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Indonesien - Reifeprüfung für ein Riesenland
Fast unbemerkt hat sich Indonesien vom Entwicklungs- zum Schwellenland gemausert. Doch das Wirtschaftswunder im größten muslimischen Staat der Erde steht auf der Kippe.
Seit zwei Jahren ist Indonesiens Präsident Joko Widodo, genannt Jokowi, nun im Amt. Er hat ein Aufräumer-Image, ist beliebt beim Volk und mit großen Hoffnungen gestartet. Kurzum: Er wollt alles anders machen, es sollte alles besser werden. Nun sind zwei Jahre kein Zeitraum, in dem ein rückständiges Riesenreich wie Indonesien zu reformieren ist - dennoch markiert es eine gute Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme.

Bis 2018, versprach Jokowi, solle das jährliche Wirtschaftswachstum 7% erreichen - Wachstumsraten, die seit der Asienkrise 1998 passé sind (siehe "Zahlen, Daten, Fakten" weiter unten). Die Realität ist eher ernüchternd. Seit 2008 lässt das Wachstum kontinuierlich nach, auf zuletzt 4,7% (siehe unten). Das durchschnittliche Einkommen ist heute nur halb so hoch wie in China, nur ein Zwanzigstel des benachbarten Singapur. Die Bürokratie ist behäbig, die Infrastruktur rückständig, die Korruption allgegenwärtig. Eine Herkulesaufgabe.

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Rohstoffboom ist vorbei
Jahrelang konnte der Rohstoffboom die Missstände überdecken. Indonesien ist der weltgrößte Exporteur von Palmöl, der zweitgrößte Exporteur von Kautschuk und der viertgrößte Kohleproduzent. Die Mega-Mine Grasberg im Osten des Inselreichs ist die größte Goldmine der Welt und fördert das drittmeiste Kupfer. Solange die Rohstoffpreise hoch waren, war alles gut. Aber seit 2011 fallen sie. Die Einnahmen sinken, das Leistungsbilanzdefizit wächst, die Abhängigkeit von ausländischem Kapital steigt, die Probleme des Landes treten zutage.

Ein wichtiges Ziel der Regierung Jokowi ist es daher, die Abhängigkeit vom Rohstoffsektor zu reduzieren und - neben dem Dienstleistungssektor - die Industrieproduktion auszubauen. Auf drei Beinen steht es sich besser. Ein vernünftiges Ziel, für dessen Realisierung Indonesien beste Voraussetzungen mitbringt - theoretisch.

Mit rund 250 Mio. Einwohnern ist es das viertbevölkerungsreichste Land der Erde. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte und streben nach einem modernen Leben - mithin ein sich rasch entwickelnder Markt für Konsumgüter und Dienstleistungen aller Art. Arbeitskräfte sind immer noch billig, auch wenn der Mindestlohn zuletzt kräftig anzog. Im produzierenden Gewerbe liegt der Durchschnittslohn bei 253 USD. Das verschafft dem Produktionsstandort Indonesien Vorteile gegenüber Thailand (369 USD) oder China (403 USD).

Zahlen, Daten, Fakten
<b>Wirtschaftleistung pro Kopf</b><br />Indonesiens Wirtschaftsleistung pro Kopf (orangene Linie) ist zwischen 1980 und heute gewaltig gestiegen: laut Internationalem Währungsfonds (IWF) von gut 735 Dollar auf 5200 Dollar. Zum Vergleich: Schwellenländer insgesamt (rot) und das deutlich ärmere Indien (blau). Für Indonesien gab es einen schweren Rückschlag: die Asienkrise 1997/98. © IMF
Wirtschaftleistung pro Kopf
Indonesiens Wirtschaftsleistung pro Kopf (orangene Linie) ist zwischen 1980 und heute gewaltig gestiegen: laut Internationalem Währungsfonds (IWF) von gut 735 Dollar auf 5200 Dollar. Zum Vergleich: Schwellenländer insgesamt (rot) und das deutlich ärmere Indien (blau). Für Indonesien gab es einen schweren Rückschlag: die Asienkrise 1997/98.
<b>Wirtschaftswachstum</b><br />Die jährlichen Wachstumsraten können sich sehen lassen. Nur die Asienkrise hat einen fürchterlichen Einbruch gebracht (1998: -13,1%). Als Konsequenz hat Indonesien seine Finanzen sturmfest gemacht. Die globale Finanzkrise 2008/09 führte nur zu einer kleinen Wachstumsdelle mit immer noch respektablen +4,6%. Seit 2010 schwächelt das Wachstum merklich - auf zuletzt nur noch 4,7%. © IMF
Wirtschaftswachstum
Die jährlichen Wachstumsraten können sich sehen lassen. Nur die Asienkrise hat einen fürchterlichen Einbruch gebracht (1998: -13,1%). Als Konsequenz hat Indonesien seine Finanzen sturmfest gemacht. Die globale Finanzkrise 2008/09 führte nur zu einer kleinen Wachstumsdelle mit immer noch respektablen +4,6%. Seit 2010 schwächelt das Wachstum merklich - auf zuletzt nur noch 4,7%.
<b>Börse Jakarta</b><br />Die Finanzkrise 2008 hat die Börse in Jakarta übel erwischt. Fast zwei Drittel hatte der Index verloren. Viel schlimmer traf das Land jedoch die Asienkrise 1997/98. Im Langfristchart ist das nur kaum noch erkennbar. Gegenwärtig macht sich der generelle Abzug von Kapital aus den Schwellenländern bemerkbar, der im Falle von Indonesien noch durch national-protektionistische Rhetorik verstärkt wird. © VWD
Börse Jakarta
Die Finanzkrise 2008 hat die Börse in Jakarta übel erwischt. Fast zwei Drittel hatte der Index verloren. Viel schlimmer traf das Land jedoch die Asienkrise 1997/98. Im Langfristchart ist das nur kaum noch erkennbar. Gegenwärtig plagt die Schwellenländer ein genereller Abzug von Kapital, der im Falle Indonesiens noch durch national-protektionistische Rhetorik verstärkt wird.

Kafkaeske Bürokratie
Nun wirft Indonesien nicht nur Vorteile in die Waagschale, sondern auch eine kafkaeske Bürokratie. Zwar hat die neue Regierung sich mehr Transparenz in der Verwaltung auf die Fahnen geschrieben und die Vereinfachung von Genehmigungsverfahren ("one-stop investment clearances") werden allseits positiv bewertet. Dennoch ist das Beharrungsvermögen des indonesischen Verwaltungsapparates legendär und inwieweit sich hier tatsächliche Verbesserungen ergeben, wird erst die Zukunft zeigen.

Indonesiens Infrastruktur galt in den 90er-Jahren - für ein Entwicklungsland - als einigermaßen vorbildlich. Seither ist sie hinter die Ansprüche immer weiter zurückgefallen. Straßen, Elektrizität, Häfen - der Modernisierungsbedarf ist enorm. Allein ein Blick auf die Landkarte offenbart ein indonesienspezifisches Dilemma: Das Land besteht aus 13.000 Inseln. Da ist es nicht damit getan, einen Sack Reis auf einen Güterzug zu setzen.

Unternehmen haben 50% höhere Logistikkosten als in Thailand, doppelt so hohe wie im benachbarten Malaysia. Kein Wunder, dass ausländische Investitionen in den letzten Jahren stagnieren. Und weil in der Wirtschaft alles mit allem zusammenhängt, wirkt sich eine unzureichende Infrastruktur nachteilig auf das wichtige Regierungsziel, den Ausbau der Industrieproduktion, aus. Tatsächlich ist der Anteil des produzierenden Gewerbes an der gesamten Wirtschaftsleistung von 29% im Jahr 2001 auf 24% in 2013 zurückgegangen.

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Straßen, Häfen, Kraftwerke
Das Thema Infrastruktur geht Jokowi frontal an. Das Investitions-Budget wurde um 53% erhöht. Das Geld dafür stammt aus dem Absenken staatlicher Subventionen für Treibstoff. Die niedrigen Rohölpreise ermöglichen dies einigermaßen schmerzfrei. Mit großer Skepsis verfolgen Beobachter jedoch die Vergabe der Aufträge. Die gehen nämlich bevorzugt an unwirtschaftliche Staatskonzerne. D.h. wieviel der Infrastruktur-Investitionen sich tatsächlich in Straßen, Häfen und Kraftwerken manifestiert, ist fraglich. Selbst Deutschland schafft es nicht, in Berlin einen Flughafen zu bauen.

Jokowi, der sein Macher-Image kultiviert, einen talentierten Volkstribun abgibt, viele Probleme des Landes korrekt erkannt hat und mit Energie angeht, hat auch eine Schattenseite: Eine nicht zu leugnende nationalistisch-protektionistische Rhetorik. Wenn er sich dort nicht bremst, wird er einen nachhaltigen Fortschritt des Landes abwürgen. Zumal es bei der Rhetorik allein nicht bleibt.

Protektionistische Rezepte
Schon vor Jokowis Amtsantritt gab es eine Vielzahl protektionistischer Hürden für ausländische Investitionen in Indonesien - Investitionen, die dringend benötigtes Knowhow und dringend benötigtes Kapital ins Land bringen könnten. Seither wächst die Blacklist von Branchen, in denen Ausländern Steine in den Weg gelegt werden, stetig an. Das gilt selbst für Ärzte. Ausländische Arbeiter in der Öl- und Gasbranche müssen unter 55 Jahre alt sein. Die Ölförderung an Land steht auf der "negative-investment list", genauso wie die eCommerce-Branche. Das klingt in einer globalisierten Welt ziemlich albern. Wohlstand entsteht so nicht.

© ap Der 2014 gewählte Präsident Joko Widodo will Indonesien reformieren. Er ist bekannt dafür, dass er seinen Worten auch Taten folgen lässt.
Der 2014 gewählte Präsident Joko Widodo will Indonesien reformieren. Er ist bekannt dafür, dass er seinen Worten auch Taten folgen lässt.
Natürlich verfolgt die Regierung mit der Vorgabe, dass 40% der Innereien von Smartphones und Tablets in Indonesien gefertigt werden müssen, das Ziel, die eigene Hightech-Industrie zu stärken. Aber das Aussperren von Konkurrenz führt am Ende immer nur zu mittelmäßigen Produkten. Das Fördern der eigenen Industrie durch das Anwerben von ausländischem Knowhow (und von ausländischem Kapital) und bessere Schulen und Hochschulen wäre allemal der klügere Weg.

Die Widerstände gegen diesen Weg sind in Indonesien groß. In Jokowis eigener Partei und natürlich in der Business-Elite des Landes, die von der Nähe zu den Fleischtöpfen der Macht und Hürden gegen unerwünschten Wettbewerb seit Jahrzehnten profitiert.

Sendedaten
Freitag, 12. August 2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr

Ein Film von Peter Kunz.
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