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Vorschau
Sendung am 8. Dezember
Kollege Roboter
Die Roboter kommen. Vernetzt sind sie, unermüdlich und schlau. Sie werden die Arbeitswelt umkrempeln. So wie einst die Feldarbeit der Industrie weichen musste und diese später der Dienstleistungsgesellschaft. Das muss nicht schlecht sein.
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Rückblick
Sendung vom 1. Dezember
Der Nordkorea-Konflikt
Das Risiko für einen militärischen Konflikt mit Nordkorea war noch nie so groß. Die Vereinten Nationen haben darauf mit weiteren Wirtschaftssanktionen gegen das Land reagiert.
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Investitionen in die Landwirtschaft sind in den letzten Jahren stark gestiegen. © dpa Lupe
Investitionen in die Landwirtschaft sind in den letzten Jahren stark gestiegen.
Getreide im Schweinezyklus
Wie Investitionen die Welternährung retten
Die Preise für Weizen, Mais und Soja haben unmittelbaren Einfluss auf den Hunger in der Welt. Seit einigen Jahren fallen sie. Paradoxerweise lautet das beste Mittel gegen hohe Preise - hohe Preise.
Gefühlt steigen die Preise für Agrarrohstoffe wie Getreide immer höher. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: wachsende Weltbevölkerung, veränderte Ernährungsgewohnheiten, sinkende landwirtschaftlich nutzbare Fläche, Klimawandel, Biosprit, Spekulation. Alles richtig, die Story stimmt, die Bedrohung der Welternährung ist greifbar und wird medial gerne wiederholt. Nur das wesentliche wird übersehen: Die Preise für Weizen, Mais & Co fallen seit Jahren.

Vor zehn Jahren hingegen war die Welt noch eine andere. Die Landwirtschaft rund um den Globus befand sich in einer Art Koma. Die Preise für Agrargüter waren so niedrig wie niemals zuvor. Der Bauer war wirklich der Dumme. Zu verdienen gab es in der Landwirtschaft nichts. Und wo es nichts zu verdienen gibt, wird auch nicht investiert.

Plötzlich sah sich dieser eingerostete Betrieb mit Wucht herausgefordert. Die Schwellenländer traten als neue Nachfrager auf den Plan, allen voran China. Dort stieg der Verbrauch von Weizen und grobkörnigem Getreide (Wheat and Coarse Grains) laut United States Department of Agriculture (USDA) zwischen 2003 und 2014 von 243 auf 361 Mio. Tonnen. Ökonomisch betrachtet traf steigende Nachfrage auf ein starres Angebot. Die Getreidepreise ziehen an.

Angst vor Hunger
Der Klimawandel warf seine Dürren voraus, zunächst noch eher in der Prognose als der Wirklichkeit. Entscheidend ist aber die Erwartung. Und die sagt: In Zukunft wird alles schlimmer. Die Preise steigen schneller.

An den Rohstoffbörsen entwickelt sich ein vielversprechender Trend. Der ruft Spekulanten auf den Plan. "Buy low, sell high" ist das Gebot der Stunde. Zudem herrscht Anlagenotstand. 2005 sind die Zinsen im Dollarraum zu niedrig und die Inflation zu hoch. Mehr Kapital als sonst flieht in den Rohstoffsektor, auch in Agrarrohstoffe. Es sucht nach realen Werten. Die Getreidepreise steigen noch schneller - bis sie, im Sommer 2008, dreimal so hoch standen wie ein paar Jahre zuvor.

Die Ärmsten dieser Welt konnten sich noch schlechter mit Lebensmitteln versorgen als ohnehin schon. Es kam zu Protesten, teils zu Aufständen. In Ägypten fehlte es an Weizen für Brot, in einigen Ländern Asiens am Grundnahrungsmittel Reis. Dies zeigt die Brisanz steigender Getreidepreise.

Der Einfluss der Spekulation
Mit der Finanzkrise war der Spuk vorbei. Das ganze spekulative Kapital verließ die Rohstoffmärkte fluchtartig oder setzte auf fallende Kurse. Die Preise halbierten sich in kürzester Zeit. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, gewann der fundamentale Trend steigender Nachfrage wieder die Oberhand. Bis 2012. Seither fallen die Getreidepreise kontinuierlich.

Auch hier spielt die Spekulation eine Rolle: "Sell high, buy low" lautet jetzt die Devise. Die Marktteilnehmer setzen auf fallende Preise. Spekulation mit Agrargütern ist hochumstritten und wird von ihren Kritikern verantwortlich gemacht für den Hunger auf der Welt. Studien haben die Zusammenhänge untersucht. Tatsächlich wirkt die Spekulation in beide Richtungen. Sie kann keinen Trend machen, aber auf einen bestehenden Trend aufspringen und diesen verstärken. Das Auf und Ab wird wilder.
Spekulation an den Futuremärkten ...

Die Macht der Innovation
Seit 2012 werden die hohen Getreidepreise Opfer ihrer selbst. Denn seit Landwirte sich gegen Ende des letzten Jahrzehnts über wachsende Gewinne freuten, wird massiv in den Agrarsektor investiert - was auch bitter nötig war: Bauern erneuern ihren Maschinenpark. Der technologische Fortschritt ermöglicht eine präzisere Düngung der Felder. Bewässerungssysteme werden installiert. Modernste Traktoren fahren heute per GPS. Der Zustrom von Kapital sorgt für eine Revolution in der Branche.

Der Fortschritt lässt die Erträge pro Fläche steigen, einstiges Brachland wird heute landwirtschaftlich genutzt. Ökonomisch betrachtet passt sich die Produktion von Getreide der gestiegenen Nachfrage an. Zwischen 1985 und heute stieg die weltweite Produktion von Weizen und grobkörnigem Getreide laut USDA, der Statistikbibel des Agrarsektors, von 1328 auf 2007 Mio. Tonnen. Zwischen 2002 und heute stieg die weltweite landwirtschaftlich genutzte Anbaufläche von 503 auf 545 Mio. Hektar.

Es klingt paradox: Doch die hohen Preise vor einigen Jahren sind der Grund, weshalb die Ernten heute so hoch sind wie nie zuvor. Der Zusammenhang hat den unfeinen Namen Schweinezyklus.

Sendungstip
© IWFEssen für alle
Die Welt produziert dank modernster Technologie Lebensmittel in Massen. Seit Jahren steigen die Erträge und sinken die Preise. Und doch werden nicht alle Menschen satt. Wie passt das zusammen?
Getreidepreise 2006 - 2015
LupeDer Preisanstieg bis 2008 war rasant. Seither hat sich die Lage entspannt. Dennoch liegen die Preise heute über dem Niveau von Anfang des letzten Jahrzehnts. Für die hier dargestellte Grafik haben wir die jeweiligen Monatsschlusskurse zugrunde gelegt. Das bedeutet, Preisspitzen und -tiefs während eines Monats werden herausgefiltert. Diese lagen teilweise deutlich über oder unter den hier dargestellten Kurven.
Biosprit
© USDALupeEthanol gilt als saubere Alternative zu Benzin. Der Biosprit wird in Europa meist aus Weizen gewonnen, in Brasilien aus Zuckerrohr, in den USA aus Mais. Die Sache hat allerdings einen Haken: Wenn man die Agrargüter verbrennt, kann man sie nicht mehr essen. Erstaunlich ist, dass zum Beispiel in den USA die Mais-Ernte so stark gesteigert werden konnte, dass die Ethanol-Nachfrage bei genereller zehnprozentiger Beimischung (E10) gedeckt werden kann: Die Anbaufläche stieg in den letzten 10 Jahren um rund 15%, der Ernteertrag um zwei Drittel. Dies verdeutlicht die Innovationskraft der Branche.
Getreidepreise 1910 - 2013
© USDALupeEntgegen der landläufigen Meinung sind die Preise für Agrargüter in den letzten 100 Jahren kontinuierlich gefallen. Das bedeutet, technologischer Fortschritt und Professionalisierung in der Landwirtschaft können bisher die um ein Vielfaches gestiegene Nachfrage nach Mais, Weizen und Soja mehr als kompensieren. Die Ära der sinkenden Preise wird allerdings ihr natürliches Ende finden. Unter null werden die Preise nicht sinken und die natürlichen Ressourcen sind in der Tat endlich. Möglicherweise ist der Preisanstieg seit der Jahrtausendwende ein erstes Indiz dafür.