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Sendung am 8. Dezember
Kollege Roboter
Die Roboter kommen. Vernetzt sind sie, unermüdlich und schlau. Sie werden die Arbeitswelt umkrempeln. So wie einst die Feldarbeit der Industrie weichen musste und diese später der Dienstleistungsgesellschaft. Das muss nicht schlecht sein.
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Rückblick
Sendung vom 1. Dezember
Der Nordkorea-Konflikt
Das Risiko für einen militärischen Konflikt mit Nordkorea war noch nie so groß. Die Vereinten Nationen haben darauf mit weiteren Wirtschaftssanktionen gegen das Land reagiert.
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Liberias Hauptstadt Monrovia bietet ein Bild der Trostlosigkeit. © dpa Lupe
Liberias Hauptstadt Monrovia bietet ein Bild der Trostlosigkeit.
Der afrikanische Patient
Ebola verursacht wirtschaftlichen Totalschaden
Verwaiste Felder, geschlossene Läden, evakuiertes Personal, ganze Landstriche unter Quarantäne - das Ebola-Virus in Westafrika infiziert ganze Volkswirtschaften. Besonders fortgeschritten ist das Siechtum dort, wo alles begann.
Die Ebola-Epidemie in Afrika mit über 8000 Infizierten hat bereits 4000 Menschenleben gefordert. Hinter der offensichtlichen humanitären Katastrophe wächst, kaum im Fokus der Öffentlichkeit, ein wirtschaftliches Desaster heran. Es trifft eine Region, die keine Reserven hat und keinerlei Schocks gebrauchen kann.

Dabei hatte es so gut angefangen. Die Region südlich der Sahara hatte für afrikanische Verhältnisse geradezu einen Lauf: Die Regierungen nicht mehr ganz so korrupt wie sonst, hier und da halbwegs demokratische Wahlen, weitreichende Schuldenerlasse der westlichen Welt, frische Investitionen. Die wirtschaftliche Entwicklung dankte es seit der Jahrtausendwende mit Wachstumsraten zwischen 5% und 8%.

Epidemie bringt Wirtschaft zum Erliegen
Drei Staaten im Westen Afrikas, allesamt bitterarm, sind von der Ebola-Krise besonders betroffen: Liberia, Sierra Leone und Guinea. Mit Liberia und Sierra Leone trifft es zwei Länder, die nach einem furchtbaren Bürgerkrieg gerade erste Gehversuche machen und deren politische und gesellschaftliche Strukturen noch ausgesprochen fragil sind. Bei der Bekämpfung der Seuche und ihrer Folgen schlagen sie sich tapfer, sind aber auf ganzer Linie überfordert - logistisch und finanziell.

Die wirtschaftliche Katastrophe erwächst dabei gar nicht so sehr aus den direkten Krankheitsfolgen wie Gesundheitskosten, Pflege von Angehörigen und Arbeitsausfall, sondern aus der Angst der Menschen vor Ansteckung und der damit verbundenen Änderung ihres Verhaltens: Die Leute gehen nicht mehr raus, kaufen nicht mehr ein und horten Vorräte. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen fällt. In der Folge sinken Einkommen und Beschäftigung. Genauso war es auch bei SARS (2002-2004) und H1N1 (2009). 80-90% des wirtschaftlichen Schadens bei Epidemien sei so zu erklären, heißt es in Untersuchungen.

Liberia trifft es besonders hart
© ap Lupe
Das gesellschaftliche Leben kommt zum Erliegen. Warten auf ein Ende der Seuche.
Die Weltbank, Hauptkreditgeber in der aktuellen Krise, hat jüngst eine Studie herausgegeben, in der sie die betroffenen Länder unter die Lupe nimmt, in verschiedenen Szenarios die wirtschaftlichen Folgen durchspielt und den konkreten Finanzbedarf abschätzt.

Besonders übel sieht es für Liberia aus. Hier wütet die Epidemie am schwersten. Die Hälfte der Ebola-Opfer stammt aus dem kleinen westafrikanischen Land. Es zählt zu den ärmsten Afrikas. Immer noch leben 60% der Menschen unter der Armutsgrenze.

Die ursprüngliche Wachstumsschätzung für 2014 von 5,9% senkt die Weltbank auf 2,5%. Die 2,5% hält man noch für optimistisch. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kommt auf die gleichen Zahlen. Sollte sich die Epidemie weiter verschärfen, könnte die Wirtschaft 2015 sogar um 4,9% schrumpfen.

Rohstoffexporte stocken
Schaut man sich die einzelnen Wirtschaftssektoren einmal genauer an, gewinnt das Bild an Kontur. Nehmen wir den Minensektor. Er steht für 17% der Wirtschaftsleistung, aber für 56% der gesamten Exporte. Die sind für Liberia besonders wichtig, denn sonst kommt kaum Geld ins Land. Produktion und Export werden dominiert von zwei großen Eisenerzminen, betrieben vom internationalen Stahlriesen ArcelorMittal und von China Union.

Die Produktion von ArcelorMittal läuft noch planmäßig und sollte 2014 etwa 5,2 Mio. Tonnen erreichen. Die geplante Erweiterung der Förderkapazität auf 15 Mio. Tonnen jährlich ist jedoch erstmal auf Eis gelegt. Damit gehen Liberia Investitionen in Milliardenhöhe verloren und in der Folge auch Steuereinnahmen. China Union, die 2014 2,4 Mio. Tonnen Eisenerz fördern wollten, haben ihre Produktion im August komplett eingestellt.

Unbestellte Felder
Im Agrarsektor sind die Folgen noch unmittelbarer. Er steht für rund ein Viertel der liberianischen Wirtschaftsleistung, beschäftigt aber fast die Hälfte der Bevölkerung. Auf dem Land sind es sogar drei Viertel. Sowohl der Anbau für den eigenen Bedarf als auch für den Export sind erheblich betroffen.

Das wichtigste landwirtschaftliche Exporterzeugnis ist Kautschuk. Produktion und Transport werden durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit erheblich behindert - wichtige Regionen des Landes stehen unter Quarantäne. Das macht den Transport zu den Häfen mitunter unmöglich. Kautschukexporte werden 2014 voraussichtlich um 20% fallen.

Der Fluch der Quarantäne
Große Investitionen in Palmölplantagen, unter anderem durch den weltgrößten Palmölproduzenten Sime Darby aus Malaysia, verzögern sich, weil das Unternehmen sein Personal abgezogen hat. Investitionen in eine neue Palmölmühle in Höhe von 10 Mio. USD liegen auf Eis. Für uns mögen das Peanuts sein. Für ein Land wie Liberia mit einem Staatshaushalt von nur 500 Mio. USD ist das echtes Geld.

Tragischerweise gehören die wichtigsten Anbaugebiete für den eigenen Bedarf, z.B. für das Grundnahrungsmittel Reis, zu den am stärksten von Ebola betroffenen Regionen des Landes. Sie liegen in der Region Lofa im Nordwesten des Landes - und stehen unter Quarantäne. Die Felder sind verweist. Dort, wo sie noch bestellt werden, macht sich das Fehlen der Arbeitskräfte bemerkbar, denn viele Familien sind in andere Landesteile geflohen. Zudem erschwert die Quarantäne dort, wo noch etwas geerntet wird, den Transport in andere Landesteile. Die Folgen liegen auf der Hand: Nahrungsmittelknappheit und steigende Preise.

So wie im Agrarsektor und in der Rohstoffförderung sieht es in anderen Wirtschaftszweigen auch aus. Die Auswirkungen auf den Dienstleistungssektor, der 45% der Arbeitskräfte beschäftigt und für rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung steht, sind offensichtlich. Groß- und Einzelhandel verzeichnen Einbußen von 50-75%. Hotels und Restaurants verzeichnen dramatische Einbußen. Die durchschnittliche Belegungsrate in Hotels ist von 70% auf teils nur noch 10% gefallen. Als Folge werden den Angestellten die Tage gekürzt oder sie verlieren ihren Job gleich ganz.

Finanzielle Schieflage
© World Bank Lupe
Bereits ohne die Ebola-Epidemie hätte Liberia 2014 ein Haushaltsdefizit von 7,1% der Wirtschaftsleistung. Jetzt werden es nach Schätzung der Weltbank eher 11,8%.
Es ist ein Teufelskreis. Als Folge der geschilderten Entwicklung geht Liberia das Geld aus. Dabei hätte die Haushaltsplanung (Einnahmen: 559 Mio. USD) auch ohne Ebola die Ausgaben (718 Mio. USD) nicht decken können. Jetzt steigen die Kosten durch medizinische Hilfe und soziale Maßnahmen und all die weiteren Ausgaben, die die Bekämpfung der Seuche nach sich zieht. Gleichzeitig bricht durch das Siechtum der Wirtschaft die Einnahmeseite weg. Das Defizit wächst (s. Bild).

Auch die Leistungsbilanz gerät auf die schiefe Bahn. Es strömt mehr Geld aus Liberia hinaus als hinein, was ein Land ohne Reserven leider gar nicht abfedern kann. In dem Maße, wie aus dem Ausland medizinische Hilfe und technisches Gerät erworben oder einfach Diesel zum Betreiben von Generatoren oder zum Transport der Hilfsgüter gekauft werden muss, erleidet Liberia einen Cash-Drain. Auf der anderen Seite kommt durch das Wegbrechen der Exporte weiniger neues Geld herein. Liberia steckt im Schraubstock.

Finanzhilfe soll Lücke füllen
Die Weltbank hat versucht, den konkreten Finanzbedarf zu ermitteln. Für Liberia und die beiden anderen am stärksten betroffenen Länder Sierra Leone und Guinea werden die Ebola-Kosten in 2014 auf 359 Mio. USD geschätzt. Für 2015 unterscheidet die Weltbank ein gutes und ein schlechtes Szenario. Wenn die Seuche schnell in den Griff zu bekommen wäre, kommen weitere 129 Mio. USD Einbußen auf die drei Länder zu. Im schlechten Fall 815 Mio. USD (s. Infokasten rechts).

Bis dato hat die Weltbank Finanzhilfen von 400 Mio. USD zugesagt, die African Development Bank 210 Mio. USD. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) koordiniert den Einsatz der Hilfsmittel.

Bis zu 30 Milliarden Dollar Schaden
Benachbarte Staaten wie die Elfenbeinküste, Senegal und Ghana konnten den Ausbruch der Seuche durch eine ganze Reihe von Vorsorgemaßnahmen bisher unterbinden. Diese Länder sind jedoch auch höher entwickelt und besser organisiert als Liberia, Sierra Leone und Guinea.

Die beiden wichtigen westafrikanischen Häfen von Dakar (Senegal) und Abidjan (Elfenbeinküste) haben den Frachtverkehr in die drei Krisenstaaten verboten, was diese vom internationalen Handel quasi abschneidet. Die wichtige regionale Handelsdrehscheibe Elfenbeinküste müsse unbedingt ebolafrei bleiben, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern, betonen Experten. Die Grenzen zu den Krisenstaaten sind geschlossen, Einreisende müssen sich einem Gesundheitscheck unterziehen.

Das mit Abstand wichtigste Land Subsahara-Afrikas ist Nigeria - mit 170 Mio. Einwohnern und einer Wirtschaftsleistung von 523 Mrd. USD die größte Volkswirtschaft des gesamten Kontinents. Hier hat es acht Ebola-Opfer gegeben, aktuell sind keine neuen Erkrankungen bekannt. Trotzdem künden erste Berichte aus Shopping Centern und Unternehmensniederlassungen in der Wirtschaftsmetropole Lagos von spürbaren Umsatzrückgängen.

Für die gesamte Region schätzt die Weltbank den wirtschaftlichen Schaden in 2014 auf 2,2-7,4 Mrd. USD. Wenn die Ebola-Epidemie bis Ende des Jahres vollständig unter Kontrolle ist, rechnet man 2015 im glimpflichen Szenario mit weiteren 1,6 Mrd. USD Schaden. Wenn nicht könnten die gesamtwirtschaftlichen Kosten im nächsten Jahr auf 25 Mrd. USD steigen.

Ebola: Pharmabranche
Das Geschäft mit der Seuche
Der Ebola-Erreger war für die Pharmabranche so etwas wie das rothaarige Stiefkind. Die Entwicklung eines Wirkstoffs lohnte sich nicht. Bis heute. Jetzt will jeder der erste sein. Es winkt das große Geld.
Afrika im Ebola-Fieber
© apUnter Verdacht
Die Zusammenhänge in unserer globalisierten Welt sind oft verworren, mitunter aber auch überraschend direkt. So kommt es, dass wegen des Ebola-Ausbruchs in Liberia ein Kellner in Kenia seinen Job verliert.
Info: Liberia
Einwohner: 4 Mio.
Wirtschaftsleistung pro Kopf: 410 USD

Zwischen 1989 und 2003 verwüstete ein Bürgerkrieg das Land. Die entscheidende Figur war Charles Taylor, einer der übelsten Verbrecher, die der Kontinent je hervorgebracht hat. 2005 gab es demokratische Wahlen, aus denen Ellen Johnsen-Sirleaf als Siegerin hervorging. Seither regiert sie das Land.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten, insbesondere in der Hauptstadt Monrovia und Umgebung. Trotz der schwierigen Vergangenheit und der immer noch schlechten sozialen Lage sorgte die Regierung mit einer strukturierten Wirtschaftspolitik und Verbesserungen in der öffentlichen Verwaltung für Wachstum im hohen einstelligen Bereich.
nano spezial
Ebola
Zehntausende Menschen sind von Ebola bedroht, die Krankheit wurde monatelang unterschätzt. Dabei ist sie beherrschbar, sagen Wissenschaftler. Mediziner forschen an Impfstoffen.
Chronik
Ebola breitet sich aus
Ein Ende der Ebola-Epdidemie ist nicht absehbar. Sie ist die bei weitem schwerste bislang bekannte. Ein Rückblick über die Ereignisse seit Dezember 2013.
Ebola
Impfstoffe im Test
Im Kampf gegen Ebola könnte nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis Ende 2014 ein Impfstoff zur Verfügung stehen.
Info: Liberia
© World BankLupeVerkäufe von Zement
Der Verbrauch von Zement ist in einfach entwickelten Volkswirtschaften ein guter Indikator für wirtschaftliche Aktivität. Zement steht für den Bau von Häusern, Fabriken und Infrastrukturprojekten - genau das, was ein Entwicklungsland braucht. In den vergangenen Jahren stieg der Verbrauch stetig. Seit Anfang 2014 ist der Verkauf von Zement in Liberia eingebrochen.
Info: Liberia & Westafrika
© World BankLupeWirtschaftlicher Schaden
Für Liberia schätzt die Weltbank den gesamtwirtschaftlichen, ebolabedingten Schaden bis Ende 2014 auf 66 Mio. USD. Das entspricht 3,4% der Wirtschaftsleistung (Vergleich: auf Deutschland übertragen wären das Kosten von 100 Mrd. EUR). Für 2015 rechnet die Weltbank im "Low Ebola"-Szenario mit einem Schaden von 113 Mio USD bzw. 5,8% des BIP (Vergleich Deutschland: 170 Mrd. EUR). Beim "High Ebola"-Szenario wären es 234 Mio. USD bzw. 12,0% des BIP (Vergleich Deutschland: 360 Mrd. EUR). Für ganz Westafrika rechnet die Weltbank im schlimmsten Fall mit einem gesamtwirtschaftlichen Schaden von mehr als 30 Mrd. USD.
Info
LupeBesonders betroffen von der Ebola-Epidemie sind die westafrikanischen Länder Liberia, Sierra Leone und Guinea. Elfenbeinküste und Senegal blieben bislang verschont, auch dank massiver Schutzmaßnahmen. Die mit Abstand wichtigste Volkswirtschaft der Region ist Nigeria. Zur Zeit sind dort keine Ebola-Erkrankungen bekannt.
Studie