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Montag, 27. Juni
© Kaiserbrand_studio Lupe
Das Fernsehen wurde ab den 80er Jahren zum Leitmedium und brachte mit Musikvideos und Castingbands seine eigenen Kulturprodukte hervor.
Bewegte Republik Deutschland
70 Jahre Kultur zwischen Krieg, Konsum und Politik
Was hat die Menschen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute bewegt? Welche Rolle spielte dabei die Kultur? Wie haben Schriftsteller, Regisseure, Bildende Künstler, Architekten, Designer und Musiker das aktuelle Zeitgeschehen reflektiert, kommentiert oder wiederum selbst beeinflusst? Diesen Fragen widmet sich die vierteilige Reihe „Bewegte Republik Deutschland“. Filmautor und Schriftsteller Thomas von Steinaecker hat für dieses Projekt eine Vielzahl prominenter Zeitzeugen vor der Kamera befragt.
1. Schuld und Wunder
Ute Frevert © Rene_Gorski_studio.tv Video
Günter Grass schrieb 1959 mit Erscheinen der "Blechtrommel" Literaturgeschichte. Sein Erfolg begann bei der "Gruppe 47".
Es herrscht Wiederaufbau, und die Sehnsucht nach heiler Welt lässt Heimatfilm und Schlager Erfolge feiern. Der Farbfilm „Schwarzwaldmädel“ zieht 1950 16 Millionen Menschen in die deutschen Kinos. Der Blick der Menschen richtet sich in den Nachkriegsjahren nach vorn und bereitwillig toleriert man, wie sich braune Karrieren reibungslos in den politischen und kulturellen Strukturen der BRD fortsetzen. Während die einen auf eine Rückbesinnung auf die „unbelastete“ klassische deutsche Kultur als Gegengift zum Schrecken der Nazidiktatur setzen, gedeiht auch die künstlerische Avantgarde, ausgerechnet in der Provinz: Befreit von ideologischen Fesseln zeigen Künstler auf der Documenta in Kassel, in den modernen Studios für elektronische Musik in Köln oder auch an der Hochschule für Gestaltung in Ulm kulturelle Leistungen auf höchstem Niveau. Junge Literaten sammeln sich in der Gruppe 47. Dort beginnt nicht nur die Karriere des späteren Literaturnobelpreisträgers Günter Grass.

Mit wachsendem Wohlstand und dem Abstand einer Generation ist die Zeit schließlich reif für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, im Gerichtssaal der Frankfurter Auschwitzprozesse und auch in der Kunst. Kinofilme wie „Die Brücke“, Fernsehsendungen über das Dritte Reich und Theaterstücke wie Peter Weiss‘ „Die Ermittlung“ (1965) tragen die Erinnerung an die deutsche Schuld tief hinein ins deutsche Bewusstsein und legen einen Grundstein für die aufgeklärte, offene Kultur der nächsten Generation.

2. Zur Waffe, Schätzchen
Herbert Grönemeyer © René Gorski/studio.tv.film Video
Musiker Herbert Grönemeyer versteht die Künstler als "Trommler" für wichtige gesellschaftliche Themen. Für die Menschen in DDR und BRD hatte Kultur ganz unterschiedliche Bedeutung, meint er.
Die erste Jugendgeneration ohne Kriegserlebnisse wächst heran. Wohlgenährt und gut ausgebildet stellt sie die verkrusteten Institutionen in Deutschland in Frage. Die Spiegelaffäre 1962 fördert das neue kritische Bewusstsein der Bevölkerung zutage. Junge Regisseure wie Alexander Kluge und Schriftsteller wie Peter Handke rebellieren gegen „Opas Kino“ und die etablierte Literatur der "Gruppe 47". Der bislang nach angelsächsischem Vorbild kopierten Unterhaltungsmusik eines Peter Kraus stellt sich mit Bands wie „Can“ eine originär deutsche Popmusik gegenüber, die ihre Wurzeln in der elektronischen Avantgarde Karlheinz Stockhausens hat. Joseph Beuys stellt mit seinen Aktionen und Forderung nach Auflösung von Autorität die Verhältnisse in der Kunstwelt auf den Kopf.

Die Befreiung der Sexualität findet in aller Öffentlichkeit statt, von Filmen wie „Zur Sache, Schätzchen“ mit Uschi Glas bis zum Erfolgsreihe „Schulmädchenreport“. Der Protest geht auf die Straße und findet seinen skandalträchtigen Niederschlag auch im bürgerlichen Kulturbereich, etwa in der zeitgenössischen Musik Hans Werner Henzes oder der Literatur Heinrich Bölls. Der Terror der RAF und die als reaktionär empfundenen politischen Gegenmaßnahmen werden vom Neuen Deutschen Film eines Fassbinders oder Schlöndorffs unmittelbar gespiegelt. Das kritische Bewusstsein der 68er hat in den 80er Jahren schließlich die ganze Gesellschaft erreicht. Im Bestsellerroman eines Johannes Mario Simmel, bei Massendemonstrationen, in den Texten der Popmusik, und mit den Grünen auch im Bundestag: Debatten über Abrüstung und Umweltschutz sind Mainstream.

3. Geteilter Himmel
Wolfgang Thierse © René Gorski/studio.tv.film Video
Der Kulturwissenschaftler und spätere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat die staatliche Zensur im Literaturbetrieb der DDR hautnah miterlebt.
40 Jahre deutscher Kultur finden auf zwei Seiten der innerdeutschen Grenze und zwischen zwei Machtblöcken statt. Zunächst entscheiden sich viele Künstler aus Überzeugung für die DDR. Ob Exil-Heimkehrer wie Bert Brecht und Hanns Eisler oder Literaten wie Christa Wolf und Heiner Müller: sie sehen im neuen Modellstaat das potentiell „bessere Deutschland“. Brecht und Helene Weigel erhalten mit dem Berliner Ensemble ihr eigenes Theater, die DEFA produziert mit üppiger Ausstattung Qualitätsfilme. Landesweit pflegen Theater und Orchester das klassische Kulturerbe, ihre schiere Zahl stellt den Westen mühelos in den Schatten. Auch um die Hoheit in Sachen Unterhaltung liefern sich Ost und West ein munteres Wettrennen, vom Sandmännchen bis zum Indianerfilm.

Doch Kultur gehört als geistiges Grundnahrungsmittel in der DDR unter politische Führung und die Kunst hat dem von der UdSSR definierten Sozialistischen Realismus zu folgen. Später unternimmt die DDR mit dem „Bitterfelder Weg“ genannten Programm den eigenen Versuch einer „Sozialistischen Nationalkultur“, um die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ zu überwinden. Die Verlage leiden in der Folge unter Zensur, kritische Filme wie „Spur der Steine“ werden abgesetzt, und selbst Rockmusikern wird ihre Spontanität in staatlichen Institutionen ausgetrieben. Kurze Phasen der Lockerung wie 1973 zu den Weltjugendspielen in Ostberlin bleiben die Ausnahme. Mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns kippt die Stimmung auch unter staatstreuen Künstlern. Wer protestiert, erhält Berufsverbot, landet im Gefängnis oder wird zur Ausreise gezwungen. Künstler wie Manfred Krug, Nina Hagen und Katharina Thalbach verlassen die DDR. Die wirtschaftliche und innenpolitische Situation wird schließlich immer erdrückender. Der Exodus aus der sozialistischen Utopie ist nicht mehr aufzuhalten und das Ende der DDR ist nur noch eine Frage der Zeit.

4. Die Deutschland-Maschine
Daniel Kehlmann © René Gorski/studio.tv.film Video
Erfolgsautor Daniel Kehlmann vertritt eine Generation, die sich nur noch ungern vor einen politischen Karren spannen lassen will. Auch zu den literarischen Vorreitern der "Gruppe 47" hat er ein differenziertes Verhältnis.
Deutschland ist wieder groß, Berlin ist die Hauptstadt, und die Möglichkeiten scheinen unendlich. Doch ganz so einfach fällt Staat und Menschen das neue Zusammenleben nicht. Die ganze Welt schaut zunächst fasziniert auf die neue Leichtigkeit der Deutschen. Techno und Musikfernsehen regieren die Jugendkultur, Schriftsteller wie Christian Kracht machen daraus Popliteratur. Selbst Politik und Erinnerungskultur stehen im Verdacht, im Sog des Infotainment an Ernsthaftigkeit einzubüßen. Aktionskünstler Christof Schlingensief wird nicht müde, diese Tendenz ins Licht der Aufmerksamkeit zu zerren. Die westliche Lebenswirklichkeit wirft im Osten Deutschlands bald dunkle Schatten: Leuchttürme der DDR-Kultur wie die DEFA geraten unter die Räder der Marktwirtschaft. Die Enttäuschung über die wirtschaftliche Folgen der Wiedervereinigung vertieft den Graben zwischen „Besserwessis“ und „Jammerossis“. Sie schlägt sich nicht nur in einer trotzigen Welle der Ostalgie nieder, sondern auch in Gewaltausbrüchen gegen Ausländer.

Doch Deutschland meistert am Ende nicht nur die innere Anstrengung der Wiedervereinigung, sondern geht auch aus den globalen Krisen des neuen Jahrtausends gestärkt hervor. Und immer mehr kulturelle Beispiele zeigen wie selbstverständlich eine neue gesamtdeutsche Realität. Durch Künstler wie die Choreografin Sasha Waltz gewinnt Berlin rasant an Anziehungskraft für Kreative aller Kunstsparten. Der innovative Spielfilm „Lola rennt“ findet weltweit Anerkennung, die ehemaligen Ostrocker von „Rammstein“ ebenso, und die jungen Maler der Leipziger Schule feiern Erfolge auf dem internationalen Kunstmarkt. Schriftsteller Daniel Kehlmann landet einen Welterfolg, Günter Grass und Herta Müller erhalten den Literaturnobelpreis. Die Deutschland-Maschine läuft wieder. Doch wohin die kulturelle Reise der BRD geht, oder ob die Bewegte Republik heute überhaupt eine Richtung hat, ist ungewiss.

Sendedaten in 3sat
Bewegte Republik Deutschland
4x45min.

29.9.2015, 22:25
Schuld und Wunder
1945-1965

29.9.2015, 23:10
Zur Waffe, Schätzchen
1962-1983

29.9.2015, 23:55
Geteilter Himmel
1949-1989

30.9.2015, 00:40
Die Deutschland-Maschine
1989-2014
Webspecial und Quiz
Kultur, Alltag und Politik 1945-2014
Stöbern Sie in der deutschen Nachkriegsgeschichte mit vielen Interviews, Videos, Fotos und Informationen zu Zeitgeschehen, Kultur- und Alltagsgeschichte der Bewegten Republik Deutschland!
Mediathek
© Kaiserbrand_studio.tvVideoTeil 1: Schuld und Wunder 1945-1965
Mediathek
© Kaiserbrand_studio.tvVideoTeil 2: Zur Waffe, Schätzchen 1962-1983
Mediathek
© Kaiserbrand_studio.tvVideoTeil 3: Geteilter Himmel 1949-1989
Mediathek
© Kaiserbrand_studioVideoTeil 4: Die Deutschland-Maschine 1989-2014
Artikel
© Kaiserbrand_studio.tv.filmDas Herz unserer Gesellschaft
Autor Thomas von Steinaecker beschreibt, wie Deutschlands Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg ihre eigene Sprache und die ihrer Nation wiederfanden.
Interview
© ZDFVideoThomas von Steinaecker
Thomas von Steinaecker hat Filme u.a. über Karlheinz Stockhausen, John Cage und Leo Tolstoi realisiert. Seine Hörspiele und Romane wurden vielfach ausgezeichnet.