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Sendung am 8. Dezember
Kollege Roboter
Die Roboter kommen. Vernetzt sind sie, unermüdlich und schlau. Sie werden die Arbeitswelt umkrempeln. So wie einst die Feldarbeit der Industrie weichen musste und diese später der Dienstleistungsgesellschaft. Das muss nicht schlecht sein.
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Rückblick
Sendung vom 1. Dezember
Der Nordkorea-Konflikt
Das Risiko für einen militärischen Konflikt mit Nordkorea war noch nie so groß. Die Vereinten Nationen haben darauf mit weiteren Wirtschaftssanktionen gegen das Land reagiert.
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© colourbox Lupe
Die "neue Normalität"
Chinas Wachstumsraten sind nur noch einstellig
Die schlingernde Konjunktur in China bereitet Sorgen. Spätestens seit den Turbulenzen an Chinas Börsen ist klar, dass sich Peking von zweistelligen Wachstumsraten verabschieden muss. Ob die Angst vor einem Crash tatsächlich gebannt ist, darüber sprach makro-Moderatorin Eva Schmidt mit Margot Schüller vom Hamburger GIGA Institut für Asien-Studien in einem Vorab-Interview.
Sollte sich die Abwärtsspirale in China weiter drehen, wären die Folgen für die exportorientierte deutsche Wirtschaft gravierend. Die hohe Abhängigkeit gerade des Maschinenbaus und der Automobilindustrie vom chinesischen Markt, erklärt Margot Schüller, könne nicht kurzfristig durch die Erschließung anderer Märkte ausgeglichen werden. Allerdings zeigte sich die China-Expertin prinzipiell zuversichtlich, dass Chinas Wachstum nicht deutlich einbrechen werde.

makro: Die Führung in Peking spricht von einer "neuen Normalität", wenn sie die Welt darauf einstimmen will, dass sich China von den Wachstumsraten der Vergangenheit verabschieden muss. Sind die 7 Prozent Wachstum, die Peking jetzt vorlegte, diese "neue Normalität"?

Margot Schüller: Ja, dies ist einer der Indikatoren für die "neue Normalität". Allerdings steht der Begriff für einen Wandel des bisherigen Wirtschaftsmodells insgesamt, nicht nur für ein langsameres Wachstum. Warum ist ein neues Wirtschaftsmodell erforderlich? Weil China zum einen einen demografischen Wandel erlebt, der mit sinkenden Anteilen der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter verbunden ist. Diese Entwicklung fällt mit einem starken Lohnstieg zusammen. Die Folge ist, dass die arbeitsintensive Produktion teurer geworden ist. Chinesische Unternehmen müssen aus Kostengründen bestimmte Industrien ins Ausland verlagern oder automatisieren. Auch muss China innovativer werden. Nach wie vor besteht eine hohe Abhängigkeit von Schlüsseltechnologien aus dem Ausland. Ebenso werden die ökologischen Folgekosten des schnellen Wachstums von der Bevölkerung nicht mehr ohne Widerspruch ertragen. Neue Technologien und die Durchsetzung von Umweltauflagen sind notwendig. Da China auch nicht mehr von einem vergleichbar hohen Exportwachstum wie in der Vergangenheit ausgehen kann, soll die Entwicklung stärker binnenmarktorientiert und sozial ausgeglichen sein.

makro: Sind aber nun 7 Prozent Wachstum gute oder schlechte Nachrichten?

Margot Schüller: Mit einer Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung um 7 Prozent im ersten Halbjahr liegt das Wachstum genau innerhalb der Vorgabe der Regierung. Gewisse Zweifel an chinesischen Statistiken sind allerdings angebracht, weil es ein politisch sehr sensibler Indikator für den Erfolg der Regierung ist. Aber selbst bei einem Wachstum von rund 5 Prozent wäre dies für die weltweit zweitgrößte Wirtschaft kein wirkliches Krisenzeichen, wenn sich darin der angestrebte strukturelle Wandel widerspiegeln würde. Wir sollten also auch auf qualitative Zeichen achten, die sich nicht sofort in Prozentwerten widerspiegeln. Einige Anzeichen, dass es bei der Restrukturierung Fortschritte gibt, lassen sich allerdings aus der Statistik ablesen. So legte der Dienstleistungssektor im ersten Halbjahr um 8,4 Prozent zu. Der private Konsum stieg sogar um 10,4 Prozent hier vor allem durch eine schnelle Erhöhung der Internet-Käufe.

makro: Zunehmend wird klar, dass in China diese makellose wirtschaftliche Erfolgsstory der vergangenen Jahre teuer erkauft wurde. So sind zum Beispiel Unternehmen und öffentliche Haushalte hoch verschuldet. Was halten Sie momentan für das größte Risiko für die chinesische Wirtschaft?

Margot Schüller: Es besteht die Gefahr, dass die Zentralregierung ihre langfristigen Reformziele zugunsten kurzfristiger Interventionen zu lange aufschiebt. Die "neue Normalität" wäre dann nicht zu erreichen. Langfristig will China ja ein qualitatives Wachstum auf der Basis von Innovation, Binnenmarktorientierung, Nachhaltigkeit und sozialem Ausgleich erreichen.

makro: Die Börse in Shanghai hat sich aktuell zwar wieder gefangen. Der Kursrutsch hat aber den Blick dafür geöffnet, wie künstlich aufgepumpt die Aktienmärkte in China sind. Besteht also weiterhin eine Crash-Gefahr für China?

Margot Schüller: Nein, diese Gefahr hat auch nicht bestanden, da der Aktienmarkt nach wie vor weitgehend staatlich kontrolliert ist. China benötigt aber einen funktionierenden Markt für die Finanzierung von Unternehmen und als alternative Geldanlagemöglichkeit für Sparer. Deshalb gibt es ein ambitioniertes Reformprogramm, das Verzerrungen im Aktienmarkt abbauen soll. Deshalb auch die Kooperation mit der Hongkonger Börse. Probleme sind vor allem die hohe Volatilität aufgrund der extrem vielen Kleinanleger, die Aktienmärkte eher als Casinos betrachten und sich so verhalten. Es müssten also mehr institutionelle Investoren wie Banken und Versicherungen mit längerfristigen Anlagezielen auftreten, der Insiderhandel unterbunden und der staatliche Einfluss auf die Auswahl von Unternehmen für Erstemissionen unterbunden werden. Der Aktienmarkt sollte keinesfalls als Gradmesser für die Beliebtheit der Regierung genutzt werden, wie wir dies in den letzten Monaten beobachten konnten.

makro: Sind deutsche Industrieunternehmen ausreichend auf sinkendes Wachstum in China vorbereitet?

Margot Schüller: Die hohe Abhängigkeit gerade des Maschinenbaus und der Automobilindustrie vom chinesischen Markt kann nicht kurzfristig durch die Erschließung anderer Märkte ausgeglichen werden. Allerdings bietet der Wandel des Wirtschaftsmodells auch neue Chancen für Unternehmen, zum Beispiel in den Bereichen Automatisierung, Energieeffizienz und Klimaschutz. Obwohl das Wachstum zurückgeht, bleibt China für die meisten deutschen Unternehmen weiterhin ein Markt von großer Bedeutung. Aktuell – so zeigen Umfragen unter deutschen Unternehmen in China – werden andere Probleme als wichtiger eingestuft wie beispielsweise die Gewinnung und Bindung von Fachkräften.

Info
Dr. Margot Schüller
Die Ökonomin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am GIGA Institut für Asien-Studien. Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind die Analyse der Wirtschaftsentwicklung in China, das chinesische Innovationssystem und die Internationalisierung chinesischer Unternehmen.
Thema der Sendung: China
Chinas Zukunft
Kaum ein anderes Land galt so lange als Lokomotive der Weltwirtschaft wie China. Inzwischen aber wächst die Wirtschaft der Volksrepublik deutlich langsamer.
Schwerpunkt
China
Der Aufstieg Chinas begann 1978 mit der wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping. Bis vor ein paar Jahren hat es niemand bemerkt. Jetzt sind die Chinesen plötzlich da: als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.
Interview
Wohlstand in China
In seinem Buch "Mr. Smith und das Paradies: Die Erfindung des Wohlstands", beschäftigt sich Georg von Wallwitz unter anderem mit China, dessen starkes Wachstum unseren Wohlstand als Exportnation sehr mitgetragen hat.