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Sendung am 5. Mai
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© ap Video
Weniger übergewichtig als früher. Politisch gesehen jedoch immer noch ein Schwergewicht. Nordkoreas Diktator Kim Yong Un grüßt gut gelaunt sein Volk.
Nordkorea - Einblick in eine verschlossene Welt
Kein Gesinnungswandel, aber mehr Pragmatismus
Vor 25 Jahren verschwand der Kommunismus aus Europa. Seitdem gibt es weltweit nur noch wenige Bastionen, die uns vorkommen wie Relikte aus vergangenen Zeiten. Nordkorea zum Beispiel mit seinen bizarren Bildern aus dem Reich der Kim-Diktatur.
Von außen ist es schwer zu beurteilen, was dort tatsächlich vorgeht, denn Nordkorea ist ein hermetisch abgeriegeltes Land. Offenbar aber hat Kim Jong-un seine Macht gefestigt. Dafür spricht, dass er seiner Schwester einen Top-Posten im Zentralkomitee der Partei zugeteilt hat.

Das 3sat-Wirtschaftsmagazin "makro" hat mit Rüdiger Frank gesprochen, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. Er hat schon in mehreren sozialistischen Systemen gelebt: In Nordkorea, in der Sowjetunion und in der DDR und gehört weltweit zu den wenigen Nordkorea-Experten.

makro: Herr Prof. Frank, die Vereinten Nationen haben Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Nordkorea angeprangert. Gehen die Menschenrechtsverletzungen unter Kim Jong-un weiter bis bisher?

Rüdiger Frank: Das der pro-nordkoreanischen Umtriebe unverdächtige südkoreanische "Korea Institute for National Unification" hat im Juni 2014 erklärt, dass es seine Schätzung der Zahl der nordkoreanischen politischen Gefangenen von maximal 200.000 auf maximal 120.000 korrigieren würde. Ein Lager ist angeblich sogar geschlossen worden. Das unterstützt Berichte, nach denen unter Kim Jong-un die Praxis der Sippenhaft zumindest eingeschränkt wurde. Doch da sich das System selbst nicht geändert hat, hat sich bislang auch an der gewaltsamen Unterdrückung politischer Abweichler nichts geändert. Fakt ist, dass auch ein einziger politischer Gefangener noch zu viel ist. Es wäre ein Fehler und unangemessen, hier zu relativieren.

makro: Wir stellen uns Nordkorea immer als ein Land vor, in dem alle marionettenhaft im Gleichschritt marschieren. Wie weit ist dieses Bild von der Realität entfernt?

RF: Es stimmt schon, in Nordkorea als militärisch ausgerichteter Diktatur wird in der Tat viel marschiert. Aber die 25 Millionen Menschen dort sind keine Marionetten, und sie laufen auch nicht ständig im Gleichschritt und in Uniform herum. Auch im totalen Staat gibt es Raum für Individualismus. Und - wie ich meine beobachtet zu haben in den letzten Jahren - wächst dieser Raum auch. Man merkt das an der Kleidung, der Körpersprache, den elektronischen Gadgets wie Smartphones und Tablets. Die Schere im Lebensniveau geht auseinander, und zwar deutlich sichtbar. Ich habe auch schon Frauen gesehen, die ganz offensichtlich eine Lidfalten-OP hatten, die beliebteste Schönheits-OP in Ostasien. Nordkoreanischen Punks bin ich allerdings noch nicht begegnet, das muss ich zugeben.

makro: Mit welchen Eindrücken sind Sie von Ihrer letzten Reise zurückgekehrt?

Lupe
Prof. Rüdiger Frank am Steuer des 1969 von der nordkoreanischen Marine aufgebrachten US-Spionageschiffes "Pueblo", das heute in Pyongyang im neu erbauten Museum des "Siegreichen Vaterländischen Befreiungskrieges" vor Anker liegt.
RF: Echte Reformen gibt es noch immer keine. Die Herrschaft von Kim Jong-un ist offensichtlich stabil, ideologisch rückt er immer mehr in den Vordergrund. Seine beiden Vorfahren verschwinden zwar nicht aus der Propaganda, aber 80 Prozent der Slogans beschäftigen sich mit der Lobpreisung von Kim Jong-un.

Ich habe mir ferner die Ostküste einmal mit den Augen eines chinesischen Touristen angesehen und muss sagen, dass mir die hochtrabenden nordkoreanischen Pläne zur Gewinnung von einer Million Touristen im Jahr gar nicht mehr so abstrus vorgekommen sind. Noch immer übertrieben, aber nicht mehr völlig abwegig. Ein- bis zweihunderttausend Chinesen pro Jahr aus den nordöstlichen Provinzen sind eine realistische Annahme. An der Infrastruktur dafür wird kräftig gebaut.

Am meisten aber hat mich die Sonderwirtschaftszone Rason beeindruckt. Sie ist kein Disneyland wie Kaesong im Südwesten, sondern echtes Nordkorea – nur eben mit deutlich weniger unnötigen Regulierungen, mit weniger frechen Lügen und viel offener. So, wie das ganze Land sein könnte, und zwar relativ schnell und zunächst auch ohne echte Reformen. Schade nur, dass die Investoren nicht so richtig kommen wollen – auch wenn mir die Gründe natürlich bekannt sind: Sanktionen, moralische Bedenken, Rechtsunsicherheit.

makro: Es gab im Herbst überraschend konziliante Töne aus Nordkorea. Das Regime hat sogar signalisiert, dass es bereit sei, über Menschenrechtsfragen zu sprechen. Wie ernst sind solche Töne aus Nordkorea zu nehmen?

RF: Hier müssen wir als erstes aufpassen, nicht zu Opfern unserer eigenen Propaganda zu werden. Nordkorea ist sein internationales Image nämlich längst nicht so egal, wie man das bei uns annimmt. Die dortige Führung ist stolz und von sich überzeugt, und sie ist auch erstaunlich pragmatisch. Weder die angestrebte Normalisierung der Beziehungen mit den USA noch der erhoffte Zustrom von westlichem Investment oder die moralische Überlegenheit über den Süden werden sich realisieren lassen, wenn das Land als ignoranter Ort des Schreckens dasteht. Im Februar 2014 hat Kim Jong-un eine bei uns weitgehend ignorierte Rede gehalten, in der er seine Kader nachdrücklich zu einer offensiveren Medienpolitik aufgefordert hat. Genau das wird nun umgesetzt.

Nordkorea lehnt die westliche Berichterstattung über seine Menschenrechte nicht einfach ab, sondern versucht auch, seine eigene Sicht zu propagieren und Vorwürfe zu entkräften. Klar ist, dass es dabei nicht um einen Gesinnungswandel in Pyongyang geht, sondern um eine pragmatische Abwägung von Kosten und Nutzen. Man hält die Vorwürfe für schädlich und tut etwas dagegen.

makro: Die Beziehungen Nordkoreas zum wichtigsten Handelspartner China sind eingetrübt. Woran liegt das?

RF: Zumindest wird es nach außen so dargestellt. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob es wirklich die Beziehungen sind, die sich verschlechtert haben. Die waren nämlich nie so besonders gut. Keiner der beiden Partner traut dem anderen, das hat Tradition. Die Amerikaner haben einen ihrer größten PR-Erfolge in Ostasien erzielt, als sie den Rest der Welt davon überzeugt haben, dass Nordkorea ein Klientenstaat Chinas ist und dass Beijing für dessen Handlungen verantwortlich ist. Angeblich kann China sogar die nordkoreanische Führung beeinflussen. Das ist zwar Unsinn, aber wen interessiert das, wenn man die Chinesen wegen nordkoreanischen Verhaltens kritisieren kann.

China hat das lange achselzuckend hingenommen. In dem Maße aber, wie China eine regionale und globale Führungsrolle übernehmen möchte, wird auch das eigene Image, die sogenannte Soft Power, immer wichtiger. Darum hat Beijing in den letzten Jahren zunehmend kritischere Töne gegenüber Nordkorea angeschlagen. Aber wenn man genau hinsieht, dann ist eigentlich wenig passiert. Allzu harte UN-Resolutionen werden verhindert, der bilaterale Handel hat 2013 einen neuen Höchststand erreicht.

Was sich also eingetrübt hat, ist, wie das Verhältnis beider Länder öffentlich zelebriert wird. Das kann ein Abbild der tatsächlichen Beziehungen sein, muss es aber nicht.

Die Autorin
LupeEva Schmidt
..ist Moderatorin und Redakterin bei makro. Sie führte das ausführliche Gespräch mit Prof. Rüdiger Frank
Der Experte
LupeRüdiger Frank
.. ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. 2014 ist sein Buch "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates" erschienen. Er gehört weltweit zu den wenigen Nordkorea-Experten, die in mehreren sozialistischen Systemen gelebt haben: in Nordkorea, der Sowjetunion und der DDR.
Bildergalerie
LupeRüdiger Frank war zuletzt Mitte bis Ende September 2014 im vergleichsweise dünn besiedelten und weniger erschlossenen Nordosten des Landes unterwegs. Sehen Sie einige Impressionen.
Buch-Tipp
Lupe2014 ist Rüdiger Franks Buch erschienen "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".
Deutsche Verlags-Anstalt, 431 Seiten
ISBN: 978-3-421-04641-3
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