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Rückblick
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© ORF/Andreas Kuba Lupe
Alfred Müller (Chaim Miller)
Killing Nazis
Die Film-Doku "Killing Nazis" erzählt die reale Geschichte eines wahren "Inglourious Basterd", des heute 91-jährigen Alfred Müller aus Wien-Ottakring. Als Jugendlicher vor den Nazis nach Palästina geflüchtet, wurde er im Exil zu Chaim Miller und in einer Spezialeinheit der britischen Armee für den Einsatz als Agent in Nazi-Uniform ausgebildet. 1945 kehrte er als Soldat der "Jüdischen Brigaden" zurück nach Österreich, wo seine Eltern im Holocaust ermordet wurden. Alfred Müller übte mit seiner Einheit in Selbstjustiz Rache, indem er Dutzende SS- und Gestapoangehörige aufspürte, entführte, verhörte und hinrichtete.
Der Film lässt den Zuseher miterleben und mitfühlen, wie und warum Chaim Miller vom Opfer zum Täter wurde, und er zeigt eindrucksvoll, wie das Leben eines Menschen durch die Geschichte geprägt wird und wie die Geschichte durch das Leben eines Menschen beeinflusst wird.
Geboren 1921 im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring, wächst Alfred Müller im "roten Wien" auf, begleitet seinen Vater zu den Parteiveranstaltungen und großen Demonstrationen der Sozialdemokratie. Dass er Jude ist, "hatte für mich keine Bedeutung, denn Religion hat mich nie interessiert." Doch mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten erkennt Alfred Müller, "dass ich als Jude hier keine Zukunft habe" und beschließt, nach Palästina zu emigrieren. Dafür bricht er die Schule ab und macht die Lehre zum Schlosser. Mit dem Anschluss Österreichs im März 1938 "haben sie mich noch am selben Tag rausgeschmissen." Als er kurz darauf beim Treffen mit anderen zionistischen Jugendlichen, die sich gemeinsam auf die Emigration vorbereiten, von einem HJ-Trupp überfallen und blutig geschlagen wird, packt er seine Sachen. Seine Eltern wollen ihn zum Bleiben überreden, sagen "Dieser Hitler wird sich nicht halten", doch Alfred Müllers Entschluss ist gefasst. Im Februar 1939 hat der 17-Jährige die nötigen Papiere beisammen und verabschiedet sich von den Eltern: "Danach habe ich sie nie mehr wieder gesehen".

© ORF/Andreas Kuba Lupe
Alfred Müller mit Kippa und Hakenkreuzbinde
Am 15. März 1939 landet er illegal in Palästina. "Und das erste, das wir gehört haben, war, dass die Nazis an diesem Tag in die Tschechoslowakei einmarschiert sind." Alfred Müller baut mit Jugendlichen aus Österreich und Deutschland den Kibbutz Kfar Menachem auf: "Da war nichts, nur Steine und Hügel!" Lernt Hebräisch. Und nimmt schließlich den Namen Chaim Miller an.Zuhause in Wien wird sein Vater von der Gestapo zur Zwangsarbeit nach Norddeutschland verschleppt. 1941 kommt er zu Tode geschunden heim und stirbt an den Folgen von Folter und Haft. Seine Mutter wird im selben Jahr nach Riga deportiert. "Und was dort passiert ist, wissen wir: Sie wurde im Wald erschossen!"

© ORF/Andreas Kuba Lupe
In der Zwischenzeit hat der Krieg im fernen Europa ihn auch in Palästina eingeholt. Die italienische Luftwaffe bombardiert Tel Aviv und Generalfeldmarschall Rommel rückt immer weiter nach Palästina vor. "Und was dann mit den Juden passiert, das war uns klar!"In dieser Lage plant die zur Abwehr arabischer Überfälle gegründete Organisation Haganah, Vorläufer der späteren Armee Israels, ein streng geheimes Kommando-Unternehmen: Einige Dutzend Juden aus Österreich und Deutschland sollen hinter den deutschen Linien Sabotageakte ausführen - und müssen dafür als "echte Nazis" trainiert werden. Chaim Miller meldet sich sofort zur Ausbildung als Special Agent. "Wir haben nur Deutsch gesprochen, hatten deutsche Uniformen, deutsche Waffen und haben alles gelernt, was ein deutscher Soldat lernen muss." Dazu zählt auch das Liedgut der Nazis, das Chaim Miller bis heute gespeichert hat. Und so steht er am Beginn des Films mit der jüdischen Kippa am Kopf und der originalen Hakenkreuz-Armbinde seiner damaligen Uniform vor dem Kibbutz und singt das Horst-Wessel-Lied: "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert, mit ruhig festem Schritt." Einige Kameraden werden zur Einschulung zusätzlich als deutsche Kriegsgefangene in Lager der Briten geschmuggelt, wo sie deutsche Soldaten aushorchen. "Das Ganze war natürlich ein Himmelfahrtskommando."

Noch bevor seine "Deutsche Einheit" zum Einsatz kommt, schlägt der britische General Bernard Montgomery 1942 Rommels Panzerarmee zurück. Doch Chaim Miller und seine Kameraden möchten unbedingt ihren Beitrag zum Kampf gegen die Nazis, die ihre Familien zu Hause vernichten, leisten. Als die Truppe endlich den Marschbefehl erhält und im Mai 1945 in Italien landet, ist der Krieg in Europa gerade zu Ende. An den Seiten der vorrückenden Lastwagen hat die "Jewish Brigade" Transparente angebracht: "Deutschland kaputt! Kein Reich! Kein Führer! Die Juden kommen!" Die Briten fürchten Racheaktionen und stationieren die jüdischen Truppen deshalb nicht in Österreich oder Deutschland, sondern im italienischen Friaul. Millers Gruppe liegt in Camporosso bei Tarvis.

© ORF/Andreas Kuba Lupe
Alfred Müller (Chaim Miller) mit jüdischer Brigade
Chaim Miller, er ist jetzt 24 Jahre alt und erkennt, dass seine Eltern die Shoah wohl nicht überlebt haben, will etwas tun. Von den Überlebenden der Vernichtungslager, die nun in langen Kolonnen durchkommen, erfahren die Soldaten immer mehr über das unvorstellbare Ausmaß der Vernichtung der Juden - und damit der Auslöschung ihrer Familien.
So beschließen die Mitglieder der "Deutschen Abteilung" gemeinsam, Rache zu üben. "Denn es kann doch nicht sein, dass die einfach so davon kommen." Die geplante Selbstjustiz ist freiwillig: "Aber es war keiner dabei, der hier nicht mitmachen wollte."
Von jugoslawischen Partisanen erhalten sie Listen mit den Adressen hochrangiger SS-Männer und Gestapo-Beamter - insgesamt 700 Täternamen. Die geheime Aktion "Nakam" - das hebräische Wort für Rache - beginnt. In den nächsten Wochen fahren die "Inglourious Basterds" jeden Abend über die Grenze, nach Villach, Klagenfurt, Lienz und andere Orte im Süden Österreichs und klopfen bei NS-Schergen. "Wir haben sie als britische Soldaten zum Verhör eingeladen." Sobald die Männer auf den Lastwagen steigen, werden sie gefesselt und zugedeckt zurück über die Grenze nach Italien gebracht. Dort werden sie in einen Wald bei Malborghetto geführt, wo die jüdischen Soldaten "Gericht" halten. "Wir hatten ja keine richtigen Zeugen, wir wussten nur, was man uns erzählt hat. Aber in den meisten Fällen haben die Täter nicht geleugnet".

© ORF/Andreas Kuba Lupe
Alfred Müller (Chaim Miller) in Israel
Nach dem Verhör werden die in Selbstjustiz Verurteilten vor die Hütte geführt und angewiesen, ihr eigenes Grab zu schaufeln. "Wenn es genug tief war, habe ich gesagt "Stell dich da rein", dann habe ich die Pistole gezogen, der Schuss ist gefallen und er ist liegen geblieben, dann haben wir ihn zugedeckt und sind zurück gefahren."
Wie viele Nazis auf diese Weise ermordet wurden, ist bis heute unbekannt. "Wir haben nur bereut", sagt Chaim Miller, "dass wir nicht mehr gemacht haben. Aber wir waren halt auch begrenzt in unserem Machen."

Was er dabei gefühlt hat, Rache für den Holocaust zu nehmen? "Was ich damals gefühlt habe? Na, das gehört ihm! Nachdem, was passiert ist!"Die Geschichte von und über Alfred Müller/Chaim Miller erzählt fast ein Jahrhundert Geschichte: eine einzigartig bewegte Geschichte, in welcher der 91-jährige alte Mann Opfer und Täter, Helfer und Rächer, Kämpfer und Versöhner war und ist.
Berührend, schockierend, authentisch - immer bunt statt schwarz-weiß.Die Dokumentation erzählt ein Kapitel der Geschichte, das bisher so gut wie unbekannt ist: Der jüdische Überlebende als Rächer, als Täter, der Gestapo- und SS-Leute ausforscht, vernimmt und hinrichtet.
Der Film wirft viele Fragen zu Ethik, Gerechtigkeit, Hass, Selbstjustiz oder Moral auf, die Chaim Miller aus seiner damaligen und heutigen Sicht erörtert, die in der Doku von Menschen in seinem Umfeld diskutiert werden und die jeder Zuseher für sich selbst beantworten muss.
"Killing Nazis" ist ein schlichter, authentischer, bewegender Film.
Schauplätze sind in Österreich (Wien und Kärnten), in Italien (Friaul) und in Israel (Tel Aviv, Jerusalem, das Kibbuz Kfar Menachem, Haifa sowie die Wüste).

Sendedaten
Mittwoch, 15. Mai 2013
um 20.15 Uhr
Wiederholung:
Donnerstag, 16./17. Mai 2013
um 5.05 Uhr
Stereo, 16:9

Erstausstrahlung
Credits
Ein Film von Andreas Kuba, Österreich 2013
Buchtipp
Jim G. Tobias, Peter Zinke
Nakam - Jüdische Rache an NS-Tätern
Aufbau Taschenbuch 2003
ISBN-13: 978-3746680972
vergriffen - nur antiquarisch erhältlich
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