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Quotenwahnsinn
Die Nachfrage nach Zucker steigt. Das Angebot auch. Passt ja prima, könnte man denken. Von wegen! Eine starre Quotenregelung in Europa sorgt dafür, dass trotz heimischer Rekordernte Süßwarenhersteller ihre Produktion beschränken müssen.
Beim Unternehmen Sweet Tec rollt Süßes en masse vom Band. 16 Millionen Bonbons am Tag. Man würde gern noch mehr produzieren, doch die Hauptzutat Zucker ist gerade nicht nur teuer, sondern auch äußerst knapp. "Wir haben eine Grundausstattung aufgrund unserer Kontraktmengen, die wir 2010 einmal abgeschlossen haben", bedauert Thomas Baum, Einkaufsleiter bei Sweet Tec. "Mehr bekommen wir von unseren etablierten Lieferanten derzeit nicht."

Dabei haben Rübenbauern gerade eine Rekordernte eingefahren. Die EU aber schreibt vor, 85% des europäischen Zuckerbedarfs selbst zu decken. Die restlichen 15% dürfen aus Entwicklungsländern kommen. Ein kleines Zugeständnis, um den Produzenten außerhalb der EU den Zugang zum europäischen Markt nicht komplett zu versperren.

"Die Kommission ist eigentlich von falschen Annahmen ausgegangen. Sie hat immer geglaubt, dass der Zucker von den anderen Ländern, von außerhalb, auch kommt", kritisiert der Rübenbauer Erhard Landes.

Der Preis boomt, das Angebot sinkt
Große Zuckerrohrproduzenten wie Brasilien und Indien mussten Missernten hinnehmen. Das Angebot auf dem Weltmarkt ist zurückgegangen, während die Nachfrage stetig steigt - mit ihr der Preis. In den letzten vier Jahren hat sich der Weltmarktpreis für Zucker daher mehr als verdoppelt. Eine Tonne kostet jetzt fast 500 Euro.

In die EU kann gerade nicht so viel Zucker geliefert werden, wie nötig wäre um den Bedarf zu decken. Und doch ist der Engpass in Europa selbst verschuldet. Eigentlich gäbe es mehr als genug Zucker in Europa. Aber alles, was über der starren Quote von 85% für heimischen Zucker liegt, darf nur als Industriezucker angeboten werden und nicht für den Verzehr.

Quoten bis zum Ausverkauf
© dpa Quoten durch die EU verhindern die Versorgung des Marktes.
Quoten durch die EU verhindern die Versorgung des Marktes.
Ausgerechnet die Quote, mit der die EU ihren Zuckermarkt noch immer weitgehend vom Weltmarkt abschottet, wird ihr jetzt zum Verhängnis. Und das dämmert allmählich auch Brüssel. "Der Zuckersektor bereitet sich seit mehreren Jahren auf die Abschaffung des Quotensystems vor. Denn mit der Quote fällt es uns mitunter schwer, eine ausreichende Versorgung der Märkte mit Zucker sicherzustellen", sagt EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos.

Brüssel muss dann mit heftigen Protesten der Rübenbauern rechnen. So wie im Jahr 2006 bei der letzten Reform. Denn eine Quote bedeutet auch, dass den Bauern in der EU eine festgelegte Menge garantiert abgenommen wird. Ohne Quote wäre die Preisgestaltung stärker von den Zuckerpreisen auf dem internationalen Markt abhängig.

Süßwarenhersteller aber würden sich freuen. Sie könnten ihren Zucker dann überall ohne Auflagen kaufen und das Risiko, nicht ausreichend Leckereien produzieren zu können, wäre geringer. Zudem sollten sich Preisvorteile ergeben.

Sendedaten
makro
"Süße Geschäfte mit Zucker"

Freitag, 24. Februar 2012, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr
Thema der Sendung
Süße Geschäfte mit Zucker
Zucker ist ein wahrer Zauberstoff. Aus süßen Schleckereien ist er nicht wegzudenken, klar. Aber man kann mit Zucker auch Autofahren oder daraus Plastiktüten machen. Trotzdem läuft die Branche Sturm.
Info
Zuckerpreis
Im Supermarkt kostet ein Pfund Zucker 80-90 Cent, auf dem Weltmarkt etwa ein Viertel. Gehandelt werden Zucker-Kontrakte z.B. an der Chicago Mercantile Exchange, der Warenterminbörse in Chicago. Der nächstfällige Kontrakt (März 2012) steht heute doppelt so hoch wie 2007, nachdem er sich zwischenzeitlich sogar verdreifacht hatte.
Chart
Sugar #11
Future-Kontrakt März 2012 /
Chicago Mercantile Exchange
Der Preis errechnet sich folgendermaßen: Angaben in USD/lb (1 lb = 0,4536 kg; also: 1t Zucker bei 0,26 USD/lb kostet 2205x0,26 = 573 USD)
Schwerpunkt
Agrar