© ORF/Nico Weber Film
Video online ab 16.10.2018, 6.00 UhrVideo online ab 16.10.2018, 6.00 Uhr
Pathologie St. Pölten: Hier ist man dem Tod auf der Spur. Solche Arbeit machte die pathologisch-anatomische Sammlung erst möglich. Sie ist dem Leben auf der Spur.
Totentanz - Anatomie eines Ortes
Der Wiener Narrenturm
Der Wiener Narrenturm ist ein weltweit einzigartiges Teleskop, mit dem wir in die Vergangenheit der Betreuung von geistig Kranken blicken können. Was heute nach Wegsperren aussieht, galt 1784, als der Bau unter dem Reform-Kaiser Josef II. errichtet wurde, als sehr fortschrittlich. Das Gebäude wurde als erstes psychiatrisches Krankenhaus erbaut. 1866 wurde der Betrieb eingestellt und der Rundbau als Schwesternwohnheim, für Ärztedienstwohnungen, als Depot von Universitätskliniken und Werkstätten genutzt. Seit 1971 ist das Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum im Narrenturm untergebracht, seit 1993 wird das gesamte Gebäude als Museum genutzt. Der Narrenturm ist denkmalgeschützt und heute im Besitz der Universität Wien. In sehr ästhetischen Bildern und in der Sprache eines Essays nähert sich Regisseurin Nico Weber der sensiblen Geschichte dieses Ortes.
'Was ist der Tod?', das ist immer noch eine der drängendsten und stets hochaktuellen Fragen, die uns beschäftigen, ob wir über die Flüchtlinge von Lampedusa, über die alternde Gesellschaft, über Kinderreichtum oder über die Errungenschaften und die Hilflosigkeit der Medizin reden. "Totentanz" denkt genau darüber nach auf spielerische assoziative Weise. Er stellt einen Ort ins Zentrum des Denkens, an dem sich alles trifft und verschränkt: die Bilder und die Debatten.

© ORF/Nico Weber Film Der Wiener Narrenturm
Der Wiener Narrenturm
Der Titel "Totentanz" kommt nicht von ungefähr. Demonstrierten nicht die "Totentänze" im 14. Jahrhundert, nach den Pestseuchen in Europa, die Macht des Todes? Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb: "Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt."
Genau um diese Auseinandersetzung geht es: um ein einzigartiges rundes Gebäude mit Inhalt. In großen Bildern wird hier vom Narrenturm erzählt, dem Ort, von dem alles ausgeht. Ein Ort, der so ungewöhnlich und surreal ist, dass er als Folie für einige der wichtigsten Debatten unserer Zeit dient. Dieser Ort liegt ausgerechnet - wie könnte es anders sein - in Wien. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Alles und jedes ist Teil des Ganzen, des Kreislaufes von Leben und Tod. Der Narrenturm in Wien ist ein zufällig entstandenes Gesamtkunstwerk: die Symbiose zwischen Gebäude und Sammlung ist einzigartig. Dieses merkwürdige bizarre Zusammenspiel von Form und Inhalt wird hier ergründet.

Thomas Macho, Philosoph und Kulturwissenschaftler: "Totentänze erscheinen als eine Art von Menetekel und demonstrieren die Macht des Todes. Man kann sagen, dass der Tod der erste große Revolutionär in der Geschichte Europas ist. Du brauchst nicht glauben, dass Du ausgenommen bist. Der Tod erwürget alle gleich, wie er sie findet, arm und reich. Das ist die Botschaft."

Thomas Macho: "Man begegnet den Fragen nach dem Lebensganzen, wenn man durch diese Sammlung kreist. Man wird sozusagen mit dem Eingang und mit dem Ausgang konfrontiert und der Frage wie lang die Strecke denn sein kann, die man zwischen diesen beiden Punkten durchqueren kann." © ORF/Nico Weber Film Den Fragen nach dem Lebensganzen begegnet man, wenn man durch diese Sammlung kreist.
Über 50.000 Humanpräparaten birgt die pathologisch-anatomische Sammlung, die größte der Welt. © ORF/Nico Weber Film Über 50.000 Humanpräparaten birgt die pathologisch-anatomische Sammlung, die größte der Welt.

Der Narrenturm in Wien, 1784 gebaut, beheimatet heute die pathologisch-anatomische Sammlung. Sie gilt mit mehr als 50.000 Humanpräparaten als das größte pathologische Museum der Welt und stellt somit eine einzigartige Bio-Bank dar. Es die weltweit größte Sammlung von Fehlbildungen. Aufbewahrt wird beispielsweise auch ein ausgestopfter Körper eines vierjährigen Mädchens, das an Ichthyose litt und in der Folge dessen im Jahre 1750 an Hautinfektionen verstarb. Allein dieses Exponat beispielsweise stößt mit seiner Erhabenheit ganz elementare Fragen an wie: 'Macht Krankheit hässlich?'

© ORF/Nico Weber Film Der Philosoph Thomas Macho beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Sichtbarkeit des Todes.
Der Philosoph Thomas Macho beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Sichtbarkeit des Todes.
"Totentanz" lotet Perspektiven im Bereich der Medizin, Kunst und Philosophie aus, die aktuelle und zukünftige Debatten um unser Verhältnis zum Tod, zu Krankheit und Ausgrenzung, zum Verrücktsein und Ver-Rücktsein in doppeltem Sinne bestimmen. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Thomas Macho, der sich seit über dreißig Jahren mit der Sichtbarkeit des Todes beschäftigt, führt durch den Film. "Nicht dem Tod, sondern den Toten begegnen wir", meint Macho und trifft damit die Debatte um ein Tabuthema im Kern. In "Totentanz" allerdings begegnen wir auch Menschen, die diese Auseinandersetzung durch ihre Arbeit auf ganz andere Weise führen.

Thomas Macho: "Der Narrenturm ist ein seltsames Gebäude, das einen panoptischen Blick auf die dort eingesperrten Wahnsinnigen und Kranken erlauben soll.Diese ganzen medizinischen Lehrsammlungen, anatomischen Sammlungen im Narrenturm stellen natürlich Detailelemente eines großen Puzzles dar, in dem Gesellschaften darauf zu achten lernen, Kulturen darauf zu achten lernen auf welchen Wegen ihre Mitglieder sie verlassen und betreten."

© ORF/Nico Weber Film Der einzigartige Rundbau ist fünf Stockwerke hoch und hat einen Umfang von 66 Wiener Klaftern.
Der einzigartige Rundbau ist fünf Stockwerke hoch und hat einen Umfang von 66 Wiener Klaftern.
"Totentanz - Anatomie eines Ortes" bietet den Zuschauern im übertragenen Sinne einen Denkraum, einen Arbeits- und Schauraum an. Es ist ein Film über die Magie und die Lebendigkeit eines Ortes, an dem sich Leben und Tod die Hand reichen, aber auch Medizin, Kunst und Philosophie. "Totentanz" ist eine erstaunliche Expedition in die Schatzkammern der Medizin und entdeckt die geheimnisvolle und verstörende, aber auch tröstende Schönheit eines solchen Ortes.

Alfred Stohl, Historiker und Künstler: "Wenn man unten durch das Tor hineinkommt ist es immer so, als würde man in eine andere Welt hineintreten. Das Rasen des Weltgeschehens hebt sich hier auf. Das Ganze hat ja mit der Zeit zu tun. Der Narrenturm ist eine Zeitmaschine. Hier erlebt man Zeit anders, als wie wenn man draußen ist. Wenn man sich hier der Zeit besinnt auch der Leute hier, dann ist das wirklich einer der speziellsten Orte, die es überhaupt nur gibt."

Sendedaten
16./17. Oktober 2018
um 1.00 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Eine Dokumentation von Nico Weber, Österreich 2013
Info
Verein der Freunde der Pathologisch-anatomischen Museen Österreichs
Uni Campus, Spitalgasse 2 A-1090 Wien (Zugang: Van-Swieten-Gasse)
Tel. +43/1/ 52 177/606, Fax +43/1/ 52 177/607;
E-Mail: pat@narrenturm.at
Buchtipp
Der Narrenturm und die Rolle der Kontrolle
Auszug aus dem Buch
"Der Tod bei der Arbeit"
Gewalt der Bilder : Bilder der Gewalt
Ein Führer für Wien
von Rainer Metzger
Verlag Christian Brandstätter. Wien
ISBN-13: 978-3854982449
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