Freitag 21.00 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
1213
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Vorschau
Sendung am 20. Oktober
Knappe Medikamente
Antibiotika, Impfstoffe oder Krebsmedikamente - Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind immer häufiger. Viele Medikamentenhersteller sind von einzelnen Zulieferern abhängig.
Navigationselement
Rückblick
Sendung vom 6. Oktober
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
Navigationselement
Schuldenerlass: Einfach weg damit!? © dpa Lupe
Was passiert eigentlich, wenn wir uns gegenseitig die Schulden erlassen?
Einfach weg damit!?
Pro und contra
Eine simple Idee macht die Runde: Wir streichen einfach alle Schulden und fangen von vorn an! Ist das die Lösung? Oder ist die große Schuldenbefreiung bloß Auftakt zur nächsten Katastrophe?
Massenproteste 2001 in Argentinien - die Wirtschaft ist am Boden, der Staat pleite, die Bevölkerung verzweifelt. Heute, zwölf Jahre später, steht mehr als ein Staat vor dem Kollaps: Die Schulden der Industriestaaten sind so hoch wie zuletzt während des Zweiten Weltkriegs, die Lage ist in vielen Staaten dramatisch. Da helfe nur ein radikaler Schuldenerlass - ein Befreiungsschlag für alle, die über die Stränge geschlagen haben.

Schulden: Immer schlimmer? - Reden Sie mit!

Wer Schulden macht, der muss sie noch lange nicht zurückzahlen. So sieht das David Graeber, Amerikaner, Bestseller-Autor und nicht irgendein weltfremder Träumer, sondern Professor für Anthropologie in London. Mit der Idee des Schuldenerlasses findet Graeber weltweit Gehör - auch hierzulande.

Graeber will den Befreiungsschlag
In den letzten 15 Jahren seien die Gehälter zurückgegangen und die Wettbewerbsfähigkeit gestiegen. "Das bedeutet, dass ein Prozent der Bevölkerung mehr und mehr an Reichtum anhäuft und es von den anderen wegnimmt", so Graeber. "Und es heißt natürlich auch, dass sie sich das Geld anschließend gegenseitig leihen und dann in die Schuldenfalle geraten."

Graeber will einen Befreiungsschlag - erst für Griechenland und dann für die ganze Welt. Reinen Tisch für alle. Das heißt, dass sich auch die Verbraucher nicht mehr der "überkommenen Moral", wie Graeber es ausdrückt, unterwerfen müssen. Klartext des Wissenschaftlers in seinem Buch "Schulden - Die ersten 5000 Jahre", inzwischen ein Bestseller:

Biblisches Vorbild
"Ich habe den Eindruck, ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild ist überfällig, für Staatsschulden wie Konsumschulden." Nach Graebers Ansicht würde ein Schuldenerlass "menschliches Leid lindern" und allen Menschen die Möglichkeit geben "ihre Gesellschaft anders zu organisieren".

Kredite und Schulden seien doch nichts weiter, meint Graeber, als ein gesellschaftliches Versprechen, das man unter neuen Bedingungen auch ändern und brechen dürfe - und im Moment sei nichts wichtiger als reinen Tisch zu machen!

Das kommt an: Gehör findet der Wissenschaftler und Mitbegründer der Occupy-Bewegung bei Globalisierungsgegnern und Betroffenen. Der Frust über die Banken- und Schuldenkrise schürt ihre Sehnsucht nach einem Befreiungsschlag, ein Schuldenerlass klinge doch auch gerecht und wer Geld verleihe, müsse sich eben bewusst sein, dass das auch immer ein Risiko ist.

Straubhaar: Schuldenerlass verheerend
Aus Sicht von Ökonomen ist das eine brandgefährliche Lösung: Ein Schuldenerlass, diese Rechnung wäre zwar einfach aber verheerend, warnt Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) und einer der führenden Ökonomen Deutschlands: Ein Schuldenerlass löse keines der Probleme, die hinter den Schuldenbergen stehen. Oder anders ausgedrückt: Es sei eine romantische Idee zu glauben, dass durch das Erlassen der Schulden die überschuldeten Länder dann am nächsten Tage quickfidel und mit gesunden Volkswirtschaften aufwarten könnten. Das Gegenteil sei der Fall: "Es würde eher die Botschaft ausgesendet, dass am Ende belohnt wird, wer Schulden nicht versucht zurückzuzahlen, sondern darauf spekuliert, dass sie ihm erlassen werden."

Auf den Schuldenerlass würde nach Einschätzung von Straubhaar automatisch die nächste Bankenkrise folgen. Banken wären pleite. Denn sie halten Staatsanleihen. Und die wären sofort wertlos, wenn ein Staat seine Schulden nicht mehr zahlt. Dann würde die Wirtschaft zusammenbrechen; Sozialsysteme und Pensionskassen würden kollabieren. Ein normales Leben wäre Vergangenheit.

Vier Wege aus der Schuldenfalle
Keiner könne die Folgen dieser Krise voraussehen, weil es keine historischen Vorbilder gibt. Aber an Schulden werde die Welt nicht zerbrechen. Und nicht untergehen, erklärt der Ökonom. Lösungen gibt es. Keine absolut richtigen, keine schnellen, aber verschiedene Möglichkeiten:

Der einfachste Weg sei, aus den Schulden herauszuwachsen, so Straubhaar. Dazu bedürfe es struktureller Reformen. "Die zweite Möglichkeit ist, die Staatsausgaben zurückzufahren, das heißt Verschwendung zu stoppen, den Schlendrian zu verhindern, zu fragen was ist wirklich unverzichtbar für einen Staat."

Das dritte sei, Steuereinnahmen und Abgaben zu erhöhen, damit mehr Geld in die Kassen des Staates fließen kann. "Das vierte ist ein Weg, den wir in Deutschland ganz besonders fürchten: Das ist der Weg über die Inflation, über die Entwertung der Kaufkraft des Geldes."

Von heute auf morgen lässt sich die Schuldenkrise nicht lösen. Weder in Griechenland noch im Rest der Welt. Und zumindest darin sind sich wohl alle einig.

Sendedaten
makro
"Schulden ohne Ende"

Freitag, 12. April 2013, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr
Thema der Sendung: Schulden
Schulden ohne Ende
Wir leben in einer Welt des billigen Geldes: Schulden machen wird belohnt, Sparen wird bestraft. Das ist ungemein bequem - und hinterlässt Verwüstungen in den Bilanzen von Staaten, Unternehmen und Bürgern.
Schwerpunkt
Finanzkrise
Das Platzen der amerikanischen Immobilienblase brachte ein gewaltiges Kredit-Kartenhaus zum Einsturz. Die folgende Pleite der Investmentbank Lehman Brothers führte das Weltfinanzsystem an den Rand des Kollaps. Bis heute zahlen wir an den Folgen.
Idee mit Haken
Schuldenerlass im Praxistest
Die Idee mit dem Schuldenschnitt hat Charme. Vor allem aber hat sie einen Haken. Denn die Schulden des einen sind die Vermögen des anderen. Annulliert man die Schulden, annulliert man auch die Vermögen. Das betrifft nicht nur die Vermögen des berüchtigten 1 Prozents, sondern auch die Vermögen der restlichen 99 Prozent.

Es betrifft auch nicht nur die böse Finanzindustrie, denn Banken und Versicherungen operieren ganz überwiegend mit dem Geld der Anleger - deutscher, französischer, spanischer und polnischer, großer und kleiner. Werden jetzt Schulden von beispielsweise 100 Mrd. Euro erlassen, dann verschwinden auch Anlagegelder von 100 Mrd. Euro.

Banken und Versicherungen würden einen Teil der Verluste absorbieren, da sie sich nicht die Blöße geben wollen, ihren Kunden vertraglich zugesicherte Leistungen zu verweigern. Aber machen wir uns nichts vor. Die holen sich das Geld wieder rein: Es werden die Erträge sinken aus Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, Banksparplänen und Riesterverträgen.

Es sinken die Zinsen für Tagesgeld. Und natürlich steigen die Prämien - für Krankenversicherungen, Haftpflichtversicherungen, Brandschutzversicherungen. In Deutschland, Frankreich, Spanien und Polen, bei Kleinen und Großen. Und vielleicht trifft es auch ein paar besonders Clevere auf den British Virgin Islands. Bis die 100 Mrd. Euro wieder drin sind.

Ein generelles Allheilmittel im Sinne eines eleganten Neustarts ist ein Schuldenschnitt also nicht. Mitunter, freilich, ist er gerechtfertigt, sogar gerecht, z.B. um nicht sofort den Steuerzahler für finanzielle Fehlentscheidungen zur Kasse zu bitten.

Und mitunter ist er unvermeidbar - nämlich immer dann, wenn ein Schuldner jenseits seiner Schuldentragfähigkeit belastet ist. Wie Griechenland zum Beispiel. Dort wird es ohne einen (weiteren) Haircut nicht funktionieren. Man kann von einer Gesellschaft schließlich nicht verlangen, bis ans Ende aller Tage zu zahlen. Und die Griechen sollten sich das auch nicht gefallen lassen.