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Automobilfertigung bei Daimler: Der Wasserverbrauch in der Industrie ist immens. Er verbirgt sich jedoch in der gesamten Produktionkette rund um den Globus. © Daimler AG Lupe
Automobilfertigung bei Daimler: Der Wasserverbrauch in der Industrie ist immens. Er verbirgt sich jedoch in der gesamten Produktionkette rund um den Globus.
Top-Wirtschaftsrisiko
Industrieproduktion durch Wassermangel bedroht
Das Weltwirtschaftsforum in Davos hat den weltweiten Wassermangel auf Platz 1 der Wirtschaftsrisiken gesetzt. makro-Moderatorin Eva Schmidt fragt Philipp Wagnitz, Wasserexperte des WWF, wie ernst die Lage ist und was auf Unternehmen und ihre Produktionskette zukommt.
Weltweit stirbt jede Minute ein Kind unter 5 Jahren, das allein durch sauberes Wasser hätte gerettet werden können. Wassermangel ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. In einem Vorab-Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt erklärt Philipp Wagnitz, Wasserexperte des WWF, warum sich die Folgen aber nicht nur zu einer sozialen Katastrophe entwickeln.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos habe in diesem Jahr den weltweiten Wassermangel sogar auf Platz 1 der Wirtschaftsrisiken gesetzt. Viele Unternehmen hätten bereits erkannt, dass der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser auch über das eigene Produktionsrisiko entscheide, erklärt Philipp Wagnitz gegenüber "makro". Das Wachstum vieler Länder werde an seine Grenzen stoßen, wenn es die Regierungen nicht schafften, ihre Wasserprobleme in den Griff zu bekommen. Der Verbraucher in Deutschland solle stärker einfordern, über die Herkunft von Waren und den dortigen Umgang mit Wasser aufgeklärt zu werden, so Wagnitz weiter.

makro: In einem so wasserreichen Land wie Deutschland gibt es ein "importiertes Wasserrisiko", schreiben Sie in einer Studie. Was meinen Sie damit?

Philipp Wagnitz: Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in Deutschland genug Wasser. Bei uns fällt genug Regen, und die staatliche Regulierung funktioniert. Ganz anders sieht es in weiten Teilen der Welt aus. In vielen Ländern kommt es jährlich zu Dürren, die vor Ort Mensch, Natur und die wirtschaftliche Produktion treffen. Ein prominentes Beispiel ist die anhaltende Dürre in Kalifornien oder Sao Paulo. Wenn nun zur Herstellung unserer Importwaren wie Lebensmittel oder Kleidung im Ursprungsland Wasser gebraucht wird, ist auch unsere Wirtschaft angesprochen.

makro: Das heißt, Unternehmen sollten auf einen achtsameren Umgang mit Wasser im Produktionsland drängen?

Philipp Wagnitz: Der Bericht des Weltwirtschaftsforums 2015 zeigt, dass Wasser Platz 1 der Wirtschaftsrisiken einnimmt. Viele große Unternehmen haben das bereits verstanden und versuchen nun, ihrer unternehmerischen Verantwortung und dem eigenen Produktionsrisiko gerecht zu werden. Dabei ist die Verringerung des Wasserverbrauches aber nur der erste Schritt. Wasserfragen sind immer auch Flussgebietsfragen. Man kann noch so effizient sein und trotzdem betroffen, wenn die Anderen im Flussgebiet nicht mitspielen. Einige Unternehmen arbeiten bereits in diese Richtung.

makro: Besteht das Risiko, dass bestimmte Waren aus dem Ausland nicht mehr nach Deutschland geliefert werden können?

Philipp Wagnitz: Schon heute kommt es ständig zu dürrebedingten Ernteausfällen. Derzeit kann dabei der Einzelhandel oft noch kurzfristig abschwenken und woanders einkaufen. Unter dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung, dem globalen Streben nach einem höheren Lebensstandard und den Folgen des Klimawandels wird diese Flexibilität jedoch immer stärker eingeschränkt. Um unseren "Durst" zu stillen, wird die Menschheit bis 2025 ca. 30 Prozent mehr Wasser verbrauchen - und schon heute sind vielerorts die natürlichen Grenzen erreicht.

makro: Kann der Verbraucher mit einem gezielten Kaufverhalten auf einen besseren Umgang mit Wasser einwirken?

Philipp Wagnitz: Da es bei Wasserproblemen immer auf den lokalen Kontext ankommt, ist die erste Frage sicherlich, woher das Produkt stammt, das ich kaufe. Wenn diese Information fehlt, kann die Situation nicht bewertet werden. Wichtig ist es, dass sich international tätige Unternehmen in Deutschland mit dem Thema Wasser innerhalb ihrer Lieferketten beschäftigen. Ein wichtiger Schritt dahin ist, dass der Verbraucher es fordert.

makro: Länder wie China, Indien oder Brasilien, die seit Jahren mit beachtlichen Wachstumszahlen glänzen, haben gleichzeitig aber auch ein beachtliches Wasserproblem. Wird eines Tages der Umgang mit Wasser über den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes entscheiden?

Philipp Wagnitz: Das sind gute Beispiele, denn China und Brasilien haben aktuell sehr unterschiedliche und nicht minder große Wasserprobleme. In China kommt die wirtschaftliche Produktion im wasserarmen Norden an ihre Belastungsgrenze. Um die Defizite auszugleichen, betreibt China mit dem Süd-Nord Wassertransferkanal derzeit das größte Bauvorhaben seit Menschengedenken. In Brasilien kommt es aufgrund der expansiven Landwirtschaft in den trockeneren südlichen Gebieten nahe Sao Paulo auch heute schon zu so starken Dürren, dass in Sao Paulo an Tagen das Trinkwasser abgestellt wird. Der Umgang mit Wasser entscheidet bei beiden Ländern also heute schon über den wirtschaftlichen Erfolg.

makro: Wassermangel ist ein globales Problem, das sicherlich nicht in einem Ruck zu lösen ist. Aber was müsste Ihrer Meinung nach in einem ersten Schritt konkret geschehen?

Philipp Wagnitz: Auch wenn es bei uns genug Wasser gibt, muss in Deutschland das Thema ernst genommen werden. Neben praktischen Verbrauchertipps wie "kaufe regional und saisonal und iss weniger Fleisch" sollten global agierende Unternehmen ihre Wasserrisiken kennen und Ihre Produzenten und Lieferanten unterstützen, nachhaltiger zu wirtschaften. Auf der internationalen Ebene muss zukünftig das Ziel Nummer 6 der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen umgesetzt werden. Darin heißt es, dass Wasser nachhaltig bewirtschaftet werden muss, damit jeder genug davon hat.

Freitag, 11. September 2015,
21.00 Uhr
Thema der Sendung: Wasser
Kostbares Nass
Wasser wird in den kommenden Jahrzehnten wichtiger werden als Öl. Der Vorrat an sauberem Wasser erschöpft sich schneller, als er erneuert werden kann. Wassermangel ist also eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit.
Info
LupePhilipp Wagnitz
Philipp Wagnitz ist Referent "Water Stewardship" bei der Umweltschutzorganisation WWF in Berlin. "Water Stewardship" beschäftigt sich mit der Frage, wie man Unternehmen in die nachhaltige Nutzung der öffentlichen Ressource miteinbinden kann. Wagnitz studierte Biologie und Ressourcenmanagement in Bochum und Köln. Am Freitag ist er zu Gast bei makro.
Studie
The Imported Risk: Germany's Water Risks in Times of Globalization
Wasser gehört zu den wichtigsten Produktionfaktoren - egal ob für Nahrungsmittel, Kleidung oder Autos. Deutschland als eine in der globalisierten Welt umfassend vernetzte Volkswirtschaft stellt dies vor besondere Herausforderungen. makro-Gast Philipp Wagnitz ist Mitautor dieser Studie, die Sie hier finden.
Schwerpunkt
© apWasser