Freitag 21.00 Uhr
Kalender
Mai 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03040506
07
08
09
10
111213
14
15
16
17
181920
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Vorschau
Sendung am 3. Juni
Kommt der Brexit?
Es steht viel auf dem Spiel für Großbritannien am 23. Juni: Der Brexit könnte die Wirtschaft des Königreichs ins Wanken bringen. Und Europa Freigeist, Common sense und Pragmatismus kosten.
Navigationselement
Rückblick
Sendung vom 13. Mai
Griechenland
Rentenreform, Privatisierungen, Steuererhöhungen. Die griechische Regierung muss weiter die Auflagen für neue Hilfsgelder umsetzen. Proteste dagegen legten jüngst das Land lahm.
Navigationselement
Diese beiden neugierigen Gesellen haben offensichtlich ein glückliches Schweineleben. Damit sind sie unter ihren Artgenossen eine große Ausnahme. © colourbox.de Video
[>> Interview aus der Sendung ansehen]
Mehr Tierschutz!
Wie bekommt Fleisch einen anständigen Preis?
Alle wollen artgerechte Nutztierhaltung. Zahlen muss es der Verbraucher. Agrar-Experte Folkhard Isermeyer im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt über die Schizophrenie des Kunden und einen Weg aus dem Dilemma.
Sich über Tierquälerei aufregen und gleichzeitig Billigfleisch kaufen? Das Wirtschaftsmagazin "makro" sprach mit Prof. Folkhard Isermeyer über den richtigen Umgang mit Nutztieren und die Rolle des Verbrauchers.

makro: Herr Prof. Isermeyer, zur Grünen Woche steht die Massentierhaltung massiv in der Kritik. Was konkret muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Folkhard Isermeyer: Ich habe hierzu zwar eine persönliche Meinung, fände es aber falsch, diese hier öffentlich zu äußern. Denn die Frage, wie wir mit Nutztieren umgehen sollten, ist eine letztlich ethische Frage, bei deren Beantwortung die Meinung jedes Bürgers genauso viel zählen sollte wie das persönliche Werturteil einzelner Experten.

Eine erste Herausforderung besteht also schon einmal darin, genauer als bisher zu ergründen, welche Form der Nutztierhaltung sich unsere Bevölkerung mehrheitlich eigentlich wünscht. Bisher wissen wir vor allem, was kritisiert wird: zu wenig Platz, keine abwechslungsreiche Umgebung, immer weniger Auslauf ins Freie. Offenbar ist ein Großteil der Deutschen der Meinung, dass unsere Tierhaltung zu stark auf Hochleistung und Wachstum getrimmt ist.

makro: Apropos Hochleistung und Wachstum: Deutschland ist mittlerweile einer der weltweit größten Exporteure von Schweinefleisch. Machen auch die geringen Tierschutzauflagen die deutsche Fleischproduktion so wettbewerbsfähig?

Folkhard Isermeyer: Aktuell ist Deutschland - hinter den USA - der zweitgrößte Exporteur von Schweinefleisch, aber auch - hinter China - der zweitgrößte Importeur. Das zeigt, wie stark unsere Ernährungswirtschaft in den internationalen Handel eingebunden ist. Der Saldo von Export und Import, d. h. Nettoexport, hat sich für die deutsche Schweinehaltung positiv entwickelt: In der Rangliste der Nettoexporteure liegt Deutschland hinter den USA, Dänemark und Spanien auf Rang 4.

Diese starke Wettbewerbsstellung lässt sich nicht durch Unterschiede in den Tierschutzstandards erklären. Wenn man im Bereich der staatlichen Regelungen nach Ursachen suchen wollte, dann würde man wahrscheinlich eher bei den Sozialstandards fündig werden - insbesondere bei der späten Einführung des Mindestlohns - und bei den Umweltstandards, Stichwort: regionale Überdüngung.

makro: 2015 startete der Handel die "Initiative Tierwohl". Für jedes verkaufte Kilo Schweine- oder Hühnerfleisch fließen vier Cent in einen Fonds ein, aus dem Landwirte für eine bessere Tierhaltung bezuschusst werden. Ihre Bilanz nach einem Jahr?

Folkhard Isermeyer: Ich halte es für ein starkes Signal, dass sich die gesamte Branche - Landwirte, Schlachtereien, Lebensmittelhandel - auf gemeinsame Ziele verständigen konnte und Geld in die Hand genommen hat, um diese Ziele konkret anzusteuern. Positiv ist auch, dass mehr Landwirte mitmachen wollen als zunächst erwartet wurde. Das führt allerdings dazu, dass der bereitgestellte Finanztopf zu klein ist und viele Landwirte auf der Warteliste stehen.

Hier sehe ich eine doppelte Herausforderung: Zum einen muss rasch ein Weg gefunden werden, um das Finanzvolumen aufzustocken; dabei könnte auch die Agrarpolitik mithelfen. Zum anderen müssen die Brancheninitiative und andere Lösungskonzepte konzeptionell zusammengespannt werden, denn mit der Brancheninitiative allein wird sich auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung erreichen lassen.

makro: Im aktuellen Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums fordern neun von zehn Bundesbürgern eine artgerechte Nutztierhaltung. Trotzdem bleibt der Fleischkonsum unverändert hoch. Welche Verantwortung trägt der Verbraucher in dieser Debatte?

Folkhard Isermeyer: Solange die Verbraucher an der Ladentheke die freie Wahl haben, werden die meisten Menschen morgens billig einkaufen und sich dann abends vor dem Fernseher darüber entrüsten, dass die Fleischerzeugung so einseitig auf Kostenminimierung ausgerichtet ist. Ich halte nichts davon, dieses Verhalten anzuprangern und an die Verbraucher zu appellieren, durch ein verändertes Einkaufsverhalten für eine bessere Welt zu sorgen. Wenn wir gesellschaftliche Ziele erreichen wollen, muss die Politik aktiv werden und die Spielregeln für Wirtschaft und Verbraucher ändern.

makro: Auch die wissenschaftlichen Berater der Bundeslandwirtschaftsministeriums fordern mehr Tierschutz und veranschlagen drei bis fünf Milliarden Euro Mehrkosten im Jahr. Soll das allein der Verbraucher zahlen?

Folkhard Isermeyer: Im Endeffekt wird es vermutlich darauf hinauslaufen. Die erforderlichen Milliardenbeträge lassen sich grundsätzlich über zwei Kanäle generieren, entweder über Steuermittel oder über Verbraucherausgaben. Mehr Steuermittel für den Tierschutz könnten zum Beispiel durch einen Umbau der Agrarpolitik bereitgestellt werden, indem die Flächenprämien gesenkt und die freiwerdenden Mittel zugunsten der Tierhaltung genutzt werden. Oder auch dadurch, dass man z. B. die Mehrwertsteuervergünstigung für Fleisch abschafft. Ob sich hierfür politische Mehrheiten finden ließen, erscheint mir nach den bisherigen Erfahrungen jedoch fraglich.

Für die Variante "Finanzierung durch die Verbraucher" gibt es ein historisches Vorbild, nämlich die kollektive Auslistung der Eier aus Käfighaltung vor rund 10 Jahren. Im ersten Schritt gibt die Politik mit Hilfe einer staatlichen Produktkennzeichnung vor, wohin sie die nationale Tierhaltung führen will. Im zweiten Schritt organisiert der Sektor, unterstützt durch die Politik, einen speziellen Marktkanal für die erwünschten Produkte (mit entsprechender Produktkennzeichnung). Im dritten Schritt listen dann die Lebensmittelkonzerne, angetrieben durch die öffentliche Meinung, die unerwünschten Produkte nach und nach aus. Für den ersten Schritt hat der Deutsche Tierschutzbund mit seinem Tierschutzlabel für Schweine- und Geflügelfleisch bereits eine sehr gute Vorlage geliefert. Hier könnte die Politik anknüpfen.

Sendungstip
© reutersRevolution an der Fleischtheke
Bilder aus der Massentierhaltung verderben vielen Verbrauchern den Appetit. Tierschutz spielt daher beim Verkauf von Fleisch eine wachsende Rolle. Aber Knackpunkt bleibt der Preis.
(Freitag, 22. Januar, 21.00 Uhr)
Zur Person
Prof. Dr. Folkhard Isermeyer
Isermeyer leitet das Thünen-Institut in Braunschweig. Das Institut gehört zur Bundesforschung und berät das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Folkhard Isermeyer ist einer der einflussreichsten Agrarökonomen Deutschlands. Er plädiert dafür, mit Hilfe einer nationalen Nutztierstrategie eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung anzusteuern.
Archiv
Die Ware Tier
Im Laufe seines Lebens verspeist jeder Deutsche vermutlich mehr als 1000 Tiere. Darunter vier Kühe, 46 Schweine und 945 Hühner. makro zeigt, welche Bedeutung der Faktor Tier heute in der Wirtschaft einnimmt und welche Folgen dies für Mensch, Tier und Umwelt hat.
Schwerpunkt
Agrar & Ernährung
mehr zum Thema