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Sommerspecial
31.07
4 x 4 macht Deutschland
25 Jahre Deutsche Einheit: "makro" reist durch alle 16 Bundesländer und will herausfinden, wie sich die Wirtschaftsnation Deutschland auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.
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Han Bao - Chinatown Hamburg
Teil 2 - Personifiziertes Multitasking
Liyuan Wang studierte in Deutschland und vergibt nun Kredite für den Schiffskauf. Sie bildet sich unentwegt fort, absolviert Prüfungen und Mutter ist sie auch noch. Ein Spagat zwischen den Kulturen, Job und Erziehung.
"Han Bao - Hamburg auf Chinesisch" , sagt Liyuan Wang. "Von der Bedeutung her könnte man schon sagen, Hamburg bedeutet im Chinesischen: Burg der Chinesen."

Liyuan Wang hat den Willen, es zu schaffen. Sie ist zum Studium nach Deutschland gekommen und hat hier ihren Doktor in interkultureller Kommunikation gemacht. Ihr Sohn Nico stammt aus einer vergangenen Ehe mit einem Deutschen. "Meine chinesischen Bekannten sagen, ich sei deutsch. Aber viele Deutsche sagen auch, ich sei chinesisch. Daher denke ich für mich selbst, ich bin beides", erzählt sie lächelnd.

Weiterbildung zur Schiffsanalystin
Lupe
Nach Studium und Doktor-Titel fand Liyuan Wang Arbeit in einer Bank.
Liyuan arbeitet in einer Bank, die Schiffe finanziert. Deshalb absolviert sie eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Schiffsanalystin. Seit einem Jahr geht sie jeden Samstag zur Schule, denn sie will beruflich weiterkommen. Ein Ehrgeiz, der ihr schon als Kind antrainiert wurde. In der Schifffahrt sieht Liyuan eine Branche mit Zukunft. Dass das Lernen viel Zeit und Energie kostet, stört sie nicht, im Gegenteil. "In Schiffsfinanzierung muss man wirklich immer was Neues lernen. Man hört gar nicht auf, zu lernen. Das finde ich sehr herausfordernd", erklärt Liyuan.

Jahrelang profitierte die Schifffahrt vom Boom in China. Dann kam die Krise. Doch Liyuan glaubt an die Zukunft der Branche: "Schiffe sind international einsetzbar. Und da ich ja zwischen zwei Kulturen lebe, möchte ich sehr gern in einem internationalen Bereich arbeiten, wo ich mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenarbeite, verschiedene Sprachen spreche - Englisch, Deutsch, Chinesisch."

Harmonie und Contra
Die Geschäftskulturen von China und Deutschland gehen oft weit auseinander, denn sie fußen auf grundverschiedenen Prinzipien menschlichen Miteinanders. Liyuan Wang brauchte eine Weile, um sich an den anderen Ton im Geschäftsleben zu gewöhnen. Schon an der Universität staunte sie darüber, dass die Professoren von Studenten kritisiert werden konnten.

"Es ist sehr schwer für einen Chinesen, direkt kritische Meinung zu äußern oder jemanden zu kritisieren, denn dann würde man fürchten: Das ist dann nicht mehr harmonisch zwischen uns beiden", beschreibt sie die Unterschiede.

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Liyuan wunderte sich, dass in Deutschland kritische Meinungen Anklang finden.
Zu Liyuans Aufgaben gehört es, die Kreditwürdigkeit chinesischer Firmen zu bewerten. Ein Charterer aus Hongkong braucht Geld, um ein neues Containerschiff anzuschaffen. Doch die finanziellen Sicherheiten der Firma reichen nicht aus. Liyuan kann den Deal nicht unterstützen.

Sie sieht nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen Harmonie und erfolgreicher Karriere. "Man kann auch seine direkte Meinung äußern, ohne unhöflich zu sein", denkt sie. "Aber manchmal ist es doch für mich auch schwer, meine ehrlichen Gedanken auszudrücken."

Individualität statt Drill
Es ist Wochenende. Als Ausgleich zu ihrem Berufsleben als Bankerin widmet sich Liyuan in ihren freien Stunden der chinesischen Kalligraphie, der Jahrtausende alten Kunst des Schönschreibens. An den Sonntagen begleitet Liyuan ihren Sohn Nico zu seinen Fußballspielen. Nico ist ein begeisterter Kicker.

"Ich denke, es ist bekannt, dass in China jede Familie nur ein Kind haben darf. Daher sind viele Eltern sehr ehrgeizig und das Kind muss gut in der Schule sein. In der Freizeit muss es oft Klavierspielen lernen, Geige, Malen." Oder Sport machen. "In erster Linie hofft man, dass das Kind Karriere macht, wenn man ein Kind zum Fußball schickt. Ansonsten würden viele sagen: Das ist Zeitverschwendung", beschreibt Liyuan die chinesische Mentalität.

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Sohn Nico wurde nicht mit den Zwängen der chinesischen Erziehung belastet.
"Ich habe meinen Sohn vor fünf oder sechs Jahren auch gezwungen, zum Chinesisch-Unterricht zu gehen an den Wochenenden. Am Anfang hatte er noch sehr viel Spaß daran, aber später, als er in die Schule kam, wollte er nicht mehr am Wochenende zum Chinesisch-Unterricht gehen. Er hat immer geweint und er wollte nicht. Also, er hat mir schon Stress gemacht. Ich war unglücklich und er war auch unglücklich, dann dachte ich: Gut, warum soll ich ihn zwingen?", erzählt Liyuan Wang.

Ohne Druck schaffen es wohl die meisten chinesischen Eltern nicht. Welches Kind geht schon freiwillig auch sonntags in die Schule, während sich die deutschen Klassenkameraden im Freibad oder Kino vergnügen? Chinesisch sprechen zu können, ist eine Sache. Aber das Lesen und Schreiben ist auch für Muttersprachler eine Herausforderung. Etwa 3000 Zeichen muss ein Chinese auswendig lernen, bevor er ein Buch lesen kann. Kein Wunder, dass manchem Kind die Lust am Lernen vergeht.

Ehrgeizig zum Ziel
Zwang hat Liyuan als Kind selbst erlebt. Ihre ehrgeizige Mutter hat sie oft zu vielen Sachen gezwungen. Diese Erziehung wirkt bis heute nach. Während Sohn Nico ausschläft, fährt Liyuan zur Schule - an einem Samstagmorgen um halb acht. Der große Tag ist gekommen: Zeit für die Abschlussprüfung zur Schiffsanalystin.

Sie ist aufgeregt: "Obwohl ich schon ganz viele Prüfungen in meinem Leben gemacht habe, bin ich immer noch ein bisschen aufgeregt vor jeder Prüfung. In Deutschland ist der Druck nicht so groß. Aber in China üben alle Druck auf das Kind aus: Eltern, Großeltern, die Gesellschaft. Und man selbst auch."

Lupe
Liyuan und Nico bei einer Hafenrundfahrt in Hamburg.
Später ist Liyuan glücklich: Die Prüfung hat sie bestanden, das viele Lernen an den Wochenenden hat sich ausgezahlt. Heute macht sie erstmal frei und erklärt ihrem Sohn Nico bei einer Hafenrundfahrt, was sie eigentlich den ganzen Tag macht.

Sie zeigt auf einen Container: "Die transportieren zum Beispiel die Kleidung, die du trägst, deine Schuhe und noch ganz viele andere Dinge, die in China hergestellt worden sind. Kleidung, Schuhe, aber auch einige Lebensmittel und Elektroartikel wie zum Beispiel deine Playstation. Computer natürlich auch, und das wird alles in China produziert. Und wenn wir Ihnen dann den Kredit gewährt haben, können sie neue Schiffe kaufen und noch mehr Dinge transportieren."

Sendedaten
Freitag, 22. Juni 2011, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr

Ein Film von Christian Schidlowski

(Erstausstrahlung: 05.10.2010)
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