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Video online ab 20.5.2017, 6.00 UhrVideo online ab 20.5.2017, 6.00 Uhr
Älteste noch aktive Glockengießerei in Österreich
Glocken - Klang zwischen Himmel und Erde
Sie rufen zum Gebet und verkünden den Frieden. Sie wurden zu Kriegsgerät verschmolzen und danach Symbol des Wiederaufbaus. Sie sind der Inbegriff von Freudenklängen und vermelden das Sterben eines Menschen. Sie waren Folterinstrumente und sind Verkünder von Zeit und Vergänglichkeit. Sie sind das Symbol des christlichen Abendlandes - die Glocken.
Die Dokumentation von Helge Reindl geht den kulturgeschichtlichen Wurzeln der Glocken und ihrer Bedeutung für Religion und Gesellschaft heute auf den Grund. Glocken sind mindestens 3.600 Jahre alt und verkörpern daher einen bedeutenden Anteil an der menschlichen Kulturgeschichte. Was macht ihren Mythos aus? Warum werden sie als so archaisch empfunden? Es ist nicht der Wohlklang allein, der die Wahrnehmung des Glockenklangs bestimmt, wie die Professoren Bernhard Tschofen, Roland Girtler und August Schmidhofer in der Dokumentation erläutern.

Auch wenn Glocken der Überlieferung nach in China als Folterinstrumente eingesetzt worden sind - im Grunde werden sie rund um den Erdball mit dem Christentum identifiziert. In der römisch-katholische Kirche waren und sind sie die Chronometer für alle und auch ihre lautstarke "Artillerie", die zum Gebet ruft. Glocken sind sakrale Gegenstände, aber an ihnen trieb auch der Aberglaube seine skurrilsten Blüten. Eine solche Historie besitzt die evangelische Kirche Österreichs nicht, denn ihr war es noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verboten, Kirchtürme und Glocken zu besitzen.

Chinesische Glockendarstellung © ORF Chinesische Glockendarstellung
Glockenweihe  © ORF Glockenweihe
Historisches Glockengestühl © ORF Historisches Glockengestühl

Jedes Jahr erklingt zum Jahreswechsel eine der größten und bedeutendsten Glocken der Welt, die Pummerin, vom Stephansdom in Wien. Hoffnung auf ein "Gutes Neues Jahr" ist da ihre Botschaft, aber ihre Existenz allein ist mit tiefer Emotion verbunden. Als sie nach dem 2. Weltkrieg wieder auf den Turm gezogen wurde, war das für Österreich ein tiefes Erlebnis des neuen Friedens. Ihr mächtiger Klang gehört nicht nur einem Musikinstrument, sondern ist Teil der uralten Kulturgeschichte des Menschen.

Geburt eines Urklanges
Glocken sind bis heute Ergebnis eines Handwerks. Das Gießen einer Glocke ist die Geburt eines Urklanges. Trotz Einsatz von Computertechnik bleibt der Guss ein Schöpfungsakt, mit dem noch immer Bangen und Hoffnung verbunden sind. Österreich hat in der Geschichte des Glockengusses weltweit schon immer einen hervorragenden Ruf besessen.

Allegorische Darstellung der Herstellung einer Glocke  © ORF Historische Darstellung einer Glockengießerei
Mit 1.030 Grad fließt die flüssige Bronze in die Glockenform © ORF Das Gießen der Glocke
Entfesselung der Glocke: Der Gussmantel aus Lehm wird abgeschlagen © ORF Entfesselung der Glocke

Von den einst zahlreichen Betrieben sind zwar nicht mehr viele übrig geblieben, doch mit dem Unternehmen Grassmayr in Tirol werden Österreichs Glocken aufgrund ihrer Qualität bis nach Übersee exportiert. Bei ihm wird der Guss für die große Glocke von Lana in Südtirol mit der Kamera hautnah miterlebt.

Aber wie bringt man eine Glocke zum Schlagen?
© ORF Der letzte Glockenstrickmacher Europas
Der letzte Glockenstrickmacher Europas
Dafür bietet sich ein Besuch im Tiroler Götzens beim betagten Josef Abentung an, der wahrscheinlich der letzte Glockenstrickmacher Europas ist. Er erklärt die Kunst seines Handwerks am Originalschauplatz und mit Werkzeugen, die schon seit über 200 Jahren in der Familie verwendet werden. Oder man entscheidet sich für moderneres, zum Beispiel für eine elektrische Läuteanlage aus Salzburg, wo man auch Ratschen einer Größenordnung herstellt, die man sogar in Kirchtürmen aufstellen kann und die sehr weit zu vernehmen sind.

Gongs als konzertanter Glockenersatz
Apropos Klang: schon Richard Wagner wollte die Glocke in seinen Werken einsetzen - aber praktisch war das in einem Konzertsaal nicht möglich, so ließ er sich in London ähnliches anfertigen: große Gongs. Darüber spricht die Musikhistorikerin Birgit Lodes aus München, die auch verrät, wie menschliche Stimmen eine Glocke im Konzert nachahmen können.

Glocken haben nicht nur zu Ostern und zur Weihnachtszeit Saison. Der Schweizer und der Bayrische Rundfunk strahlen wöchentlich schon seit über 60 Jahren Glockensendungen aus. Warum das auch im Hightech-Zeitalter des dritten Jahrtausends so ist, erzählen ihre Redakteure Hans-Beat Flückiger und Georg Impler. Aber auch im ORF-Regionalprogramm verkünden sie bis heute täglich die Mittagsstunde.

Daher ist es zwar erstaunlich, aber nicht verwunderlich, dass man in der kleinen Tiroler Ortschaft Brandenberg während des Zweiten Weltkrieges Kopf und Kragen riskierte, um die eigene Kirchturmglocke vor dem Einschmelzen zu bewahren. Immerhin soll sie die Eigenschaft besitzen, durch ihren Klang Unwetter auf einen anderen Kurs zu bringen und von der eigenen Gemeinde abzuhalten.

Sendedaten
Samstag, 20. Mai 2017
um 9.35 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Eine Dokumentation von Helge Reindl, Österreich 2011
Sendung zum Thema
Eine Glocke für die Ewigkeit
In der Innsbrucker Glockengießerei Grassmayr wird für die neue rumänisch-orthodoxe Kathedrale die schwerste freischwingende Glocke der Welt gebaut. Sie wiegt über 25 Tonnen und ist größer als alle Glocken, die es bisher gab.
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