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Vorschau
Sendung am 27. Oktober
Umbau der Alpen
Der Klimawandel bedroht den Wintersport. Viele Skigebiete in den Alpen sind nicht mehr schneesicher. Geröll- und Verkehrslawinen sowie die massive Verstädterung zeigen die Schattenseiten des Massentourismus.
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Rückblick
Sendung vom 13. Oktober
Sucht nach Soja
Die Sojabohne hat Wachstumsraten wie kaum eine andere Nutzpflanze der Welt. Sie steckt in Schokolade, Treibstoffen und im Futter für die Tiermast. Doch der weltweite Soja-Boom hat gravierende Folgen für Mensch und Umwelt.
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Inwieweit wirtschaftliche Überlegungen für Russlands Präsidenten Wladimir Putin eine Rolle spielen, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist er bereit, für seine Politik schwere ökonomische Verwerfungen inkauf zu nehmen. © ap Video
Inwieweit wirtschaftliche Überlegungen für Russlands Präsidenten Wladimir Putin eine Rolle spielen, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist er bereit, für seine Politik schwere ökonomische Verwerfungen inkauf zu nehmen.
Putin in der Klemme
Russland zwischen Sanktionen und billigem Öl
"Es kann eng werden für Putin", sagt Osteuropaexperte Wolfram Schrettl. Aller kraftstrotzenden Rhetorik zum Trotz lebt Russland von der Substanz. Die Devisenreserven schmelzen. Und von China sei keine Hilfe zu erwarten.
Gerade hat Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Fernsehinterview erläutert, wie er am 23. Februar 2014 den Befehl zu einer geheimen Kommandoaktion gab, mit der die Krim in den Schoß Russlands geholt wurde. Heute stehen von Moskau unterstützte Truppen im Osten der Ukraine. Wie weit sie gehen werden ist unklar. Das Minsker Friedensabkommen soll ein weiteres Vorrücken unterbinden. Doch Minsk II ist brüchig, der vereinbarte Rückzug schwerer Waffen kaum zu kontrollieren.

Wie lange kann sich Russland diesen Krieg noch leisten? Einerseits ist Moskaus Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau und der Rubel auf Talfahrt. Andererseits aber sitzt Russland noch immer auf hohen Gold- und Devisenreserven. Auch die Staatsverschuldung ist deutlich geringer als in den meisten westlichen Staaten.

Das Wirtschaftsmagazin "makro" sprach mit Wolfram Schrettl darüber, wie lang der Atem Putins tatsächlich ist. Wolfram Schrettl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaft Osteuropas an der Freien Universität Berlin.

makro: Die Informationen sind oft widersprüchlich. Mal liest man, Moskau stehe vor der Staatspleite. Dann wiederum heißt es, der Staatssäckel sei gut gefüllt. Wie geht es Russland wirklich?

Wolfram Schrettl: Rein finanziell steht Russland nicht unmittelbar vor einer Katastrophe. Der Verschlechterungstrend ist jedoch unübersehbar. Die russischen Devisenreserven betragen zwar noch stattliche 368 Mrd. US-Dollar. Aber sie standen schon einmal bei 600 Mrd. US-Dollar.

Die Auslandsschulden des russischen Staats, so heißt es manchmal irreführend, seien relativ niedrig: 41 Mrd. US-Dollar. Die Zahl vermittelt aber einen falschen Eindruck, denn sie berücksichtigt nicht die sehr hohe Verschuldung vor allem der russischen Staatsunternehmen wie Gazprom oder Rosneft oder der staatlichen Banken wie Sberbank. Bezieht man diese mit ein, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild: Die russische Auslandsverschuldung von Staat, Unternehmen und Banken schnellt plötzlich hoch auf bedenkliche 600 Mrd. US-Dollar.

Weil davon laufend etwas zur Rückzahlung fällig wird und Russland wegen der Sanktionen keinen Zugang mehr zu frischen Krediten hat, muss zur Schuldentilgung auf die Devisenreserven zurückgegriffen werden. Entsprechend schnell sinken diese Reserven.

Manchmal wird argumentiert, das russische Fluchtkapital im Westen könnte für die Tilgung russischer Auslandsschulden zur Verfügung stehen. Daher sei die Verschuldungsproblematik weniger dramatisch. Die Verfügbarkeit dieses Kapitals muss aber bezweifelt werden, denn die Motive für die ursprüngliche Kapitalflucht - Angst vor Putin und seinem Regime - sind ja nicht schwächer, sondern im Gefolge des Krieges eher noch stärker geworden.

Die russische Wirtschaft wird 2015 deutlich schrumpfen. Auf der Basis der gegenwärtigen wirtschaftlichen Trends kann Putin seine Politik wohl noch ein bis drei Jahre durchstehen. Wie lange genau, hängt vor allem von der Entwicklung des Ölpreises ab und erst an zweiter Stelle von der Beibehaltung oder Verschärfung der Sanktionen. Je niedriger der Ölpreis und je strikter die Sanktionen, desto eher kann es eng werden für Putin.

makro: Sollte das Land dringend Kredite benötigen: Stehen dann nicht schon die Chinesen parat? Wie gut ist die Achse Moskau - Peking?

Wolfram Schrettl: Die Devisenreserven Chinas liegen ungefähr beim Zehnfachen der russischen Reserven. Insofern wäre China bestens gerüstet, Russland finanziell aus der Patsche zu helfen. Aber China verfolgt bekanntlich sehr unverhohlen eigene Interessen. Ob die chinesischen Kreditkonditionen dann für Herrn Putin akzeptabler ausfallen würden als heute z. B. die Konditionen der europäischen Gläubigerstaaten für das Griechenland des Herrn Tsipras, darf bezweifelt werden. Selbstlose "brüderliche Hilfe" kann jedenfalls von den Chinesen nicht erwartet werden. Und sie neigen auch nicht zu romantischen Konzepten à la "Modernisierungspartnerschaft" auf der Basis "gemeinsamer Werte".

makro: Welche Überlegungen spielen überhaupt ökonomische Faktoren für Wladimir Putin?

Wolfram Schrettl: Schon in seiner Dissertation betrachtete Putin den Energiereichtum als Basis für die weltpolitische Macht Russlands. Ansonsten aber spielen ökonomische Faktoren für ihn weder eine dominierende Rolle noch ist klar, wie viel von den wirtschaftlichen Zusammenhänge er überhaupt versteht. Jedenfalls ist er unübersehbar bereit, erhebliche ökonomische Nachteile in Kauf zu nehmen, um "Immobilienerwerb mit Waffengewalt" zu betreiben. Dabei kann er sich anscheinend auf die berühmte Leidensfähigkeit eines überwiegenden Teils der russischen Bevölkerung verlassen. Aber auch diese Leidensfähigkeit ist nicht grenzenlos. Sonst gäbe es die Sowjetunion heute noch.

makro: Mal ganz abgesehen vom Öl- und Gasreichtum: Es gibt wohl kaum ein Flugzeug auf der Welt ohne russisches Titan. Wie wichtig ist Russlands Wirtschaft für den Rest der Welt?

Wolfram Schrettl: Russlands Wirtschaft ist natürlich keinesfalls völlig unwichtig. Aber Russland ist auf den Rest der Welt deutlich stärker angewiesen als umgekehrt der Rest der Welt auf Russland. Das gilt auch für die Energieressourcen. Zur Not kommt die Welt ohne russisches Öl und Gas aus - längerfristig allemal. Russland kann aber umgekehrt ganz und gar nicht auf die Deviseneinnahmen aus den Energieexporten verzichten. Sie sind das Standbein der russischen Wirtschaft.

In Bezug auf Titan droht übrigens neues Unheil für Russland, ähnlich wie durch Fracking bei Öl und Gas: Gerade wurde eine neue Legierung aus Eisen und Aluminium entwickelt, die stärker ist als Titan, bei nur einem Zehntel der Herstellungskosten.

Das Interview führte Eva Schmidt

Info
LupeProf. Wolfram Schrettl
Schrettl ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. Sein Schwerpunkt ist die Wirtschaft Osteuropas.
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Osteuropaexperte Prof. Wolfram Schrettl, sagt, bereits die Ankündigung von Wirtschaftssanktionen treffe Russland hart. Europa sei für das Riesenreich unverzichtbar.
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Seit dem immer schamloseren Eingreifen russischer Truppen im Osten der Ukraine greift die EU zur Sanktionskeule. Der Kreml keilt zurück. Russland erleidet die größeren Schmerzen. Die EU ist sich aber wieder einmal nicht einig.
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