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Abends im Büro: Ein Mitarbeiter macht Überstunden - aus Loyalität, aus Ehrgeiz, für die Karriere. Ein Gewinner steht dabei fest: sein Arbeitgeber. © dpa Lupe
Abends im Büro: Ein Mitarbeiter macht Überstunden - aus Loyalität, aus Ehrgeiz, für die Karriere. Ein Gewinner steht dabei fest: sein Arbeitgeber.
Arbeit - Mehr für Weniger
Warum Angestellte sich trotzdem krumm machen
Arbeit generiert nicht nur Einkommen - wir erwarten von ihr auch Erfüllung. Arbeitgeber haben längst gelernt, dies auszunutzen, erklärt Historikerin Sabine Donauer im Vorabinterview mit Eva Schmidt.
Das Heiligste, was der Deutsche hat, ist seine Arbeit, das wusste schon Kurt Tucholsky. Und so ist es wohl nicht weiter verwunderlich, dass wir von unserer Arbeit nicht nur Einkommen, sondern auch Erfüllung und Selbstverwirklichung erwarten. Im Vorfeld der Sendung erklärt die Historikerin Sabine Donauer makro-Moderatorin Eva Schmidt, warum wir mit dieser Haltung einem Irrglauben aufsitzen.

makro: Frau Donauer, die Zahl der Burn-out-Erkrankungen steigt. Liegt das an der Arbeit oder an der Einstellung zur Arbeit?

Sabine Donauer: Burnout wird vor allem als Zustand "emotionaler Erschöpfung", der Leere und der Sinnlosigkeit verstanden. Betroffene, so heißt es, haben das "Gefühl" des Überfordertseins. Diese Beschreibung lässt interessante Rückschlüsse auf unser heutiges Arbeitsverständnis zu: Wir erwarten, dass die Arbeit sinnhaft ist, uns emotional erfüllt. Dass es sich bei zahllosen Arbeitstätigkeiten jedoch um Aufgaben handelt, für die ein Gefühl der Bedeutsamkeit nur schwer aufzubringen ist, wird im Reden über Burnout kaum thematisiert. Stattdessen wird automatisch vorausgesetzt, dass Arbeit sinnvoll ist und das Arbeitspensum angemessen und nicht zu hoch. Schuld am Burnout sind also nicht die überbordenden Anforderungen, sondern der Einzelne, der die Anforderungen nicht gut "managed". Diese Sicht halte ich für einseitig, bei ständigen Produktivitätssteigerungen ist es wahrscheinlich, dass Menschen von der Arbeitswelt tatsächlich überfordert sind und sich nicht nur so "fühlen".

makro: Sie haben in Ihrer Forschung festgestellt, dass konkrete Absicherungen gefährdeter seien, je emotionaler die Rhetorik der Arbeitgeber werde - zum Beispiel durch den Begriff der Selbstverwirklichung. Das heißt im Klartext: Arbeitgeber spielen uns gute Gefühle vor, damit wir nicht merken, dass wir zu wenig verdienen?

Sabine Donauer: Seit den 1970er Jahren hat sich die Produktivität pro Arbeitnehmer pro Arbeitsstunde verdoppelt, die Reallöhne sind jedoch stagniert oder gesunken. Genau in diesen Zeitraum fällt bemerkenswerterweise die Entwicklung des heutigen Human-Resource-Managements, welches explizit fragt: Wie können Vorgesetzte ihre Mitarbeiter durch Ausstrahlungskraft begeistern, durch spannende Ideen inspirieren oder durch individuelle Wertschätzung so emotional bewegen, dass sie sich selbstlos für bestimmte Personen oder Ziele engagieren, ohne eine materielle Gegenleistung zu erwarten? Das Missverhältnis aus enormen Produktivitätssteigerungen ohne Wohlstandsgewinne wären über die letzten Jahrzehnte ohne eines nicht möglich gewesen: die Bereitschaft vieler Menschen, sich auf weniger Absicherung und Entlohnung einzulassen, weil ihnen ihr Job doch eigentlich "Spaß" macht.

makro: Die Arbeitgeberverbände schlagen vor, den Acht-Stunden-Tag aus dem Arbeitsgesetz zu streichen. Wären heute nicht in der Tat flexiblere Arbeitszeitenregelungen zeitgemäßer?

Sabine Donauer: Der BDA argumentiert, diese Flexibilisierung würde die Abläufe in den Betrieben produktiver und effizienter machen. Dies wiederum zöge Wohlstandsgewinne nach sich. Jedoch hat von den Wohlstandsgewinnen der letzten Jahrzehnte die Mehrheit der Beschäftigten nicht profitiert, beispielsweise werden in Aktiengesellschaften immer größere Teile der Gewinne an die Investoren ausgeschüttet. Bereits jetzt gilt: In keinem Land der Euro-Zone gibt es einen so großen Unterschied zwischen der tarifvertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeit und der tatsächlichen Wochenarbeitszeit wie in Deutschland. Umfragen wie der "Index Gute Arbeit" zeichnen ein deutliches Bild: 62% der Beschäftigten arbeiten mehr als 40 Stunden pro Woche, doch nur bei 42% ist diese Arbeitszeit auch im Vertrag so festgelegt. Über zwei Drittel der Arbeitnehmer wünschen sich, weniger zu arbeiten.

makro: Und dennoch streiken im internationalen Vergleich die Deutschen relativ wenig. Sind wir zu zaghaft, stärker für unsere Rechte einzutreten? Oder geht es uns einfach besser als den anderen?

Sabine Donauer: Die Sozialgeschichte erklärte die abnehmenden Streikzahlen in den 1950er und 1960er Jahren ursprünglich damit, dass es den Menschen in den Wirtschaftswunderjahren immer besser ging. Folgt man dieser Logik, müsste es heute wieder mehr Streiks geben, denn: Die Nettolohnquote, d.h. der Anteil der Einkommen am Volksvermögen sinkt beständig - im Gegensatz zu den Kapitaleinkünften. Lag die Nettolohnquote in den 1960er Jahre noch bei 56%, so ist es heute um die 40%. Gemessen daran herrscht eine erstaunliche Konfliktferne. Sie hängt mit Sicherheit damit zusammen, dass jene 22% der Arbeitnehmer in Deutschland, die dem Niedriglohnsektor zuzuordnen sind, schlicht keinen ausreichenden Druck auf dem Arbeitsmarkt aufbauen können. Und jene, die es könnten - die gut qualifizierten Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich - tun es nicht. Sie sind meist Individualisten, die den Verheißungen des "Work Hard - Play Hard" folgen, also mit Leidenschaft bei der Sache sind, ohne an immer höheren Anforderungen bei sinkender Absicherung Anstoß zu nehmen.

makro: Sie haben über die Geschichte der Arbeitsgefühle promoviert. Was können heutige Arbeitnehmer aus dieser Geschichte lernen?

Sabine Donauer: Über die letzten 100 Jahre zeichnet sich ab, dass unser Arbeitsplatz zwar "emotionaler" geworden ist, d.h. freundlicher, wertschätzender, behaglicher und persönlicher als der Betrieb um 1900. Jedoch hat diese Entwicklung ihren Preis: Die Toleranz der Unternehmen für körperliche Erschöpfungszustände ist beispielsweise gesunken. Wer nicht mehr kann, setzt sich dem Verdacht aus, schlicht nicht "motiviert", also nicht emotional genug mit der Firma verbunden zu sein. Zudem herrscht nun seit 30 Jahren das Bild vor, dass nur die Maximierung des eigenen "Potentials" den Arbeitnehmer glücklich mache. Früher wurde Arbeit einfach nüchterner als Mittel des Gelderwerbs betrachtet, nicht so sehr als ein Mittel, um persönlich zufrieden zu werden. Wer 100 Jahre zurückblickt, sieht, dass die Ansprüche der Unternehmen an die emotionalen Ressourcen der Mitarbeiter über lange Zeit weit weniger hochgeschraubt waren. Sich von dieser hohen Erwartungshaltung an unsere Leistungsfreude wieder freier zu machen, dazu kann die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Arbeitsgefühle beitragen.

Zur Person
Sabine Donauer
Die Historikerin Sabine Donauer hat an der FU Berlin über die Gefühle geforscht, die Unternehmen seit Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Arbeitnehmern zu kultivieren versuchen. Für diese Doktorarbeit erhielt sie den Deutschen Studienpreis 2014. Ihre Doktorarbeit ist ab dem 31. Oktober auch als Buch im Handel bei der Edition Körper erhältlich.

Am Freitag wird Sabine Donauer zu Gast bei makro sein.
Thema der Sendung
© reutersArbeit im Wandel
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung steht in Lohn und Brot. Und damit so viele Menschen wie noch nie. Gleichsam ändert sich die Arbeitswelt rasant. Sie wird flexibler, anspruchsvoller, unberechenbar.
Gespräch
"Leistungsfähigkeit ist Frage der Motivation"
Sabine Donauer hat über die Gefühle geforscht, die Menschen seit Beginn des 20. Jahrhunderts ihrer Arbeit entgegenbringen.
nano spezial
Arbeitswelten
Arbeiten bis zum Anschlag, immer erreichbar sein, Überstunden freiwillig und unentgeltlich - für viele ist das in der modernen Arbeitswelt ganz normal.