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Vorschau
Sendung am 3. Juni
Kommt der Brexit?
Es steht viel auf dem Spiel für Großbritannien am 23. Juni: Der Brexit könnte die Wirtschaft des Königreichs ins Wanken bringen. Und Europa Freigeist, Common sense und Pragmatismus kosten.
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Rückblick
Sendung vom 20. Mai
Stromkonzerne in Not
Deutschlands Stromkonzerne haben schon bessere Zeiten erlebt. Sie stecken tief in den Miesen und haben auf der Ausgabenseite einen großen Posten stehen: den Atomausstieg.
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© dpa Lupe
Die Pharma-Mafia
Durch zahlreiche Zuwendung versuchen Pharmakonzerne Ärzte für ihre Zwecke zu gewinnen. Der Widerstand gegen diese Mafia-ähnlichen Korruptionsversuche formiert sich in der Ärzte-Organisation MEZIS.
Die Praxis von Chirurg Bernd Hontschik ist voll, für seine Patienten ist er jederzeit ansprechbar. Für Pharmavertreter hat der Arzt aber keine Zeit. "Wir empfangen keine Pharmavertreter. Wenn sich trotzdem mal einer her verirrt - ist selten, weil das spricht sich ja rum - dann stellt er fest, dass man bei uns nichts verkaufen kann."

Hontschik ist Mitglied bei der Ärzteorganisation "MEZIS - Mein Essen zahl ich selbst". MEZIS kämpft gegen Korruptionsversuche der Pharmaindustrie. MEZIS-Ärzte verzichten bewusst auf Zuwendungen, mit denen die Branche sich das Wohlwollen von Ärzten erkauft.

Wo sind die Rezepte? - Reden Sie mit!

Süße Verlockung für Ärzte
Versuchungen gibt es viele: Fortbildungen unter Palmen, Luxus-Hotelaufenthalte, teure Essen - dazwischen Vorträge zu Studien, und na klar, auch deren Inhalte sind dann von der Pharma-Industrie gekauft. Von willigen Ärzten lässt die Branche auch gerne mal nutzlose Anwendungsstudien durchführen. Der Arzt bekommt für ein paar Kreuzchen auf dem Papier bis zu 200 Euro pro Patient. Ein lukratives Nebengeschäft.

Ebenfalls beliebt: gesponserte Computerprogramme. Eine Pharma-Firma sponsert die Software. Die kostet den Arzt dann 300 Euro statt 13.000. Da könne man dann schon mal schwach werden, meint Hontschik.

Der gläserne Patient
Die Manipulationen beginnen bereits in der Apotheke. Dort wird ein wahrer Datenschatz für die Pharmariesen gesammelt. Jedes verkaufte Rezept leitet der Apotheker an eine Abrechnungszentrale weiter. Darauf hat die Pharma-Industrie Zugriff. Die bekommt so weitreichende Einblicke in das Verschreibungsverhalten von Ärzten und kann sie ganz gezielt beeinflussen:

"Alle Daten, die in dieser Zentrale gesammelt werden, stehen der Pharmaindustrie zur Verfügung", so Hontschik. "Die können also nicht nur schauen, welches Medikament ist wie oft verordnet worden, da könnten sie auch in ihre Umsatzzahlen gucken. Nein! Die können auch gucken, welche Medikamente und wie oft hat der Doktor Müller und die Frau Doktor Meier zu welchem Zeitpunkt welcher Art von Patienten - Männer, Frauen, alt, jung - verordnet. Und das finde ich persönlich einen riesigen Skandal."

Gezielte Beeinflussungen und Bestechungen kommen das Gesundheitswesen teuer zu stehen. Die Ermittler der Krankenkassen schlagen Alarm. Ingo Kaliuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH Allianz erzählt: "Wir schätzen, dass heute bis ca 15.000 Pharma-Referenten im Einsatz sind. Wenn jeder davon 200.000 Euro Budget hat, verfügen die Pharmareferenten schon über ein Budget von drei Milliarden Euro." Daran könne man sehen, wie viel Geld tatsächlich zur Verfügung steht, nur um auf Ärzte zuzugehen, und eigene Medikamente verordnen zu lassen.

"Es ist keine Beratung. Es ist ein Verkauf"
Besonders wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt, schwärmen die Pharma-Vertreter aus - und versuchen, den Arzt zum Verschreiben zu bewegen, egal wie. Selbst gefährliche Nebenwirkungen werden dabei systematisch verschleiert. "Es ist keine Beratung. Es ist ein Verkauf", so ein anonymer Pharmavertreter.

Die Kriminalpolizei sieht das Geschäftsgebaren der Pharmariesen mit Sorge, weil die Pharmaindustrie vor keinen, auch nicht vor unlauteren Mitteln zurückschrecke. "Wir haben es hier sogar mit Strukturen zu tun, von denen die Mafia noch was lernen könnte", so Uwe Dolata vom Bund deutscher Kriminalbeamter.

Rund 50.000 Verdachtsfälle von Korruption sollen die Krankenkassen in den Jahren 2010 und 2011 verfolgt haben. Nur in 2600 Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Anlass für die Bundesregierung, ein schärferes Gesetz auf den Weg zu bringen. Bis zu drei Jahre Haft soll es künftig für die Annahme von Geldgeschenken geben. Doch das ist schwer nachzuweisen. In der Branche fehlt es an Transparenz.

Branche favorisiert "freiwillige Selbstkontrolle"
Die Industrie hat ihr Image-Problem erkannt - will aber selbst für Klarheit sorgen. Seit 2004 geben die Firmen wohldosierte Einblicke in ihre Geldflüsse - allerdings ohne Namensnennung, und ohne harte Strafen.

Bernd Hontschik hält nichts von der freiwilligen Selbstkontrolle. 300 Ärzte sind bei MEZIS organisiert. Sie haben der Beeinflussung durch die Pharmaindustrie den Kampf angesagt, so wie Bernd Hontschik. 300, das ist wenig. Aber es ist ein Anfang.

Sendedaten
makro
"Bittere Pillen für die Pharmaindustrie"

Freitag, 24. Mai 2013, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr
Thema der Sendung: Pharmaindustrie
Bittere Pillen
Die Zeiten, in denen Pharmafirmen goldene Eier legten, sind vorbei. Denn viele Patente laufen aus. Die Entwicklung neuer Medikamente dauert Jahre, ist extrem teuer und am Ende meist vergeblich. Gut, dass es die Schwellenländer gibt.
Schwerpunkt
Pharma & Gesundheit