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© SWR Lupe
Studie weist Zusammenhang zwischen Fluglärm und Herz- Kreislauferkrankungen nach.
Tödlicher Lärm
Eine Fluglärmstudie des Mediziners und Epidemiologen Professor Eberhard Greiser sorgt nun für Furore: Dort wo es laut war, erkrankten die Menschen deutlich häufiger. Bereits ab einer Dauerbelastung von 40 Dezibel schnellt das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen nach oben.
Deutschland hat das dichteste Flughafennetz der Welt. Über drei Millionen Starts und Landungen finden jährlich statt – rund 160 Millionen Passagiere und 3,5 Millionen Tonnen Fracht werden dabei befördert. Prognosen für die nächsten fünfzehn Jahre bescheinigen dem Luftverkehr ein Wachstum um bis zu 80 Prozent. Doch die scheinbar grenzenlose Freiheit über den Wolken hat ihren Preis: Sie ist unerträglich laut! Das ist nicht nur lästig, sondern macht ernsthaft krank, wie eine aktuelle Studie eindrucksvoll belegt.

Größte Fluglärmstudie zeichnet düsteres Bild
Lupe
Abflugrouten eines Flughafens
Dass Lärm krank macht, ist keine Neuigkeit. Diverse Studien und die Erfahrungsberichte von Betroffenen weisen schon seit Jahren auf die potentiellen Gefahren akustischer Belastungen hin. Bürgerinitiativen kämpfen seit den 1970ern gegen Lärm – gerade im Bereich von Flughäfen. Gleichzeitig wurde immer wieder der kausale Zusammenhang zwischen Erkrankungen und Lärmbelastung relativiert, marginalisiert oder ganz in Frage gestellt. Eine aktuelle Fluglärmstudie des Mediziners und Epidemiologen Professor Eberhard Greiser sorgt nun für Furore: Nie zuvor wurden so viele Daten vor diesem Hintergrund ausgewertet, und nie zuvor waren die Ergebnisse so eindeutig und alarmierend.

Dauerbelastung von 40 Dezibel erhöht Risiko
Greiser, viele Jahre Direktor des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin, wählte eine ungewöhnliche Herangehensweise: er untersuchte die Auswirkungen von Lärm indirekt – über die Anzahl verschriebener Medikamente und abgerechneter Krankenhausaufenthalte. Über eine Millionen Datensätze von Krankenkassenpatienten im Großraum Köln hat er dafür im Auftrag des Umweltbundesamtes und des Rhein-Sieg-Kreises ausgewertet und statistisch bereinigt.

Immer wieder häuften sich bestimmte Verschreibungen und Krankheiten.Greiser verglich daraufhin seine Ergebnisse mit Lärmbelastungsprofilen rund um den Flughafen Köln-Bonn – und wurde fündig! Dort wo es laut war, erkrankten die Menschen deutlich häufiger. Bereits ab einer mittleren Dauerbelastung von 40 Dezibel schnellt das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen signifikant nach oben – unabhängig von der Sozialschicht der Versicherten. Vor allem Frauen sind davon betroffen. Das Risiko eines Schlaganfalls erhöht sich bei Ihnen um bis zu 172 Prozent. Auch das Brustkrebsrisiko ist deutlich erhöht, obgleich hier, so Greiser, noch weitere Untersuchungen erforderlich sind.


1350 zusätzliche Schlaganfälle wegen BER?
Und eine weitere Vermutung bestätigt Greisers Studie: nächtlicher Lärm ist besonders gefährlich! Damit decken sich die Befunde mit den Ergebnissen diverser Lärmwirkungsstudien. Diese beobachteten bei Lärmeinwirkung einen Anstieg des Blutdrucks sowie Störungen der erholsamen Tiefschlafphasen. Bemerkenswert dabei ist: selbst wenn Testpersonen ihren Schlaf als ungestört und gut bewerteten, reagierten ihre Körper unterbewusst auf den Lärm. Zwar sind die medizinischen Langzeitvorgänge immer noch nicht ausreichend erforscht, ein kausaler Zusammenhang zwischen Lärm und Herz- Kreislauferkrankungen ist aufgrund der aktuellen Datenlage unbestreitbar. Sogar Prognosen lassen sich aufgrund der Datendichte machen: Greiser prophezeit der Region Berlin-Schönefeld durch den Ausbau des Flughafens innerhalb eines Jahrzehnts 1350 zusätzliche Schlaganfälle.

Die Erkenntnisse sind politisch brisant. Sie geben den Lärmopfern neue und starke Argumente in der Diskussion um Lärmschutz und Nachtflugverbote. Auch wenn sich Flughafenbetreiber durchaus mit dem Thema auseinandersetzen, kollidieren ihre Interessen doch immer wieder mit denen der Anwohner. In Köln wurde 2008 die Genehmigung für einen uneingeschränkten Nachtflugbetrieb bis 2030 verlängert.


Wachstum oder Beschränkung?
Dies ist bei weitem kein Einzelfall. Rechnet man die großen Lärmquellen Schiene und Straße hinzu, ist jeder fünfte Europäer nachts einer Geräuschkulisse von über 55 Dezibel ausgesetzt. Ab diesem Pegel gilt Lärm als gesundheitsschädigend. Ein Problem, das durch den Fortschrittshunger der modernen Industriegesellschaft in Zukunft nur noch dringlicher werden wird.

Bisher wurde dafür dem Thema noch reichlich wenig Beachtung geschenkt, eine leichte Trendwende zeichnet sich jedoch ab - auch aufgrund der jüngsten Studienergebnisse. Die WHO hat in ihrem Lärmbericht 2009 die Richtlinien für nächtlichen Außenlärm auf 40 Dezibel gesenkt. Universitäten und Institute haben sich zu dem europäischen Lärmforschungsnetzwerk ENNAH zusammengeschlossen. Diverse neue Studien, vor allem auch zu Schiene und Straße, befinden sich in der Vorbereitung. Gute Voraussetzungen also um einvernehmliche und faire Lösungen für Betroffene und Geschädigte zu finden sowie potentiell Gefährdete zu sensibilisieren.


Sendedaten
Donnerstag, 27. März 2014, 20.15 Uhr
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