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Donnerstag, 15. November
©  Stephan Thöne, EXIT Film Lupe
Andreas Darsow wirkt ruhig und sehr gefasst. Wurde er deswegen als eiskalt und gefühllos abgestempelt?
Opfer oder Täter?
Der Fall Andreas Darsow
Bei den Dreharbeiten für seine Dokumentation "Unschuldig hinter Gittern" hat Filmautor Andreas Baum den mutmaßlichen Doppelmörder Andreas Darsow kennengelernt. Er ist zu lebenslanger Haft verurteilt, beteuert aber seine Unschuld.
Gleich muss der Mörder kommen, zumindest wenn die Richter Recht haben, in diesem Fall. Denn Andreas Darsow ist rechtskräftig verurteilt: wegen Mordes in zwei Fällen und versuchten Mordes an einem weiteren Opfer. Wegen der besonderen Schwere der Schuld, die ihm seine Richter bescheinigten, muss er wohl mindestens 23 Jahre im Gefängnis bleiben, bevor er mit einer Haftentlassung rechnen kann - knapp fünf Jahre davon sind um.

Wir sitzen in einem der modernen Besuchszimmer in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt und warten: ein größerer Raum mit eigener Teeküche und Toilette, einer modernen Couch und bequemen Stühlen. Wir - das sind Anja Darsow, die Frau des Verurteilten, das Kamerateam und ich, der Autor der Dokumentation "Unschuldig hinter Gittern: Weggesperrt und abgehakt". Anja Darsow darf ihren Mann zweimal im Monat besuchen, für je zwei Stunden. Das Treffen heute stellt eine Ausnahme von den normalen Besuchsregeln dar und zählt nicht mit: schließlich sind wir mit Andreas Darsow zu einem Interview verabredet. Deshalb sitzen wir auch in dem großen Besuchsraum für besondere Anlässe und warten - auf den verurteilten Mörder.

Seine Frau Anja glaubt fest an seine Unschuld.LupeSeine Frau Anja glaubt fest an seine Unschuld.
Sie verbringen nur wenig Zeit miteinander.LupeSie verbringen nur wenig Zeit miteinander.
Trotzdem ist Darsow intergriert in den Familienalltag.LupeTrotzdem ist Darsow intergriert in den Familienalltag.

Ob der Mann wirklich so eiskalt ist, wie er von der Justiz und in den Medien beschrieben wurde? Ohne erkennbare Gemütsregungen: ein abgebrühter Killer eben, der seine Nachbarn im Reihenhaus nebenan mit mehreren Schüssen tötete, erst den Ehemann, draußen vor der Tür, dann dessen Frau, im Schlafzimmer? Der anschließend auf die behinderte Tochter der Familie schießt, die mit viel Glück schwerverletzt überlebt? Und das alles nur, weil er Lärmbelästigungen seiner Nachbarn nicht mehr ausgehalten habe? Genau so war es, sagt das Gericht! Deshalb das Urteil. Und deshalb warten wir hier: auf den angeblichen Mörder.

Lupe
"Wenn das Gericht denkt sie sind schuldig, sind sie schuldig! Selbst wenn sie sagen: "Im Zweifel für den Angeklagten!" Nein! Und der Rest wird konstruiert, es wird passend gemacht! Und sie können nichts dagegen machen", sagt Andreas Darsow
Und dann ist es endlich soweit. Andreas Darsow wird von einem Bewacher in den Raum geführt. Der 46jährige ist ein sportlicher Typ. Er trägt ein rotes T-Shirt und eine dunkle Arbeitshose. Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen Feuerwehrmann halten, geht mir durch den Kopf. Andreas Darsow ist freundlich, aber zurückhaltend. Er spricht leise und sachlich - über die Tat, für die er einsitzt, über die Fahnder, die sich eine absurde Theorie zusammengestrickt und nur gegen ihn ermittelt hätten, über das Gericht, das ihn vorverurteilt und entlastende Indizien und Beweise nicht zu seinen Gunsten berücksichtigt habe, über die vielen Punkte, die für seine Unschuld sprechen würden.

Ein eiskalter Mörder?
Dabei schaut er mich an. Er hat fast einen stechenden Blick, aus grau-blauen Augen, die tief sitzen. Und er wirkt ruhig und gefasst – zu gefasst? Ist das der Grund, warum er als "eiskalt", als gefühllos abgestempelt wurde? Auf den ersten Blick könnte man ihn so beschreiben. Doch wenn man Andreas Darsow genauer beobachtet, dann fallen Gemütsregungen auf. Dann sieht man ihm seine Gefühle an, seine Verzweiflung hier im Gefängnis zu sein, getrennt von seiner Familie, unschuldig hinter Gittern, wie er beteuert - und seine Hoffnung, in einem Wiederaufnahmeverfahren doch noch seine Unschuld beweisen zu können und rehabilitiert zu werden.

Wir haben auf einen eiskalten Mörder gewartet - und verabschieden uns von einem ganz normal wirkenden Typen von "nebenan". Von einem, der ganz offensichtlich seine Familie liebt und von ihr geliebt wird, der Emotionen zeigt, wenn auch verhalten. Ist dieser Mann ein Killer? Oder ist er tatsächlich unschuldig? Wir wissen es nicht - und sind uns doch einig: Andreas Darsow wirkt glaubwürdig auf uns - nicht nur deshalb, weil seine Geschichte viele Parallelen zu anderen Fällen in unserer Dokumentation aufweist, in denen nachweislich Unschuldige im Gefängnis waren: weggesperrt und abgehakt.

Sendung zum Thema
Unschuldig hinter Gittern

Dienstag, 2. Juni 2015, 21.45 Uhr

Erstausstrahlung

Ein Film von Andreas Baum
Dokumentation zum Thema
© Philip Bienmueller, EXIT FilmVideoUnschuldig hinter Gittern!
Aus unterschiedlichsten Gründen kommt es immer wieder vor, dass Häftlinge in Deutschland unschuldig hinter Gittern sitzen, oft jahrelang. Nicht nur für die Betroffenen bedeutet das eine Belastung und ein Kampf mit dem Justizsystem, auch Familien und Freunde leiden unter der Situation. Die Dokumentation von Andreas Baum zeigt exemplarische Fälle, in denen erwiesen ist, dass die angeblichen Täter zur Unrecht inhaftiert waren.
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Länge ca. 44. Min.
37 Grad
Mein Mann ist kein Mörder
Anja Darsow kämpft um die Unschuld ihres Mannes und muss gleichzeitig ihren ganz normalen Alltag mit ihren drei Kindern bewältigen.
Link
Mein Mann ist unschuldig!
Anja Darsow hat eine Initiative ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Familie, Freunden und dem Verein Monte Christo kämpft sie für Andreas Darsow.
Dokumentation
Gutachten: mangelhaft
Hunderttausende von Gerichtsprozessen werden jährlich in Deutschland geführt. In vielen davon ist die Beweislage dünn. Dann werden Gutachter zurate gezogen. Sie verfügen über eine große Macht - oft zu unrecht!
Unschuldig, aber nicht frei
Der Fall Harry Wörz
Es ist eines der spektakulärsten Fehlurteile der vergangen Jahre: 1998 wurde Harry Wörz wegen versuchten Totschlags an seiner Ex-Frau schuldig gesprochen, viereinhalb Jahre verbrachte er im Gefängnis. Doch Harry Wörz beteuerte immer wieder seine Unschuld. Im Jahr 2010 wurde er schließlich freigesprochen. Sein Kampf um Entschädigung und Wiedergutmachung dauert bis heute an.