Die Jury 2011 (v.l.) Else Buschheuer (Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin), Albert Ostermaier (Schriftsteller und Dramatiker), Juryvorsitzende Doris Metz (Regisseurin und Journalistin), Martina Gedeck (Schauspielerin) und Noemi Schory (Regisseurin und Filmproduzentin).
Zuschauer gegen Fernsehschlaumeier
von Andrea Kaiser
Die freie Journalistin Andrea Kaiser war Jury-Mitglied beim Baden-Badener Fernsehfilm-Festival. Aus dieser Innensicht berichtete sie mit einem Augenzwinkern über die Konkurrenz zwischen "Quote und Anspruch", also zwischen Zuschauerpreis und Jurypreis auf dem Fernsehfilm-Festival. Damals schrieb sie:
Spannung und Unterhaltung
© srr Fernsehfilm-Festival Baden-Baden
Fernsehfilm-Festival Baden-Baden
Wettbewerbe sind so spannend, weil man vorher nie weiß, wie's ausgeht. Auf eines ist beim "Fernsehfilm-Festival Baden-Baden", wo die besten Produktionen des Jahres miteinander konkurrieren, allerdings fast immer Verlass: Das TV-Publikum ist ganz anderer Meinung als die Fachleute. Woher man das so genau weiß? Durch den 3sat-Zuschauerpreis. Seit 1996 hat neben den namhaften Fernsehexperten, die im gediegenen Ambiente des Kurhauses von Baden-Baden tagen, auch das Publikum ein Wörtchen mitzureden.

3sat zeigt die zur Debatte und Abstimmung stehenden Filme - egal in welchem Sender sie ursprünglich liefen - in seinem Programm, die Zuschauer können telefonisch (per TED) oder im Internet abstimmen. Da gewinnt den Publikumspreis zum Ärger mancher Gralshüter öffentlich-rechtlicher Fernsehtradition schon mal ein Streifen wie "Der Pakt - wenn Kinder töten" (Sat.1). Wie gleich im ersten Jahr des Plebiszits 1996. Oder, wie im vergangenen Jahr, ein seinen US-Genrevorbildern handwerklich gut nachempfundener, sonst aber wenig bemerkenswerter Film wie "Experiment Bootcamp". Anders als die Zuschauer vermochte die Jury dem Pro-Sieben- Werk nicht viel Gutes abzugewinnen.


Sind Fernsehschlaumeier notorisch verbohrt?
© srr Die Jury 2011
Die Jury 2011
Einer der Juroren bezeichnete den Film über ein martialisches Umerziehungslager für junge Strafgefangene sogar als "unmoralisch". Sind die professionellen Fernsehschlaumeier also notorisch verbohrt, dröge und gegenüber der Unterhaltung und dem - auch mal fragwürdigen - Kitzel, den TV-Zuschauer lieben, so gar nicht aufgeschlossen? Oder ist es umgekehrt: Sind 3sat-Zuschauer doch einfältig und anspruchslos? Weder noch. Das Publikum hat - warum schließlich auch nicht! - eine Tendenz zu Spannung und Unterhaltung. Doch beweist es dabei oft genug auch in Kritikeraugen ausgezeichneten Geschmack, etwa 1999 mit seinem Votum für den skurrilen Polizeifilm "Die Musterknaben" (ZDF) oder 2002 mit der Wahl von "Die Hoffnung stirbt zuletzt" (NDR), einer erschütternden Geschichte über das Mobbing einer jungen Polizistin. Beides Kandidaten, die auch bei Fachjurys große Anerkennung fanden.

2003 waren sich zur allgemeinen Überraschung Publikum und Experten das erste und bislang einzige Mal in ihrem Urteil sogar einig: Die "Schwabenkinder" (BR, ORF, SF DRS, SWR und ARTE) von Jo Baier fanden beide toll. Gekränkte Gefühle Neben dem Zuschauerpreis kennt der renommierte Fernsehfilmpreis, der seit 1964 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ausgelobt wird und seit 1989 in Baden- Baden vergeben wird, noch eine Besonderheit: Die Jury diskutiert öffentlich, im Saal sitzen auch die Macher der Filme. Und die nehmen die Gelegenheit gern und ausführlich wahr, sich bei diesem Branchentreff gegen ihre oft als total ungerecht, viel zu streng und völlig ahnungslos empfundenen Kritiker auch mal unmittelbar wehren und gekränkten Gefühlen Luft machen zu dürfen.


Kriegsbeil wird im Rotwein versenkt
© srr Die Jury 2009
Die Jury 2009
Selbst ein "schlechter" Film war schließlich häufig ausgesprochen gut gemeint und macht verflixt viel Mühe. An der Bar in Brenner's Parkhotel in Baden-Baden wird dann abends so manches tagsüber ausgegrabene Kriegsbeil wieder im Rotwein versenkt. Oder auch unerbittlich weiter geschwungen, damit es keinen Rost ansetzt. Der Grimme-Preis ist bedeutend, der Deutsche Fernsehpreis glanzvoll. Und Baden-Baden einzigartig. Weil es die Perspektiven von Kritikern, Machern und - dank 3sat-Zuschauerpreis - auch die des Publikums zusammenbringt. Und davon haben alle etwas. Nicht zuletzt die Zuschauer, die ihren Rotwein zwar nicht luxuriös bei Brenner's, dafür umso gemütlicher zu Hause in Wuppertal oder Denkendorf vor den Fernsehschirmen trinken können. Wer Orientierung im Programmdschungel sucht, kann sich einer qualitativen Vorauswahl bei den Zuschauerpreis-Filmen sicher sein. Und hat damit auf jeden Fall schon mal gewonnen.

3sat-Zuschauerpreis
Zwei Preise, ein Event
Jury oder Zuschauer: Die Gewinner des Zuschauerpreis und des Jurypreis auf dem Fernsehfilm-Festival (1996 - 2010)
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