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Vorschau
Sendung am 20. Oktober
Knappe Medikamente
Antibiotika, Impfstoffe oder Krebsmedikamente - Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind immer häufiger. Viele Medikamentenhersteller sind von einzelnen Zulieferern abhängig.
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Rückblick
Sendung vom 6. Oktober
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
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Frostige Zeiten in Estlands Hauptstadt Tallinn. © colourbox.de Lupe
Frostige Zeiten in Estlands Hauptstadt Tallinn.
Die Anti-Keynesianer
Baltikum testet Schocktherapie am eigenen Leib
Die Balten erlebten einen Wirtschaftseinbruch von fast griechischem Ausmaß - Immobilienblase, Aktienboom, Privatverschuldung, das volle Programm. Dann haben sie sich eine Radikalreform verordnet und geschafft, was in Südeuropa nicht gelingt.
Die Experten waren sich wieder einmal einig, besonders die von jenseits des Atlantiks. Das Sparprogramm werde die Rezession weiter verschlimmern. Die Bindung der eigenen Währung an den Euro sei nie und nimmer zu halten. Ohne eine Abwertung sei keine Rückkehr zu Stabilität und Wachstum in Sicht. Never. Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman, selten um eine klare Meinung verlegen, führte den Chor an. Lettland sei das neue Argentinien.

Allerdings hatte er die Rechnung ohne die Balten gemacht. Die haben nicht auf seinen Rat gehört. Die meisten von ihnen werden heute froh sein.

Was war passiert? Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen befanden sich in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991. Es hatte sie eine Art Doppelschlag getroffen. Als 2009 die weltweite Finanzkrise über Osteuropa hinwegfegte, waren sie schon längst K.O.

Die doppelte Finanzkrise
Die jährlich aufs Neue sich selbst übertreffenden Erfolge ihrer marktwirtschaftlichen Gehversuche führten spätestens seit der Jahrtausendwende zu einer Selbstbesoffenheit – gestützt von Wachstumsraten von teils mehr als 10% -, die nur mit einem schlimmen Kater enden konnte und dies 2007/2008 auch tat. Die selbstverschuldete Finanzkrise war da, die internationale Krise gab der Wirtschaft 2009 den Rest.

Nach der Unabhängigkeit entschieden sich alle drei Länder für einen liberalen, marktwirtschaftlichen Kurs, am konsequentesten in Estland unter Präsident Lennart Meri. Die marktoffene Wirtschaftsordnung mit niedrigen Steuern und schlankem Staat - man könnte auch sagen: weitmaschigem sozialen Netz - förderte Wachstum, Flexibilität und Unternehmertum, machte aber auch anfällig für Übertreibungen und externe Schocks.

Hilfe, die Banken kommen!
Ein solcher Schock, und zwar ein heftiger, traf das Baltikum 1998 mit der Russlandkrise. 80% der Exporte gingen damals an den großen Nachbarn im Osten - eine Abhängigkeit, die die baltischen Staaten so schnell wie möglich zugunsten einer Ausrichtung nach Europa reduzieren wollten. Der Kurs Richtung EU-Beitritt führte die Balten natürlicherweise zu ihren alten Handelspartnern in Nordeuropa.

Und umgekehrt. Denn skandinavische Banken kauften sich in großem Stile im Baltikum ein, allen voran die schwedischen Institute SEB und Swedbank. Nordea und Danske Bank ließen nicht lange auf sich warten.

Goldgräberstimmung
Und, klar, jetzt passierte, was immer passiert: Die Banken wollen Kredite unters Volk bringen und die Leute unterschreiben, als gäbe es kein Morgen. In baltischen Bankfilialen sprudeln die Gewinne. Aus den Mutterhäusern wird mehr Geld ins Baltikum geleitet - für immer neue Kredite. Es beginnt ein Wettlauf zu laxeren Konditionen und niedrigeren Zinsen. Lokale Banken lassen sich auch nicht lumpen. Die Party ist in vollem Gange.

Die Verschuldung im privaten Sektor schießt zwischen 2003 und 2008 in die Höhe. In Lettland von 25% der Wirtschaftsleistung (BIP) auf 65%, in Lettland von gut 40% auf 95% und in Estland von 30% auf knapp 100%. Wir kennen das aus Spanien. Verschärfend kommt hinzu: Die meisten Kredite sind Fremdwährungskredite in Euro.

Das ganze neue Geld, ab 2004 noch ergänzt durch EU-Hilfen, muss natürlich irgendwo hin. Löhne steigen, das BIP steigt, Aktien steigen, überhaupt alles mit einem Preisschild steigt. Immobilienpreise verdoppeln sich allein zwischen 2005 und Mitte 2007.

Kater nach der Riesensause
Als SEB und Swedbank Anfang 2008 das Kreditwachstum bremsten, war es bereits zu spät. Dem Schneeballsystem ging der Nachschub aus. Mit der globalen Finanzkrise brachen die europäischen Exportmärkte weg. Die Kapitalmärkte trockneten aus. Was folgte, war ein Einbruch, der seinesgleichen sucht (siehe Infokasten "Wirtschaftswachstum" rechts).

Die Staatsverschuldung war zwar sehr niedrig - sie lag 2008 in Lettland bei 17% des BIP, in Litauen bei 15% und in Estland nur bei 4% -, aufgrund der allgemein niedrigen Steuersätze und der rezessionsbedingt wegbrechenden Einnahmen bestand aber keine Chance, den Einbruch des privaten Sektors mit staatlichen Konjunkturprogrammen zu kompensieren, also keynesianische Wirtschaftspolitik zu betreiben.

Abwerten oder nicht?
Als sich in Lettland ein Sturm auf die Banken anbahnte, stand schließlich der IWF vor der Tür - und die Frage, ob die Krisenländer ihre jeweilige Währung, bisher in einem festen Verhältnis an den Euro gekoppelt, abwerten sollen oder nicht. Die Anhänger der Abwertung, vorwiegend Ökonomen aus dem angelsächsischen Wirtschaftsraum, allen voran Paul Krugman, aber auch Kollegen aus Südeuropa, argumentierten mit einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit, der Vermeidung einer Deflationsspirale und der Gefahr des Kaputtsparens.

Estland und Lettland entschieden sich für die Aufrechterhaltung der Wechselkursbindung, Dies war auch Bedingung für das Hilfsprogramm von IWF und EU. Es gab dafür einen politischen Grund und einen ökonomischen. Für die Balten hatte der Beitritt zum Euro, wie zuvor schon die Mitgliedschaft in EU und Nato, als Vollendung der politischen Westbindung oberste Priorität. Dies betont auch makro-Studiogast Reinhard Krumm in einem Interview (siehe rechte Spalte). Eine Abwertung hätte den Zug erst mal vom Gleis gekippt.

Die Fremdwährungsbombe
Feste Wechselkurse waren beinahe zwei Jahrzehnte lang Anker der ökonomischen Stabilität. Da wollte man nicht wackeln. Zudem saßen die Banken auf einer veritablen Fremdwährungsbombe. 90% der estnischen Hypothekenkredite und mehr als 80% aller lettischen Kredite lauteten auf Euro. Bei einer Abwertung hätten viele Schuldner diese Kredite nicht mehr bedienen können. Die Banken wären zusammengebrochen, die Gesamtverschuldung in Lettland auf geschätzte 250% des BIP hochgeschossen. Eine teuere Sache.

Damit bleibt als einziger Weg, Wettbewerbsfähigkeit zurückzuerlangen und die Finanzen ins Lot zu bringen, die sogenannte interne Abwertung - hier mit Blick auf die Maastricht-Kriterien eine nie dagewesene fiskalische Kürzungsorgie: Löhne runter (pauschal 20-30%), Ausgaben auf Vor-Boom-Niveau zusammenstreichen, Haushalt an die neue Einnahmesituation anpassen, Renten kürzen (um 10%), Reduzierung öffentlicher Dienstleistungen, strukturelle Neuaufstellung. In Lettland addierten sich die Kürzungen in nur einem Jahr auf 11% der gesamten Wirtschaftsleistung. Kurzum: Einsatz des vollen Repertoires an Folterwerkzeugen, welches wir schon aus Griechenland kennen.

Nationaler Konsens
Die Folgen waren - trotz einer Reihe von Sozialprogrammen - echte Not, strukturelle Arbeitslosigkeit (siehe Infokasten "Arbeitslosigkeit"), gekürzte Gesundheitsversorgung und massenhafte Auswanderung (siehe Video). Bemerkenswert ist, dass die Bevölkerung die Sparmaßnahmen mitgetragen hat. Auch Regierungswechsel, zum Beispiel in Lettland, haben an der politischen Grundausrichtung nichts geändert. Die Anbindung an Europa als übergeordnetes Ziel und die Einführung des Euro als Weg dorthin waren Konsens. Den Preis dafür zu zahlen auch. In Griechenland scheint es einen solchen nationalen Konsens nicht zu geben.

Die baltischen Länder haben kleine, flexible, offene Volkswirtschaften. Hier liegt wohl der entscheidende Vorteil gegenüber der stark verkrusteten und strukturell ineffizienten griechischen Wirtschaft. Das, verbunden mit einem gesellschaftlichen Konsens und einer wachen Erinnerung an die kargen Lebensumstände der Sowjetzeit, macht die Balten in gewisser Weise zu "idealen Kandidaten" für eine interne Abwertung.

Der Patient hat die Operation überlebt
Heute sind alle drei Länder im Euro-Club. Die Volkswirtschaften haben sich zwar vom Absturz erholt, er steckt ihnen aber noch in den Knochen. Estland, das den Euro bereits 2011 einführte, hat heute eine Wirtschaftsleistung, die rund 10% über dem Vorkrisenniveau liegt. Lettland, wo man seit 2014 mit Euro zahlt, hat das Vorkrisenniveau noch nicht ganz erreicht. Litauen liegt knapp darüber.

Das Exportverbot nach Russland trifft die baltischen Staaten heute hart und die Wirtschaft der Eurozone fällt als Konjunkturlokomotive aus. Als Folge sind die Wachstumsraten mager, insbesondere unter Berücksichtigung des Nachholbedarfes, den eine schwere Krise prinzipiell mit sich bringt. Die hohe private Verschuldung bindet nach wie vor viel Kapital, welches nicht in den Konsum fließen kann, ähnlich wie in Irland. Die größte Hürde jedoch haben die Balten genommen.

Thema der Sendung: Baltikum
Kleines Baltikum ganz groß
Die Finanzkrise 2008 hat die überhitzte Wirtschaft der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen schockgefrostet. Mit Litauen ist nun die letzte der Baltenrepubliken aufgetaut - und zeigt sich quicklebendig. Wie haben die das geschafft?
Infografik
LupeWirtschaftsleistung pro Kopf
Die Baltenstaaten Litauen (11.600 €) und Lettland (11.800 €) führen die "Ärmstenliste" der Eurozone an. Estland liegt auf Platz 4, direkt hinter der Slowakei. Gemessen wird das Ranking an der Wirtschaftsleistung bezogen auf die Einwohnerzahl (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf).

Krisenstaat Griechenland folgt mit 16.500 € auf Rang 6 und bringt es auf immerhin rund 40% mehr als Litauen. In Deutschland erwirtschaftet jeder Bürger mit 34.200 € etwa das Dreifache. Unangefochtener Spitzenreiter ist Luxemburg. Die Daten stammen von 2013. Die Zahlen für 2014 liegen Eurostat noch nicht vor.
Interview mit Reinhard Krumm
© reutersBaltikum: Nie wieder allein
"Der Euro hat nach wie vor Anziehungskraft", sagt makro-Gast Reinhard Krumm in einem Vorabinterview. Der fast lautlose Beitritt Litauens zum Euro-Club sei für die Baltenrepublik von überragender politischer Symbolik.
Wirtschaftswachstum
© IWFLupeBis 2006 verzeichneten die baltischen Staaten ein jährliches Wirtschaftswachstum von knapp unter 10%. 2007 war der Zenit überschritten, bevor 2008, noch ehe die globale Finanzkrise richtig zuschlug, das Wachstum einbrach. 2009 ging dann endgültig das Licht aus.

Lettland erwischte es am schlimmsten. Der Wirtschaftseinbruch addiert sich auf 21%, davon allein 17,7% im Jahr 2009. In Estland fiel die Wirtschaftsleistung um 19%. Litauen kam mit -14,8% am glimpflichsten davon - die Exzesse waren dort nicht so krass.

Zum Vergleich ein Blick nach Griechenland: Dort schleppte sich die Depression über einen Zeitraum von 6 Jahren. Der wirtschaftliche Einbruch addiert sich auf 24% - ist also von der Dimension etwa mit Lettland vergleichbar, von der Dauerwirkung jedoch viel fataler.
Arbeitslosigkeit
© IWFLupeVor der Krise hatten die Balten laut IWF praktisch Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenrate lag 2007 bei rund 5%. Bis 2010 verdreifachte sich die Quote (Lettland: 18,7%, Litauen: 17,8%, Estland: 16,7%). Seither ist die Arbeitslosenquote rückläufig, aber außer in Estland (7,0%) immer noch recht hoch (Lettland: 10,3%, Litauen: 11%). Man darf auch nicht vergessen, dass die Unterstützung für Arbeitslose nach deutschen Maßstäben ausgesprochen dürftig ist.

Ein Vergleich mit Griechenland zeigt die strukturellen Unterschiede zum Baltikum. Die Arbeitslosenquote war schon vor der Krise nicht niedrig - trotz des aufgeblähten öffentlichen Sektors und Vetternwirtschaft in der privaten Wirtschaft. Nach sechs Jahren Rezession und ohne Aussicht auf baldige Besserung haben die Unternehmen alle Mitarbeiter entlassen, die nicht unbedingt gebraucht werden. Die Folge ist eine Arbeitslosenquote, die 2013 mit 27% einen traurigen Höhepunkt erreichte.
Auswanderung
© colourbox.deVideoSchön, aber leer: Litauer wandern aus
Litauen hat jahrelang gespart, gestrichen und gekürzt. Folge der Radikalkur: Wer kann, haut ab. Jeder Zehnte soll das Land verlassen haben, besonders die Jungen. makro trifft einen, der bleiben will.
Statistiken des IWF
Der Internationale Währungsfonds (englisch: IMF, deutsch: IWF) hat eine Vielzahl von Wirtschaftsstatistiken mit einem graphischen Tool, dem IMF Data Mapper, aufbereitet. Wen's interessiert, der kann gerne mal herumprobieren. Man wählt ein oder mehrere Länder aus oder auch ganze Regionen und die gewünschte wirtschaftliche Kennzahl, z.B. Wirtschaftsleistung pro Kopf.