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Vorschau
Sendung am 27. Oktober
Umbau der Alpen
Der Klimawandel bedroht den Wintersport. Viele Skigebiete in den Alpen sind nicht mehr schneesicher. Geröll- und Verkehrslawinen sowie die massive Verstädterung zeigen die Schattenseiten des Massentourismus.
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Rückblick
Sendung vom 13. Oktober
Sucht nach Soja
Die Sojabohne hat Wachstumsraten wie kaum eine andere Nutzpflanze der Welt. Sie steckt in Schokolade, Treibstoffen und im Futter für die Tiermast. Doch der weltweite Soja-Boom hat gravierende Folgen für Mensch und Umwelt.
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"Libanon - Zukunft gesucht" [>> Dokumentation ansehen] © Alexander Seidenstücker, Kobalt Productions Video
"Libanon - Zukunft gesucht" [>> Dokumentation ansehen]
Bürgerkriegsflüchtling Anjoud Masri (r.) zeigt makro-Reporterin Katrin Sandmann ihre "Küche". An den Wänden gedeiht der Schimmel.

Im Niemandsland
Das Flüchtlings-Schicksal der Familie Masri
makro-Autorin Katrin Sandmann berichtet aus Schatila, einem syrischen Flüchtlingslager im Libanon. Dort trifft sie Anjoud Masri, ihren Mann und die fünf Kinder. Und die Scherben einer Existenz.
Der Granatbeschuss hat klaffende Löcher in den Fassaden hinterlassen. Viele Hauswände sind regelrecht perforiert von den Salven der Maschinengewehre. Und durch die engen Gassen sickert ein dreckiges, stinkendes Rinnsal, in dem Plastikmüll schwimmt. Im Schatila-Flüchtlingslager im Süden von Beirut sieht es so aus, als würde der Bürgerkrieg im Libanon noch immer toben. Ich habe schon viele trostlose Orte gesehen, aber dieses Viertel ist ein geradezu unfassbar trostloser Ort.

Und dieses vor Jahrzehnten für palästinensische Flüchtlinge eingerichtete Lager wird immer voller. Denn seit Ausbruch des Bürgerkrieges nebenan in Syrien suchen hier immer mehr Kriegsflüchtlinge Zuflucht. Zwischen 10.000 und 22.000 Syrer, schätzen die Behörden, versuchen irgendwie in Schatila zu überleben.

Anjoud Masri ist ein Schicksal aus dieser Statistik der Hoffnungslosigkeit. Gleich zu Beginn des Syrien-Krieges ist sie mit ihrem kranken Mann und fünf Kindern aus der damals heftig umkämpften syrischen Stadt Daraa in den Libanon geflohen.

Ein Zimmer, einen Schrank, ein Bett
Masri holt mich an einem Markt am Rand von Schatila ab. Alleine würde ich ihr neues Zuhause in diesem unübersichtlichen Gewirr zerschossener Häuser niemals finden. Masri trägt Kopftuch und einen züchtigen, bodenlangen Mantel. Sie hat ein sehr müdes Gesicht und dürfte so Mitte 30 sein. Vielleicht ist sie auch jünger, das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist sie sehr lebhaft. Auf dem Weg zu ihrem Haus regt sie sich heftig über den Müll auf, der überall herumliegt. Und über die Horden vernachlässigter Kleinkinder, die im Dreck spielen. Ihre Kinder dürften das Haus nur verlassen, um zur Schule zu gehen.

© UNHCR Lupe
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte: Die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon stieg von 25.000 im Juni 2012 auf zuletzt über eine Million.
Die Unterkunft der Masris ist eine heruntergekommene Bruchbude von vielleicht 25 Quadratmetern. Es gibt ein Zimmer, einen Schrank, ein Bett. Die dreijährige Genan spielt auf dem Fußboden mit einem abgebrochenen Stift. Spielzeug sehe ich keines. Ihre drei Schwestern, Noor, Rayan und Doaa, neun, elf und vierzehn Jahre, sitzen auf einer dünnen Decke und machen Hausaufgaben.

Die Küche ist in einem engen Flur untergebracht. Es tropft durch die Decke und riecht nach Schimmel. 200 US-Dollar zahle sie hier Miete, klagt Frau Masri. Und sie hat Recht sich zu beklagen. Dieser Preis ist in der Tat eine Unverschämtheit für dieses Loch. Strom und Wasser zahlen sie noch extra.

"Syrien ist tot"
Während Anjoud Masri Kaffee kocht, erzählt sie mir von ihrem Leben in Syrien. Ein schönes Haus hätten sie gehabt. Zwei Läden vermietet, ihr Friseursalon und die Spedition des Mannes hätten für ein gutes und regelmäßiges Einkommen gesorgt. Dann begannen in ihrer Stadt die Proteste gegen Präsident Assad. Und ehe sie sich versahen, kämpften Rebellen und Regierungstruppen vor ihrer Haustür. "Syrien ist tot. Syrien ist kein Land mehr. Es passieren schreckliche Dinge dort." Irgendwann packten die Masris zwei Koffer und stiegen mit ihren fünf Kindern ins Auto Richtung Libanon.

Masri versichert mir, dass sie dem Libanon dankbar sei, dass er sie aufgenommen hat. Dass sie vom Gastland keine finanzielle Unterstützung bekommt, versteht sie. "Die Leute hier haben doch auch nicht viel, selbst für sie ist es schwer, durchzukommen".

Von den Vereinten Nationen bekommen sie 26 US-Dollar pro Kopf im Monat, da sie offiziell als Flüchtlinge registriert sind. Arztbesuche werden ebenfalls vom UN-Flüchtlingshilfswerk übernommen. Die teuren Medikamente für ihren kranken und arbeitsunfähigen Mann jedoch, muss sie selbst bezahlen.

makro-Reporterin Katrin Sandmann folgt Anjoud Masri (l.) zu ihrer "Wohnung". © Alexander Seidenstücker, Kobalt ProductionsLupe
Der LKW wird mit Kartoffeln beladen. Der Gemüsegroßmarkt liegt gleich neben dem Flüchtlingslager. © Alexander Seidenstücker, Kobalt ProductionsLupe
Die vier Töchter der Familie Masri sitzen auf dem Boden und machen Hausaufgaben. Sie sagen keinen Mucks. © Alexander Seidenstücker, Kobalt ProductionsLupe

500 Dollar für sieben Personen
Das reicht natürlich hinten und vorne nicht. Also geht Masri putzen. Und der älteste Sohn Mustafa, gerade mal 16 Jahre jung, arbeitet nach der Schule auf dem Gemüsegroßmarkt, direkt neben dem Flüchtlingslager. Zusammen verdienen Mutter und Sohn für viele Stunden harter körperlicher Arbeit etwa 300 US-Dollar im Monat. Zusammen mit der Unterstützung der Vereinten Nationen kommen sie also auf knapp 500 US-Dollar. Damit muss der siebenköpfige Haushalt irgendwie auskommen.

Während unserer Unterhaltung war kein Mucks zu hören von den vier Töchtern. Die drei älteren machen mit verdächtiger Disziplin Hausaufgaben, die Kleine schaut ihnen still dabei zu. Erstaunlich für Kinder diesen Alters! Auf meine Fragen, wie es ihnen denn hier gehe, antworten sie höflich: "Ganz gut."

Nur in der Schule sei es hart. Im Libanon wird in den Schulen auf Englisch, nicht wie in Syrien auf Arabisch unterrichtet. Da ist es schwer für die Mädchen mitzukommen. Und dann ist da noch der Krieg, der in ihren Albträumen immer zurückkehrt. "Sie waren in Syrien irgendwann völlig verängstigt. Sie haben Traumata von den Kriegserlebnissen. Meine Mädchen haben psychologische Probleme", sorgt sich die Mutter.

Sohn Mustafa schleppt Kartoffelsäcke
© Alexander Seidenstücker, Kobalt Productions Lupe
Mustafa, mit 16 Jahren das älteste Kind der Masris, arbeitet auf dem Gemüsegroßmarkt. Die Familie ist auf den Zuverdienst dringend angewiesen.
Den Kaffee haben wir mittlerweile getrunken. Und Anjoud Masri möchte uns auch ihren Sohn vorstellen. Während wir auf dem Weg zum Gemüsegroßmarkt sind, auf dem Mustafa arbeitet, bricht es aus ihr heraus. "Ich wollte meinen Kindern alles für ein gutes Leben mit auf den Weg geben. Aber jetzt sehe ich für uns alle keine Zukunft mehr."

Mustafa treffen wir beim Kartoffelabladen. Er steht auf der Ladefläche eines LKWs und wirft anderen Jungs schwere Säcke zu. Alle Jugendlichen und Kinder, die hier arbeiten sind Syrer. Diese Hilfsjobs haben vorher libanesische Jugendliche gemacht. Hier verdrängt eine Not die andere. Und das führt zu immer stärkeren Spannungen zwischen den syrischen Flüchtlingen und den Libanesen.

Verstreut in aller Herren Länder
Auf dem Großmarkt beschimpft ein libanesischer Händler Frau Masri, als sie nach einigen Kartoffeln fragt. "Ihr hattet doch alles in Syrien: Schule, Krankenhaus, alles hat Assad für Euch bezahlt. Ihr habt Euch selbst ins Elend gestürzt, als ihr gegen ihn aufgestanden seid. Nun seht Ihr, was ihr davon habt." Die Kartoffeln gibt er ihr übrigens trotzdem.

Auf dem Weg zurück zu ihren Töchtern erzählt Anjoud Masri mir, dass ihre Familie mittlerweile über die ganze Welt verteilt ist. Die Schwester mit Mann und Kindern in Deutschland. Cousins und Cousinen in Jordanien, und sie eben im Libanon. Der Krieg zerstört auch das Leben derer, die davon kommen. "Wenn ich keine Kinder hätte, würde ich nach Syrien zurückgehen", sagt mir Masri zum Abschied. "Aber mit den Kindern ist das völlig unmöglich."

Sendedaten
Freitag, 8. August 2014, 21.00 Uhr

Ein Film von Katrin Sandmann
"Islamischer Staat" im Libanon
© apUnheilige Krieger
Reporterin Katrin Sandmann war für makro gerade im Libanon unterwegs, um die Dokumentation "Libanon - Zukunft gesucht" zu drehen. Hier in unserem Blog gibt sie ein kurzes Update zur aktuellen Lage: Die ist nicht gut. Die Steinzeit-Dschihadisten des "Islamischen Staats" fallen jetzt auch im Libanon ein!
Libanon
Existenzielle Krise
Der Libanon war einst die Schweiz des Nahen Ostens. Davon ist wenig geblieben. Der syrische Bürgerkrieg spült die Not ins Land. Auf vier Libanesen kommt heute ein Flüchtling. Weltrekord.
Gespräch
Warum gehen Sie dahin, wo es wehtut?
"Wir hören immer, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Ich glaube, dass die Welt kleiner wird, und dass es immer wichtiger wird, dass wir sie verstehen", sagt Fernsehjournalistin Katrin Sandmann in einem Gespräch auf Deutschlandradio Kultur. (30.06.2014)
Info
Die Journalistin Katrin Sandmann berichtet seit 15 Jahren von verschiedenen Krisenschauplätzen der Welt. Für makro war sie kürzlich im Libanon, zuvor aber auch in Pakistan, Saudi-Arabien und Somalia.