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Vorschau
Sendung am 27. Oktober
Umbau der Alpen
Der Klimawandel bedroht den Wintersport. Viele Skigebiete in den Alpen sind nicht mehr schneesicher. Geröll- und Verkehrslawinen sowie die massive Verstädterung zeigen die Schattenseiten des Massentourismus.
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Rückblick
Sendung vom 13. Oktober
Sucht nach Soja
Die Sojabohne hat Wachstumsraten wie kaum eine andere Nutzpflanze der Welt. Sie steckt in Schokolade, Treibstoffen und im Futter für die Tiermast. Doch der weltweite Soja-Boom hat gravierende Folgen für Mensch und Umwelt.
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Den letzten beißen die Hunde
Volkmar Michler, Chefredakteur des Börsenbriefes Taipan, war auf Investorenreise in Südostasien. Was er dort erlebt hat, war durchaus verstörend. Dem glänzenden Wirtschaftsboom stehen gewaltige Schattenseiten gegenüber.
Nach seiner Rückkehr von einer einmonatigen Recherche-Reise in Süd-China und Nord-Vietnam kamen Volkmar Michler seine ersten Tage in Deutschland lahm, leer und leise vor. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich für Südostasien: hektisch, voll und laut. Doch es gibt regional gewaltige Unterschiede.

Denn interessanterweise gilt das weniger für die südchinesischen Millionen-Metropolen wie Shenzhen, die erste Sonderwirtschaftszone Chinas, und Kunming, Hauptstadt der Provinz Yunan. Hier sind die lärmenden und stinkenden Mofas fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden, erzählt Michler. In Shenzhen geht dies auf ein striktes Verbot der Stadtverwaltung zurück, in Kunming hat man zumindest E-Bikes zugelassen. Für die batteriebetriebenen Mofas wurden in der 7-Millionen-Stadt teilweise sogar extra Spuren eingerichtet. Hier kann man als Fußgänger auch getrost bei Grün über einen Zebrastreifen gehen, ohne Gefahr zu laufen, über den Haufen gefahren zu werden.

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Gewöhnungsbedürftige Landessitten
In Vietnam sei das anders, berichtet der Asienreisende. Hier haben Ampeln, Einbahnstraßen und Bürgersteige allenfalls symbolische Bedeutung. Schon nach wenigen Stunden in der Altstadt von Hanoi war klar: Die 7-Millionen Hauptstadt Vietnams ist wesentlich chaotischer und rücksichtsloser als alles, was er bisher in Südchina erlebt hatte. Durch Gespräche mit Vertretern von (börsennotierten und staatlichen) Unternehmen und Stadtverwaltungen sowie mit Ausländern, die aus beruflichen Gründen seit Jahren in Vietnam und China leben, habe sich dieser Eindruck bestätigt.

Abseits der touristischen Trampelpfade hat Michler in den letzten vier Wochen sowohl in Südchina als auch in Nordvietnam eine individuelle, privat organisierte Recherche-Tour unternommen. Nur so könne man - natürlich mit Hilfe von Dolmetschern oder Deutschen, die die einheimische Sprache beherrschen - hinter die Fassaden und hinter die offiziellen Zahlen schauen und erfahren, wie eine Gesellschaft tickt.

Raubtierkapitalismus im kommunistischen System
Was Michler erfahren hat, hat ihm nicht immer gefallen. Die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr sei dabei nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Auch wenn man es nicht glauben mag: In über 40% der vietnamesischen Beziehungen herrsche Gewalt gegenüber der Frau, erzählt er. Entsprechend hat die Zahl der Frauen im einzigen Frauenhaus in Hanoi in den letzten Jahren stark zugenommen. „Dabei geht es nicht um eine Ohrfeige oder Ähnliches. Hier wird ein Stuhl über dem Kopf der Frau zusammengeschlagen oder ein Ohr abgeschnitten“, erzählt Christian Oster, mit dem Michler unterwegs war. Oster leitet im Goethe-Institut in Hanoi unter dem Namen „HanoiKultour“ eine hervorragende Agentur, wie Michler erzählt.

Ist in Vietnam-Reiseführern immer noch von „kristallklarem Wasser“ in der weltberühmten Halong-Bucht die Rede, in der offiziell nur 80 Lizenzen für Touristenboote vergeben werden, sind tatsächlich über 500 Bootsunternehmen im Einsatz. Zudem sei das Wasser alles andere als kristallklar, so Michler. Der Müll von den Touristenbooten werde einfach über Bord geworfen. Auch die Menschenrechtssituation habe sich dramatisch verschlechtert, was kaum irgendwo zu lesen ist.

Im Zuge der Wirtschaftskrise, die sowohl in China als auch in Vietnam vor allem exportlastige Unternehmen getroffen hat, haben die Regierungen die Zügel wieder deutlich angezogen. Jüngstes Beispiel: Ein 26-jähriger vietnamesischer Blogger hatte es im Internet gewagt, über ein Mehrparteiensystem nachzudenken. Jetzt sitzt er im Gefängnis und ist von der Todesstrafe bedroht.

Tricksen, täuschen und betrügen
Neben Gewalt geht es aber auch ums Tricksen, Täuschen und Betrügen. Wie Michler berichtet, hätten ihm im vertraulichen Gespräch fast alle Deutschen, die in Vietnam leben und Geschäfte machen, bestätigt, dass sie von ihren vietnamesischen Geschäftspartnern mehr oder weniger über den Tisch gezogen wurden. Hier geht es nicht nur um den Taxifahrer, der einen bewusst zum falschen Hotel bringt oder den Taximeter manipuliert. Michler hat konkret den Eindruck, noch mehr als China leiste sich Vietnam als kommunistisches Land einen Raubtierkapitalismus der besonderen Art. Dennoch könnten sich die meisten Ausländer, mit denen er gesprochen hat, vorstellen, längerfristig in Vietnam zu bleiben. Das Land habe auch seine guten Seiten.

Trotz Schwierigkeiten lohnt es sich für die meisten ausländischen Unternehmen, in Vietnam investiert zu bleiben. Der deutsche Geschäftsführer eines Joint-Ventures im Lebensmittelsektor meinte, die meisten Deutschen verstünden die vietnamesische Mentalität nicht. Dabei könnten die Deutschen hier viele Vorteile genießen.

Wachstumsmotor Mittelschicht
Was ihn in Vietnam hält, ist die unglaubliche Dynamik, die sich auch an seinem Unternehmen ablesen lässt: In 2000 hat er mit nur 7 Mitarbeitern in einer ehemaligen Fischfabrik mit der Wurstproduktion begonnen. Jetzt hat er über 150 Angestellte. Was zunächst als exotisches Produkt aus Deutschland bestaunt wurde, ist mittlerweile zum Alltagsprodukt für die rasant wachsende Mittelschicht geworden. Und die Expansionspläne der deutschen Wurstfabrik in Hanoi gehen längst über Vietnam hinaus.

Auch in anderen Ländern Asiens nimmt die Bedeutung der Mittelschicht immer weiter zu. Dabei ist diese Entwicklung nicht nur auf die Metropolen begrenzt, sondern dehnt sich mittlerweile auch aufs Land aus. Michler erklärt, dass 1995 in den ländlichen Gebieten Chinas der Anteil der Haushalte mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 5000 RMB (735 USD) gerade einmal bei 2% lag - und heute schon bei über 24%.

Freihandelszone der Superlative
Eine Untersuchung der Weltbank bestätige zudem, dass die Mittelschicht in den Schwellenländern Südostasiens schneller wachse als in jeder anderen Region der Welt, so Michler. Die Mittelschicht in Südostasien macht bisher 1,4% der Weltbevölkerung aus, bis zum Jahr 2030 sollen es knapp 9% werden. Durch ein solch dynamisches Wachstum wird sich Südostasien nicht nur zu einem wichtigen Verbrauchermarkt, sondern auch zu einem Wachstumsmotor für andere Regionen entwickeln.

Dieser Prozess wird sich zukünftig noch weiter beschleunigen. Denn seit Jahresbeginn ist in Südostasien eine Freihandelszone der Superlative entstanden, ein Wirtschaftsraum ohne Zollschranken für 1,7 Milliarden Menschen. Zukünftig können über 8.000 Produkte von Autozubehör bis zu Zement frei gehandelt werden. Außer den Gründungsmitgliedern der ASEAN, Thailand, Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Singapur, werden in den nächsten Jahren vor allem die vier neu aufgenommenen Länder, Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam, profitieren, davon geht Michler aus.

Sendedaten
3satbörse
"Südostasien"

Freitag, 5. Februar 2010
21.30 Uhr
Studiogast
LupeVolkmar Michler, Chefredakteur des Börsenbriefes Taipan, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Investmentideen zu finden, die von den meisten Anlegern noch nicht entdeckt wurden.
Mediathek
Sehen Sie das Interview mit Volkmar Michler in unserer Mediathek.
Thema der Sendung
Südostasien
Schwerpunkt
© Diliff, GNU FDL, CC-BY-3.0Emerging Markets Asien
Blue Dragon
Im Einsatz für Kinder
Bei aller Euphorie darf man nicht vergessen, dass es auch zunehmend Menschen geben wird, die bei dieser Entwicklung auf der Strecke bleiben - wie die vielen Straßenkinder Südostasiens. Michler berichtet, er sei in einem der ärmsten Stadtteile Hanois auf ein Projekt gestoßen, das diesen Kindern helfen soll: „Blue Dragon“. Vor acht Jahren wurde die „Blue Dragon Children’s Foundation“ unter anderem mit Hilfe einer privaten Spende des deutschen Botschafters und seiner Frau in Hanoi aufgebaut. Die Mitarbeiter des Projekts holen Kinder von der Straße und aus Fabriken, wo sie illegal beschäftigt werden. Mittlerweile reiche die Bandbreite der angebotenen Leistungen von Rechtshilfe über Freizeit- und Schulbetreuung bis hin zu psychologischer Unterstützung, sagt Michler.