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Sendung am 8. Dezember
Kollege Roboter
Die Roboter kommen. Vernetzt sind sie, unermüdlich und schlau. Sie werden die Arbeitswelt umkrempeln. So wie einst die Feldarbeit der Industrie weichen musste und diese später der Dienstleistungsgesellschaft. Das muss nicht schlecht sein.
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Rückblick
Sendung vom 1. Dezember
Der Nordkorea-Konflikt
Das Risiko für einen militärischen Konflikt mit Nordkorea war noch nie so groß. Die Vereinten Nationen haben darauf mit weiteren Wirtschaftssanktionen gegen das Land reagiert.
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Die Zeit, die Berufspendler im Stau stehen, kostet Nerven, Lebenszeit und wirtschaftliches Wachstum. © dpa Lupe
Die Zeit, die Berufspendler im Stau stehen, kostet Nerven, Lebenszeit und wirtschaftliches Wachstum.
"Fahren auf Verschleiß"
Marode Infrastruktur kostet Wachstum
Der Stadt- und Verkehrsplaner Prof. Klaus Beckmann, am Freitag zu Gast bei makro, warnt in einem Vorabinterview davor, dass wir durch den Wertverlust unserer Infrastruktur die Zukunft verspielen.
Nicht erst die plötzliche Notsperrung der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden zeigt die Verwundbarkeit von Deutschlands Infrastruktur. In Europas wichtigstem Industrieland sind Straßen und Brücken überlastet und marode. makro-Moderatorin Eva Schmidt fragt den Stadt- und Verkehrsplaner Prof. Klaus Beckmann, wie es um Deutschlands Infrastruktur steht und welchen volkswirtschaftlichen Schaden altersschwache Straßen und Brücken verursachen.

makro: Herr Prof. Beckmann, die Sperrung der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden hat den Verkehr in der gesamten Region lahmgelegt. Als die Brücke Anfang der 60er gebaut wurde, war sie für rund 20.000 Fahrzeuge am Tag ausgelegt. Zuletzt rollten 90.000 darüber. Ist das der Kern aller Verkehrsprobleme in Deutschland?

Klaus J. Beckmann: Sicherlich sind die stark erhöhten Verkehrsmengen - dabei auch der steigende Lkw-Anteil und die steigenden zulässigen Gesamtgewichte der Lkw - mit dafür verantwortlich, dass Brücken in Materialien, Konstruktionselementen und Gesamttragwerken schneller altern.

Dies geschieht insbesondere, wenn über die Jahrzehnte weitere Schwächungen hinzugekommen sind - wie z. B. die Wirkungen von Streusalz oder die Konstruktion als Spannbetonbrücken, für die in den 60er und 70er Jahren noch keine hinreichenden Erfahrungen bezüglich ihrer Lebensdauer vorlagen. In diesem speziellen Fall ist nach meiner Kenntnis aber eher von einem Unfall im laufenden Bau auszugehen.

makro: Der ADAC verpasst nur etwa einem Drittel der Brücken in Deutschland die Note "ausreichend", was ihren Zustand und die Sicherheit angeht. Ist diese Einschätzung realistisch?

Klaus J. Beckmann: Ich denke, dass die Befundung des ADAC in der Gesamttendenz mit den Tatsachen übereinstimmt. Dies gilt übrigens bei Brücken der Deutschen Bahn AG, aber auch bei vielen U-Bahnen, Stadtbahnen und Straßentunneln ähnlich. Wir fahren überall auf Verschleiß! Die Folge der "schwarzen Haushalts-Null" des Finanzministers ist ein hoher faktischer Mittelbedarf in der Zukunft, also eine Verschuldung der zukünftigen Generationen durch Wertverlust unserer Infrastrukturen.

Dies könnte man fast als "Taschenspieler-Trick" bezeichnen. Vor allem genügt dies nicht dem Ziel der Schuldenbremse – nämlich zukünftige Generationen nicht zu belasten. Zudem erbringen Menschen auf ihren Wegen zur Arbeit, Ausbildung, Freizeit usw. auch schon jetzt Mehrleistungen durch Stunden, die sie in Staus verbringen.

makro: Welche Schulnote bekommt die Qualität der deutschen Straßen insgesamt von Ihnen?

Klaus J. Beckmann: Die Schulnoten liegen im Mittel bei drei bis vier. Das Problem ist aber der hohe Anteil von Straßen, Brücken, Tunneln, Eisenbahnstrecken, die gerade noch ausreichende bis nahezu ungenügende Qualitäten aufweisen und daher durch das Risiko von Entfall, Sperrung oder Zusammenbruch geprägt sind. Also durch das Risiko des "Sitzenbleibens".

makro: Welche Auswirkungen hat der Zustand unserer Straßen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Klaus J. Beckmann: Die Folgen für den Lebens- und Wirtschaftsstandort Deutschland sind enorm - Arbeitnehmer verlieren Zeit bei Sperrungen und resultierenden Staus oder bei unzuverlässigen, d. h. verspäteten Bahnen. Die Zeit ist "geld-wert". Dies gilt ähnlich, aber mit anderen Folgen für den Güter- und Wirtschaftsverkehr - dann dauern die Transporte länger und werden unzuverlässiger. Material kommt zu spät in Lieferungsprozessen, auf Baustellen oder in Lagern, Läden oder bei Privatkunden an.

makro: Einerseits sehen wir teure Prestigeprojekte wie Stuttgart 21, andererseits sehen wir Flickschusterei auf den Verkehrswegen. Fließt das Geld in die falsche Richtung?

Klaus J. Beckmann: Natürlich fließt das Geld in die falsche Richtung. Wir hätten diese Flickschusterei und diesen desolaten Zustand nicht, wenn wir frühzeitig genug Geld in die Erhaltung und dann auch in die Erneuerung unserer Straßen und Verkehrsanlagen - auch in die Schiene und die Wasserstraße - gesteckt hätten. Das heißt: Priorität Erneuerung. Und dann bedingt der Ausbau von netzbedeutsamen Engpässen.

Erst dann kommen wir zu anderen Strukturen. Denn man muss überlegen, ob Verkehrsprojekte für ein Netz insgesamt den Sinn entfalten, der unterstellt wird. Das ist ein entscheidender Punkt. Braucht man Stuttgart 21? Braucht man es nicht? Braucht man den Flughafen? In Berlin, das kann man sagen, braucht man ihn. Dennoch darf man ihn nicht so planen, dass vorher nicht klar ist, welches Programm. Denn die Frage ist ja: Wollen wir 20 Millionen Fluggäste pro Jahr dort abfertigen oder 30 Millionen? Das ändert das Programm natürlich ganz stark, so dass es ein anderes Projekt wird. Dies müsste dann neu geplant werden.

makro: Vor drei Jahren ermittelte eine von Bund und Ländern eingesetzte Kommission, dass knapp 7 Milliarden Euro pro Jahr für Straßennetz und Schiene fehlen, um den Nachholbedarf abzubauen. Woher soll das Geld kommen?

Klaus J. Beckmann: Unsere Straßen gehen vor allem durch die LKW kaputt. Ein großer LKW belastet die Straße 40.000 Mal so stark wie ein PKW. Wir müssen also darüber nachdenken, ob die LKW-Maut nicht erweitert wird für leichtere LKW ab 7,5 oder 3,5 Tonnen und auf allen Straßen. Aber auch eine Diskussion um die Pkw-Maut müssen wir ernsthaft führen - allerdings nicht wie derzeit gemacht. Die derzeitige Lösung könnte man überschreiben: "Wie man es ungeschickter oder dümmer nicht machen kann!"

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

Sendedaten
Freitag, 20. März 2015, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Sendungstip: Infrastruktur
© J. Howard MillerDer Stau-GAU
Kilometerlange Staus, tausende Menschen kommen zu spät zur Arbeit - Chaos in der ganzen Stadt war die Folge der Sperrung der Rheinbrücke zwischen Mainz und Wiesbaden.
Info
© Deutsches Institut für UrbanistikProf. Klaus J. Beckmann
Beckmann ist Präsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Von 2006 bis 2013 leitete er das Deutsche Institut für Urbanistik. Zudem war er langjährig im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesministers für Verkehr.
Infrastruktur
Deutschland zerbröselt
Schlechte Infrastruktur kostet Wachstum. Da hat auch Deutschland zuletzt geschlampt: Straßen, Flughäfen, Glasfaserkabel, Bahnhöfe - und immer gibt es Ärger. Vor allem bei den Kosten. (07.02.2014)
Schwerpunkt
Infrastruktur & Bau