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Michael Haneke - Porträt eines Filmhandwerkers
anlässlich des 75. Geburtstages am 23.3.2017
Michael Hanekes gesamtes Filmschaffen lässt sich auf einen rastlosen Kampf gegen seine überbordenden morbiden Gedanken zurückführen, die nur die geschäftige Kreativität während eines Drehs für einen kurzen Augenblick vertreiben kann. Die repetitive, frenetische und körperliche Anstrengung in der Herstellungsphase eines Films wird dann wieder von langen Phasen meditativer Reflexion abgelöst, in denen der Mensch Haneke wieder und immer wieder über den Menschen und dessen Menschsein nachdenkt. Der Film möchte versuchen, diesen Rhythmus des "hanekeschen Lebens" nachzuempfinden.
Den konsequenten Weg eines Visionärs, dem die Filmwelt zu Füßen liegt und der 2013 für sein Filmdrama "Amour" ("Liebe") sowohl mit einem Golden Globe Award als auch mit einem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wurde - zeichnet das 2012 entstandene Porträt des Autors und Filmemachers Yves Montmayeur nach. Montmayeur ist seit vielen Jahren ein Vertrauter des österreichischen Starregisseurs.

Erforschung der "Vergletscherung der Gesellschaft"
© ORF/Wildartfilm/Richard Dumas Im Bild: Emmanuelle Riva (gest. 01/2017), Michael Haneke, Jean-Louis Trintignant.
Im Bild: Emmanuelle Riva (gest. 01/2017), Michael Haneke, Jean-Louis Trintignant.
Der Film bietet eine Stunde Haneke pur und zeigt, wie sehr der Mensch und der Regisseur, der Privatmann und die öffentliche Figur Michael Haneke deckungsgleich sind. Das neue Filmporträt führt das Publikum auf eine faszinierende Reise durch den Kosmos des anspruchsvollen Künstlers Haneke, der in seinen Arbeiten immer wieder das erforscht, was er selbst einmal die "Vergletscherung der Gesellschaft" nannte. Beginnend mit "Amour" (2012), der Michael Haneke endgültig auf der Höhe seiner Meisterschaft zeigt, geht die Dokumentation konsequent, Film für Film, "zurück in die Zukunft", bis ins Jahr 1989 - und schließlich wieder in die Gegenwart.

© ORF/Wildartfilm/Richard Dumas Michael Haneke
Michael Haneke
Michael Haneke hatte es schwer im Kino: Seine ersten Filme, die in gewisser Weise noch radikaler waren als seine aktuellen, sahen sich vehementer Kritik ausgesetzt, wegen ihrer "Gewalttätigkeit" und ihrer "Düsterkeit". Doch Haneke selbst bestreitet, seit seinem Kinodebüt "Der siebente Kontinent" (1989) auch nur einen Millimeter von seiner Idee von Film abgewichen zu sein.

Nicht nur Hanekes große Darstellerinnen, wie die erst im Sommer 2012 verstorbene Susanne Lothar, Juliette Binoche oder Isabelle Huppert kommen zu Wort; vor allem öffnet sich der als "schwierig" geltende Künstler und legt sein Inneres offen. Mit Erstaunen erkennt man da nicht nur den großen Theoretiker und Praktiker Haneke, sondern auch einen warmherzigen, heiteren und vor allem in sich ruhenden Mann, der es geschafft hat, seine persönliche Vision zu leben und voranzutreiben. Wie seine Filme schlüssige und präzise Kommentare zum Zustand der Welt sind, so sorgfältig und punktgenau sind auch Hanekes Überlegungen, die er vor und hinter der Kamera äußert.

Wenn sich Regisseur Yves Montmayeur ausgehend von "Amour", dem größten Erfolg des kosmopolitischen Österreichers, in der Geschichte zurückbewegt, wird deutlich, welch weiten und oftmals steinigen Weg Michael Haneke zurückgelegt hat, um der Welt und dem Kino dieser Welt seinen persönlichen Stempel aufzudrücken.

Sendedaten
Samstag, 1. April 2017
um 23.35 Uhr
Stereo, 16:9, Videotext-UT
Credits
Ein Film von Yves Montmayeur, Österreich/Frankreich 2012
Mehr Haneke
Cosi fan tutte
2013 betrat Haneke für ihn künstlerisches Neuland - er inszenierte am Teatro Real in Madrid Mozarts "Cosi fan tutte" und erntete hymnische Kritiken.

Samstag, 1. April 2017
um 20.15 Uhr
Ausgezeichnet
Für immer
Zärtlich, berührend und traurig zugleich: Michael Haneke erzählt in "Liebe" die Geschichte des älteren Ehepaars Georges und Anna. Für sein kammerspielartiges Drama erhielt der Österreicher 2012 in Cannes die Goldene Palme.
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