzen muss, weil sie ihre Miete nicht bezahlt.
Mitleid, gar Tränen - das ist nicht die Sache von Björn Ellendt. Auch er ist Gerichtsvollzieher. Sein Bezirk seit 25 Jahren: Oberschöneweide in Berlin Treptow-Köpenick. Das Viertel lebte einmal von Großunternehmen wie Samsung und AEG. Beide sind lange fort, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Ellendt kennt bei manchen Klingelschildern mit zehn Namen vier schicksalhafte Geschichten. "Seit Jahren blicke ich nur noch in vermüllte Wohnungen und leere Gesichter. Die Leute haben nichts mehr, das sich zu beschlagnahmen lohnt." Natürlich sei es nicht schön, eine Familie vor die Tür zu setzen, weil sie seit vier Monaten ihre Miete nicht bezahlt. "Aber ich hätte den falschen Job, wenn Jammern mich milde machen würde. Wer würde mich dann noch ernst nehmen?", sagt der 57-Jährige.

Gerichtsvollzieher werden angeschrien, angerempelt, angespuckt. Einmal wurde Björn Ellendt krankenhausreif geprügelt. Seitdem achtet er immer darauf, einen Fluchtweg zu haben. Ellendts Schlosser trägt eine schusssichere Weste, seit ihm ein Schuldner ein Messer zwischen Herz und Lunge gerammt hat. Auch Andrea Wolff wurde einmal mit einem Messer angegriffen - von einer psychisch kranken Frau.

Ihr Job verlangt viel von den Gerichtsvollziehern. Neben Menschenkenntnis ist seelische Belastbarkeit gefragt: Wie geht man damit um, wenn man einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern die Wohnung wegnehmen muss? Was tun, wenn Menschen weinend zusammenbrechen? Aber auch: Wie reagiert man, wenn Schuldner sich mit Lügen aus der Affäre zu ziehen versuchen - oder gar gewalttätig werden? Björn Ellendt und Andrea Wolff lösen die Aufgabe auf ihre ganz eigene Weise. Der Film zeigt, wie die Gerichtsvollzieher mit diesen Herausforderungen umgehen und wie ihr Job sie als Menschen prägt.

Sendedaten
Montag, 17. Juli 2017, 23.40 Uhr
Information zur Sendung
Länge: 30 Minuten
Dokumentationsreihe, Deutschland
ZDFmediathek
Film von Daniela Hoyer
(Erstsendung: 11.07.2017)
Info
LupeDer Gerichtsvollzieher Björn Ellendt steht vor der Eingangstür eines Mehrfamilienhauses. Er weiß nicht, was ihn erwartet.