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© SWR Lupe
Probenentnahme: MRSA-resistente Keime lassen sich in der Geflügelhaut nachweisen.
Antibiotika-resistente Bakterien
Jede zweite Geflügelfleischpackung verseucht
Kann man einfach in einen beliebigen Supermarkt in Deutschland gehen, wahllos Fleischpackungen aus dem Kühlregal nehmen und findet dann mit großer Sicherheit Antibiotika-resistente Bakterien? Unser Versuch zeigt: leider ja.
Wir haben in Zusammenarbeit mit dem Amt für Lebensmittelüberwachung und Veterinärwesen der Stadt Karlsruhe Fleischproben aus Supermärkten auf sog. MRSA (Methicillin resistente Staphylokokkus aureus) untersuchen lassen - Bakterien, gegen die kein Standard-Antibiotikum mehr hilft.

Wenn Standard-Antibiotika versagen
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Antibiotikaresistente Bakterien
MRSA sind seit Jahren vor allem in Krankenhäusern ein Problem. In deutschen Kliniken sterben jedes Jahr nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene rund 7000 Patienten, weil sie sich mit den sogenannten Krankenhauskeimen infizieren. MRSA können schwere Infektionen (eitrige Wundinfektionen, Lungenentzündungen, Blutvergiftung) mit langwierigen Verläufen nach sich ziehen. Als Behandlungsalternative kommen nur noch Reserve-Antibiotika in Betracht, doch die haben oft mehr Nebenwirkungen und sind teurer.

Patienten mit MRSA-Befall werden in Kliniken isoliert behandelt. Die gleichen Keime, vor denen sich ein Krankenhaus mit allen Mitteln schützen muss, finden sich aber zunehmend auch auf Fleisch im Handel. In einer deutschlandweiten Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin ist darauf hingewiesen worden, dass Proben von Schweinehack zu 15,8 Prozent, von Hühnerfleisch zu 22,3 Prozent, und von Puten zu 42,2 Prozent mit MRSA verseucht waren. Zahlen, welche die Verbreitung von Krankenhaus-MRSA um ein Vielfaches übertreffen. Auch die Stichprobe, die Ende Februar 2012 zufällig in Karlsruher Supermärkten gezogen wurde, weicht nicht von diesem Bild ab. Das Karlsruher Veterinäruntersuchungslabor CVUA bestätigte: Von drei Putenproben waren zwei mit MRSA kontaminiert, von fünf Hühnern trugen zwei MRSA. Die insgesamt acht Proben stammen von verschiedenen Erzeugern vorwiegend aus Deutschland.


Infektionsrisiko Küche und Stall
Der Leiter der Sektion Krankenhaushygiene am Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Freiburg, Prof. Dr. Markus Dettenkofer, ist alarmiert: "Diese Befunde waren für uns natürlich auch erschreckend (...) und MRSA beim Tier kann natürlich beim falschen Handling in der Küche ein Risiko sein. Wenn dieses Fleisch gut gekocht oder gut gegart, gegrillt ist, dann ist das Risiko natürlich weg, weil diese Erreger gegen Hitze dann nicht stabil sind. Aber beim Umgang in der Küche, wenn man sich dort schneidet, kann es ein relevantes Infektionsrisiko geben." Bislang sind allerdings Fälle aus der Küche selten, es traf vor allem Beschäftigte in der Landwirtschaft. Insgesamt ist die Zahl der Erkrankten noch gering. Oft infizieren sich die Patienten mit den hartnäckigen Erregern erst, wenn sie ins Krankenhaus eingeliefert werden und dort Eingriffe stattfinden. In Folge eines möglicherweise geschwächten Immunsystems kommt es erst dann zu einer Infektion. Die Herkunft der MRSA-Keime aus der Landwirtschaft lässt sich anhand der genetischen Signatur von den Krankenhaus-MRSA unterscheiden.

Auch andere Bakterienarten betroffen
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Beweis: Einige Fleischproben waren mit MRSA-resistenten Keimen verunreinigt.
Die (noch) geringen Infektionszahlen von Landwirtschafts-MRSA sind allerdings kein Grund zur Entwarnung. Denn Staphylokokken sind nicht mehr die einzigen Bakterien, welche die einstige Wunderwaffe Antibiotika ausgestochen haben. Ein neues Problem stellen so genannte ESBL-produzierende Bakterien, hier insbesondere Escherichia coli dar - ganz normale Darmbakterien, die ein Resistenz-Gen tragen und sich inzwischen überall auf Fleisch finden lassen. "Sie haben sich mehr in der Allgemeinbevölkerung verbreitet. Sie sind also nicht nur auf das Krankenhaus, oder (...) auf das Tierreich bezogen, und sie geben sich untereinander relativ schnell weiter, d.h. wir haben eine weitere Verbreitung, eine schnellere Verbreitung als bei MRSA", gibt Markus Dettenkofer zu bedenken.

Resistenz-Gene verbreiten sich
Der Tiermediziner Dr. Bernd-Alois Tenhagen ist beim Bundesamt für Risikobewertung in Berlin der Experte für das Thema. Auch er sieht die neue Bakterien-Front mit Sorge: "Das Gefahrenpotential von ESBL ist eigentlich, dass diese Keime dieses Resistenz-Gen tragen und dass dieses Resistenz-Gen mobil ist, d.h. das kann von Keim zu Keim übertragen werden. Die Keime selbst, die wir untersuchen auf den Lebensmitteln, sind in der Regel ja keine krank machenden Keime, aber die Gene können eben von diesen Keimen auf krank machende Keime übertragen werden (...) und das ist das, was wir mit großer Sorge sehen." Bakterien können im Darm sehr leicht eine Verbindung bilden und Erbgutinformationen austauschen – im Fachjargon horizontaler Gen-Transfer – Informationen, die Antibiotika wirkungslos machen.

Ursache der Antibiotika-Resistenzen in der Tiermast
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Ablieferung der Supermarkt-Proben
Das Problem stammt aus der Fleischproduktion. Wo Tiere auf engstem Raum ohne ausreichend Bewegung in Rekordzeit bis zur Schlachtreife gemästet werden, sind Krankheiten an der Tagesordnung. Die Infektion ganzer Bestände ist eine allgegenwärtige Gefahr. Liebstes Mittel der Tierärzte und Landwirte ist bislang der massive Einsatz von Antibiotika, die daher in der Massentierhaltung überhäufig eingesetzt werden. Letztlich wird so billiges Fleisch erst möglich, aber um einen hohen Preis in der Humanmedizin. Doch, so warnt Professor Markus Dettenkofer eindringlich, "für die Menschen brauchen wir eben dringend diese Antibiotika. Sie war eine der ganz großen Entwicklungen des Jahrhunderts, die wirklich viele Menschenleben gerettet haben, und wenn wir sie jetzt stumpf machen, weil wir sie quasi ausschütten, über die Tiere ausschütten, um einige Tiere oder Bestände zu stützen, dann ist das völlig unangemessen."

Es geht auch anders
Dabei ist die massenhafte Gabe von Antibiotika kein Zwang. Sind die Haltungsbedingungen akzeptabel, zeigen sich die Tierbestände robuster. Der Grund liegt in dem dann stärkeren Immunsystem der Tiere. Tiere in Bio- oder Neuland-Höfen müssen nach Einschätzung von Landwirten seltener mit Antibiotika behandelt werden. Allerdings wurden auf Biofleisch inzwischen auch resistente Keime gefunden. Antibiotika-Vergleichszahlen der Produktionsweisen liegen noch nicht vor. Gesunde Tierhaltung halten Tiermediziner für eine Lösung, doch die verursacht sehr hohe Kosten. Fleischproduzenten dagegen sind getrieben vom Preisdruck. Solange es ihnen erlaubt wird, werden sie weiter massenhaft Antibiotika ins Futter streuen, auch wenn sie wissen, dass sie damit die Wunderwaffe der Medizin wirkungslos machen. Die Lösung kann nur ein politische sein.

Mehr Hygiene in der Küche notwendig
Wer auf die Politik nicht warten mag und trotzdem gern Fleisch isst, kann sofort etwas tun: Küchenhygiene. Erste Regel: getrennte Messer und Bretter für Fleisch sowie Fisch und Gemüse, bzw. Salat. Die Bretter sollten aus Kunststoff sein, damit man sie zum Beispiel in der Spülmaschine heiß reinigen kann. Hitze überleben die Keime nicht. Vorsicht auch mit dem Abtropfwasser bei gefrorenem Fleisch. Es ist in der Regel hoch kontaminiert mit Bakterien. Dafür gibt es spezielle Abtropfschüsseln mit einem Gittereinsatz, die man bequem reinigen kann. Wer diese Grundregeln einhält, kann sich Fleisch vielleicht wieder schmecken lassen.

wissen aktuell
Der Agrar-Wahnsinn
Donnerstag, 13. Dezember 2012, 20.15 Uhr