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Die Jury diskutiert in Baden-Baden öffentlich mit den anwesenden Filmemachern.
Die Jury diskutiert in Baden-Baden öffentlich mit den anwesenden Filmemachern.
Der Blick auf Zschäpes Großmutter
Kontroversen und Perspektiven beim Fernsehfilmfestival
Parallel zum 3sat-Zuschauerpreis findet in Baden-Baden ein Festival der besonderen Art statt. Nach den Vorführungen diskutieren die Filmemacher und Regisseure hier öffentlich mit der Jury über die Qualität der Wettbewerbsbeiträge.
Soll ein Film zeigen, wie die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe ihrer Großmutter über die Wange streichelt? Diese Frage kam am Mittwoch (23.11.) beim Fernsehfilmfestival in Baden-Baden auf und wurde kontrovers debattiert.

Wann und wie mit Zeitgeschichte beschäftigen?
Szene aus  "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage"
Szene aus "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage"
Ausgangspunkt war der Film "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage", der im Rahmen des Wettbewerbs lief. Er thematisiert den Werdegang von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Letztere steht derzeit in München vor Gericht. Noch vor Ende des Prozesses hat die ARD mit "Die Täter" einen Film über die Nachwendezeit im "braunen" Osten Deutschlands gedreht. Fernsehmoderatorin und Jurymitglied Bettina Böttinger hatte genau damit ein Problem: "Das ist ein grandioser Film, der zur Aufklärung beitragen kann. Und dabei muss man auch die Täter ins Visier nehmen. Ich habe aber Schwierigkeiten, weil er in ein stehendes Verfahren eingreift." Sie wolle eben nicht sehen, wie Zschäpe ihrer Großmutter über die Wange streichelt. Es wurde lebhaft über die Perspektive des Dramas diskutiert.

"Ein Film ist, den man nicht aushält"
© SRR Annette Frier wurde in Baden-Baden für ihre Rolle in "Zwei Leben. Eine Hoffnung" gelobt.
Annette Frier wurde in Baden-Baden für ihre Rolle in "Zwei Leben. Eine Hoffnung" gelobt.
Der anwesende Regisseur Christian Schwochow hielt genau diese Sichtweise auf die Täter und ihre Beweggründe für sehr wichtig. Der Film zeige sehr deutlich, dass der Rechtsradikalismus im Osten kein Randphänomen war, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kam und auch heute noch kommt. Es seien eben "nicht eine Handvoll Verrückte gewesen", die den Terror ausübten. Das zu zeigen, sei ihm wichtig gewesen. Und die ebenfalls in der Jury sitzende Schriftstellerin Thea Dorn fügte hinzu: "Das ist ein Film, den man nicht aushält. Das ist die unheimliche Qualität des Films. Ein Stoff, den man nicht erträgt. (...) Der Film unterschlägt nichts, jede Brutalität, jede Dummheit wird gezeigt und doch sehe ich Menschen."

Ebenfalls sehr positiv wurde von der Jury der Film "Ein Teil von uns" aufgenommen. Die Regisseurin Nicole Weegmann hat damit ein Familiendrama um eine obdachlose Mutter inszeniert. Jurymitglied und Schauspieler Dimitrij Schaad kokettierte: "Das einzig Schlechte, was ich über den Film sagen kann, ist, dass ich nicht mitgespielt habe."


Filme aus der Provinz
© SRR Stephan Wagner, Regisseur des Films "Die Akte General"
Stephan Wagner, Regisseur des Films "Die Akte General"
Zu den Favoriten für den Jurypreis gehört womöglich auch der Tatort "Wer bin ich?". Für Dorn ist er nichts geringeres als "eine Liebeserklärung an Film, Schauspiel, und so weiter, als kindlicher anarchischer Vorgang". Der Favorit von Jurorin Böttinger schien dagegen der Film "Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist" zu sein. Über die Hauptperson, gespielt von Gerhard Liebmann, bekannte sie: "Ich habe mich in den kleinen Muck verliebt. Eine Heldengeschichte über einen kleinen Mann, der über sich hinauswächst." Theaterintendant Frank Baumbauer pflichtete bei: "Ein schöner, zärtlicher und humorvoller Film. Ein hochwertiger Heimatfilm."

Der Film "Das Dorf des Schweigens" spaltete die Jury. Während Böttinger und Schaad die Über-Inszenierung kritisierten, lobten Dorn und Baumbauer den Film als grandiose griechische Tragödie. Der Regisseur Hans Steinbichler erklärte, er habe damit eine Fortsetzung seines Erstlingswerk "Hierankl" machen wollen. Der Film für den Montags-Platz um 20.15 Uhr im ZDF zu machen, sei genau richtig gewesen, so die Einschätzung Steinbichlers.

Die Jury muss sich bis Freitagabend (25.11.) entscheiden, dann werden der 3sat-Zuschauerpreis und die Preise der Jury vergeben.


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