Doch die Prachtentfaltung in Afrikas Blumengarten ist nur von kurzer Dauer. Nach wenigen Wochen verwandelt sich das größte Blumenmeer der Welt in eine Wüste. Namaqualand zeigt damit sein wahres Gesicht. Nach wenigen Wochen des Überflusses müssen sich alle Bewohner auf die endlosen Monate der Trockenperiode einstellen. Einige der Blumen speichern ihre Feuchtigkeit für bessere Zeiten unterirdisch in Zwiebeln, andere in ihren voluminösen Blättern, manche amputieren sogar Teile ihres Körpers, um Wasser zu sparen. Besonders im Knersvlakte-Gebiet, einer Landschaft aus glitzernden weißen Quarzkieseln, lassen sich die extremsten Effekte beobachten. Wo sich kurz zuvor riesige Flächen mit gelben, violetten oder roten Mittagsblumen erstreckten, liegt jetzt nur mehr eine gleißende weiße Fläche: Die Blumen haben sich augenscheinlich in Steine verwandelt. Nur wenn man ganz genau hinsieht, kann man die Pflanzen und ihre unterirdischen Wasserspeicher erahnen.
Wer kann, verlässt diese Hölle. Die Strauße ziehen Richtung Küste, wo die Wüste ein milderes Gesicht hat. Die Nama zieht es mit ihren Schafen, Ziegen und Eselskarren in die entgegengesetzte Richtung: Sie folgen den uralten Wanderrouten der Springböcke ins Landesinnere. Überall ist es jetzt besser als in der öden Landschaft, die kurz zuvor noch Afrikas Blumengarten gewesen ist. Es bleibt nur, wer nicht anders kann. Wie die Erdmännchen, die jeden Tag tiefer und länger graben müssen, um fressbare Insektenlarven, Echsen oder Skorpione zu finden. Erdmännchen sind äußerst fürsorglich und hilfsbereit, nicht nur ihren Jungen gegenüber - auch untereinander. Doch der brennende Hunger bringt ihr Sozialsystem ins Wanken: Sie kämpfen mit ihren eigenen Jungen um die letzten Bissen.
Doch irgendwann, nachdem die Lebenskräfte aller Bewohner von Namaqualand bis ans äußerste Limit strapaziert worden sind, kehren sie wieder: die Regenstürme und Nebelbänke, die der Benguela-Strom über Namaqualand schickt. Nur ein Mal im Jahr kann der Kaltwasserstrom aus der Antarktis so weit nordwärts vorstoßen, dass seine Wettersysteme auch die Wüste von Namaqualand erreichen. Und eine wunderbare Verwandlung möglich machen: von der verbrannten Erde zum Blumengarten Afrikas.