Übersicht
Kalender
Juni 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
03
© SWR Video
Bisher noch Vision: Der Weg zum glücklichen Huhn ist auch der Weg zur bäuerlichen Unabhängigkeit. [Beitrag in der Mediathek ansehen (7:04 Min.) >>]
Zweinutzungshuhn
Alle modernen Hochleistungshühner werden heutzutage in den großen Hallen einiger weniger Konzerne gezüchtet. Dort leben viele Tausend Hühner in Käfigen, Hühner aus verschiedenen Zuchtlinien. Diese Tiere sind gewissermaßen das Rohmaterial für die Züchtung neuer Hochleistungshühner für die Geflügelindustrie.
© SWR Lupe
Streng kontrollierte Bedingungen: Aus Inzuchtlinien kreuzen die Züchter perfekte Hochleistungshühner.
Das Besondere: Es handelt sich um Tiere aus Inzuchtlinien, die so in der Natur nicht vorkommen. Jede dieser Inzuchtlinien hat spezielle Eigenschaften. Um ein neues Hochleistungshuhn zu züchten, werden die Eigenschaften verschiedener Inzuchtlinien kombiniert, unter streng kontrollierten Bedingungen: mit künstlicher Befruchtung. So legt eine Zuchtlinie beispielsweise besonders viele Eier, andere sind besonders robust. Die Züchter kreieren so seit Jahren immer perfektere Hochleistungshühner.

Dabei haben sie zwei ganz unterschiedliche Typen von Hühnern geschaffen. Zum einen Masthühner. Sie setzen mit wenig Futter in extrem kurzer Zeit viel Fleisch an. Schon nach rund 30 Tagen sind sie schlachtreif. Der andere Hühnertyp wurde für die Eierproduktion optimiert. Ein modernes Legehuhn legt rund 320 Eier pro Jahr, eine enorme Leistung. Die leistungsstärksten Züchtungen werden am Ende in Massen produziert.


"Kopierschutz" beim Zuchthuhn
© SWR Lupe
Kurzes Leben: Männliche Küken werden nach dem Schlüpfen aussortiert.
Dabei sind die Tiere keine "normalen" Hühner mehr, sondern sogenannte Hybrid-Hühner. So nennt man die Nachkommen aus der Zucht verschiedener Inzuchtlinien. Solche Hybrid-Hühner haben eine ganz besondere Eigenschaft: Sie können ihre Fähigkeiten nicht weitervererben. Pflanzen sie sich fort, gehen die tollen Turbo-Eigenschaften wieder verloren, sie haben also eine Art eingebauten Kopierschutz. Wer mit solchen Hybrid-Hühnern Fleisch und Eier produzieren will, muss immer wieder frische Tiere beim Zuchtkonzern nachkaufen.

Ein perfektes Geschäftsmodell, das allerdings einen Schönheitsfehler hat: Bei der Produktion von Legehennen-Hybriden schlüpfen nämlich auch zig Millionen männliche Küken. Ein Hahn legt aber bekanntlich keine Eier. Die männlichen Küken sind deshalb unnütz. Sie werden aussortiert und getötet. Weil unser Tierschutzgesetz verbietet, dass man Tiere einfach so tötet, werden die kleinen Küken zu Tierfutter. Seit einiger Zeit forschen die Zuchtkonzerne zwar an möglichen Alternativen, aber bis auf weiteres werden weiterhin allein in Deutschland jährlich über 60 Millionen männliche Küken wenige Stunden nach dem Schlüpfen getötet: vergast oder geschreddert.


Und auf dem Bio-Hof?
© SWR Lupe
Zurück zum Zweinutzungshuhn: Angelika Gsellmann züchtet alte Hühnerrassen.
Wer glaubt, bei Bio-Hühnern sei das anders – täuscht sich. Auch die Bio-Hühner kommen in der Regel aus den großen Zuchtkonzernen. "Die Hühner, die man im Biobereich einsetzt, sind von der Genetik her genauso Hybridhühner, d.h. auf Legeleistung gezüchtete Hennen oder auf Mastleistung gezüchtete Hühner," sagt Angelika Gsellmann, vom Gut Hermannsdorf, einem großen Biobetrieb in Glonn bei München. "Und auch im Biobereich werden die männlichen Küken der Legehennenhybride am ersten Tag vergast oder geschreddert. Das Problem haben wir auch im Biobereich noch nicht gelöst."

Noch nicht. Aber Angelika Gsellmann arbeitet an der Lösung dieses Problems. Sie züchtet in einem Projekt sogenannte Zweinutzungshühner. Zweinutzungshühner können beides: Eier und Fleisch. Und es sind keine Hybrid-Hühner aus der Geflügelindustrie, sondern alte Hühnerrassen. Angelika Gsellmann zeigt einen prächtigen Hahn. "Das ist ein reinrassiger Sulmtaler Hahn, das heißt ein männliches Zweinutzungshuhn," erklärt sie. "Die Schwestern von diesem Huhn kann man hervorragend zum Eierlegen verwenden, und der wäre normalerweise schon tot. Also der wäre als Tagesküken getötet worden, bei uns eben nicht, weil die Zweinutzungshühner eben die Männchen auch gut Fleisch ansetzen. Der ist jetzt in etwa acht Wochen alt, so lange würde ein Hybridhuhn im konventionellen Bereich gar nicht leben. Bei uns hat der erst die Hälfte des Lebens hinter sich."


Wie lange dauert ein Huhn-Leben?
© SWR Lupe
Mobiler Stall: Die Hühner scharren auf der grünen Wiese, haben aber ein Dach über dem Kopf.
Ein konventionelles Masthuhn wird schon nach rund einem Monat geschlachtet. Auf dem Biohof werden die Mast-Tiere dagegen rund vier Monate alt. So lange brauchen sie, bis sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben. Hühnerzucht, wie früher, vor der industriellen Geflügelfleischproduktion. "Naja, früher waren alle Hühner Zweinutzungshühner," erzählt Angelika Gsellmann. "Da war das ganz einfach: Auf dem Bauernhof hat die Bäuerin die Hennen groß gezogen, die haben Eier gelegt. Aus denen sind Männchen und Weibchen im Verhältnis 1:1 geschlüpft. Die männlichen Tiere hat man über den Sommer gemästet und zu Weihnachten geschlachtet und die weiblichen Tiere hat man sich aufgezogen als Legehennen, und die haben dann die alten Legehennen, die in den Suppentopf gekommen sind, ersetzt. Das war einfach ein in sich geschlossenes System."

Aber so ein geschlossenes System ist aufwändig – zumindest unter Bio-Bedingungen. Die Legehennen haben auf dem Gut Hermmannsdorf einen Stall, zum Eierlegen – und der Stall steht mitten im Grünen. Weil das Gras vor dem Stall stark beansprucht wird, baut Angelika Gsellmann den Zaun alle zwei Wochen ab. Dann ziehen die Hühner um, auf eine frische Wiese. Rund 300 Hühner fasst der mobile Hühnerstall. Viel Aufwand für 300 Hühner. Das hat seinen Preis: 50 Cent kostet ein Ei und das Hühnerfleisch 15 Euro pro Kilo.

Seit zwei Jahren läuft das Projekt Zweinutzungshuhn. Angelika Gsellmann macht damit Pionierarbeit für die Bio-Branche. Sie kreuzt verschiedene alte Hühnerrassen, um ein möglichst leistungsfähiges Zweinutzungshuhn zu bekommen. "Klar muss man da bei der Legeleistung Abstriche in Kauf nehmen, weil einfach immer Legeleistung und Mastleistung sich nicht gleichzeitig steigern lassen," sagt Angelika Gsellmann. "Also ein Huhn das besonders dick wird, das wirkt sich einfach negativ auf die Fruchtbarkeit aus, das heißt ein dickes Huhn legt weniger Eier, aber dafür wäre es gut zum mästen."


Vision von glücklichen Hühnern
Zweinutzungshühner bringen also weniger Leistung – haben dafür aber einen anderen gewaltigen Vorteil für den Bauern, sagt Angelika Gsellmann: "Das Besondere ist, dass man diese Eier nicht nur essen kann, sondern die könnte man jetzt auch sammeln und im Brutapparat ausbrüten. Und die Küken, die daraus schlüpfen, die würden wieder gleich gut Eier legen oder gleich gut Fleisch ansetzen wie ihre Eltern. Das ist bei den Hybridhühnern nicht der Fall. Und das ist Grund, warum man Hybridhühner immer wieder nachkaufen muss von diesen Zuchtkonzernen und die nicht bäuerlich nachzüchtbar sind."

Mit solchen Zweinutzungshühnern könnten die Bauern also auch unabhängig von den Zuchtkonzernen werden. Das ist die Vision von Angelika Gsellmann: Keine geschredderten Küken mehr und viele glückliche Hühner. "Wenn wir wieder viele kleine Gruppen von Hühnern halten," sagt sie, "dann produzieren wir nicht gleich viel, aber dann können wir auf jeden Fall auch die Welt mit Hühnerfleisch versorgen und zwar mit Hühnerfleisch von glücklichen Hühnern." Aber das bleibt wohl nur ein schöner Traum - solange wir Verbraucher irrwitzige Mengen von möglichst billigem Fleisch und Eiern wollen.

Anmerkung:
Die Zahl der in Deutschland getöteten Eintagsküken wird zwar vom Statistischen Bundesamt nicht eigens erfasst, lässt sich aber aus den vorhandenen Zahlen ableiten, nämlich aus den Zahlen über die (weiblichen) Legeküken, die erzeugt werden. Da in der Regel das Geschlechtsverhältnis etwa 1:1 ist, schlüpfen genauso viele männliche wie weibliche Tiere. Im Jahr 2010 wurden laut Statistischem Bundesamt über 44 Millionen Gebrauchslegeküken und über 5 Millionen weibliche Zucht und Vermehrungsküken erzeugt. Gesondert erfasst werden die Tiere, die für den Export produziert werden, im Jahr 2010 waren dies laut Statistischem Bundesamt über 11 Millionen Tiere. Macht alles zusammen über 60 Millionen weibliche Legeküken und dementsprechend auch über 60 Millionen männliche Eintagsküken, die in Deutschland jährlich getötet werden.


wissen aktuell
Der Agrar-Wahnsinn
Donnerstag, 13. Dezember 2012, 20.15 Uhr
Mediathek