Übersicht
Kalender
Juni 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
03
© SWR Video
Fastfood-"Paradies" USA: Fast überall locken Burger & Co.
[Beitrag in der Mediathek ansehen (20:26 Min.) >>]

Die Schlacht um den Teller
300 Millionen übergewichtige Menschen gibt es weltweit, geschuldet ist das nicht zuletzt einer falschen Ernährung. Die weltweite Nahrungsmittelproduktion wird überdies immer mehr von Großkonzernen beherrscht. Auf der anderen Seite gibt es eine Gegenbewegung hin zu gesunder Ernährung und einer ökologisch nachhaltigen Produktion von Lebensmitteln. Was essen wir also morgen? Gibt es Trends, und in welche Richtung gehen sie?
"Supersize", "extralarge" und "all you can eat"
Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Fettleibige wie in den USA. Huntington im US-Bundesstaat West Virginia gehört zu den Spitzenreitern innerhalb der Vereinigten Staaten. Mit Angeboten bei Nahrungsmitteln wie "supersize", "extralarge" und "buy six, pay four" werden die US-Bürger angefixt. Restaurants und Fastfood-Ketten legen noch eins drauf mit Offerten wie "all you can eat". Die private Nahrungsmittelindustrie macht Milliardengewinne, das öffentliche Gesundheitssystem zahlt Milliarden für die Schäden, 147 Milliarden Dollar in den USA allein im letzten Jahr.

Die "Fressmeile" von Huntington ist überall. Auf der Fressmeile zu Hause - weil so bequem, so easy und so preiswert - war auch Jennifer Williams - bis vor einem Jahr. Seitdem hat sie ihr Leben radikal verändert, kauft nur noch Bioprodukte im Fachhandel und zahlt teures Geld aus Sorge um die Zukunft vor allem Ihrer Kinder. Aber werden ihre Kinder, wenn sie groß sind, auch so einkaufen? Werden sie es sich leisten können? Jennifer und ihr Mann können es, allerdings nur unter Verzicht auf andere Annehmlichkeiten. Ihre Wahl haben sie bewusst getroffen. Seit Jennifer regelmäßig selber kocht, seit etwa einem Jahr, hat sie 20 Kilo abgenommen.

Den Geruch und den Geschmack von Fastfood hat sie noch in der Nase und auf der Zunge. Manchmal giert sie danach. Doch der Dokumentarfilm "Food incorporated", ein Film über die Praktiken der global agierenden amerikanischen Lebensmittelindustrie, hat ihr Leben verändert. Wie ein Mantra lässt sie die Bilder des Films an sich vorbeilaufen, schöpft inneren Widerstand gegen die Versuchungen der Fertig- und Fastfood-Industrie.


300 Millionen Übergewichtige gibt es weltweit
© SWR Lupe
Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Fettleibige wie in den USA.
30 Milliarden Dollar jährlich steckt die US-Nahrungsmittelindustrie in Werbung. Am stärksten beworben werden die ungesündesten Produkte. In New York erforscht Nicholas Freudenberg seit 30 Jahren die Zusammenhänge zwischen ungesundem Essen, Fettleibigkeit und Armut: "Die Nahrungsmittelindustrie spielt eine große Rolle in der US-Politik. Sie unterstützt den Wahlkampf der Kandidaten für die Parlamente, betreibt schonungslos Lobbyismus. Die US-Handelskammer, die die gesamte Industrie vertritt, auch die Nahrungsmittelindustrie, hat bei den jüngsten Wahlkämpfen mit riesigen Summen die Kandidaten unterstützt, die ein System favorisieren, in dem die Wirtschaft die Politik kontrolliert. Sie haben eine große Schlagkraft, aber wir haben die Menschen auf unserer Seite und ich denke, dass dieses Ungleichgewicht auf Dauer ausgeglichen werden kann."

Auf dem Union Square in New York trifft man die Truppen, die Nicholas Freudenberg und seine Ideen unterstützen. Nur lokale und regionale Produkte werden hier verkauft, frisch und biologisch hergestellt von kleinbäuerlichen Betrieben aus der Region. In diesen Kreisen - der oberen, gut gebildeten Mittelschicht - haben die Giganten der Lebensmittelindustrie keine Chance. Sie werden es verkraften, denn es sind "Global Player", sie exportieren weltweit und erobern immer wieder neue Märkte. Längst ist die Fettleibigkeit ein globales Problem, 300 Millionen Übergewichtige gibt es weltweit, Tendenz steigend. "Das nordamerikanische Handelsabkommen (NAFTA) hat zu einer dramatischen Zunahme von Fettleibigkeit und Diabetes in Mexiko geführt, denn es hat sehr stark zu einer Ausbreitung von zuckerhaltigen Getränken und industriell gefertigter Nahrung beigetragen. Und damit die gesünderen lokal angebauten Nahrungsmittel verdrängt", so Nicholas Freudenberg.


Heute bestimmen nur noch die Multis die Preise
© SWR Lupe
Mexiko: Die meisten Kleinbauern bekommen keine Unterstützung.
Die Schlacht zwischen einer global operierenden Nahrungsmittelindustrie, der Agroindustie, und den Kleinbauern ist seit dem Freihandelsabkommen von 1994 zwischen den USA und Mexiko eine asymmetrische Schlacht geworden. Die Mexikaner, bis dahin Selbstversorger mit Mais, importieren nun immer mehr hochsubventionierten Mais aus den USA , weil er billiger ist, und sie importieren immer mehr genveränderten Mais aus den USA, weil dieser noch billiger ist. Bislang war der Anbau von genverändertem Mais in Mexiko verboten, nun gibt die mexikanische Regierung ihn frei - zum Zwecke der Forschung, wie es heißt. Nicht nur die Landwirtschaft, die mexikanische Wirtschaft insgesamt und die mexikanische Gesellschaft selbst wurden durch das Freihandelsabkommen NAFTA komplett verändert.

Wie sich die Strukturen der Landwirtschaft, wie sich die Lebensbedingungen der Kleinbauern verändert haben und in Zukunft weiter verändern werden, beobachtet und analysiert die mexikanische Nichtregierungsorganisation Seccam unter Leitung von Ana de Ita: "Die Mexikanische Regierung zahlt Geld an die Transnationalen, an die ganz Großen im Geschäft: an Cargill, an Archer Daniels Midland, an Maseca und Minza, damit sie den Mais quer durchs ganze Land von Nord nach Süd, von Sinaloa nach Yucatán, und Guerrero transportieren. Den Transport bezahlt die Regierung, die Lagerkosten bezahlt die Regierung. All das geht in die Taschen der Transnationalen. Die meisten Kleinbauern bekommen keine Unterstützung. Früher hat der Staat den Kleinbauern den Mais zu einem festgesetzten Preis abgekauft. Er hat den Maispreis geschützt. Dieses System wurde abgeschafft. Die Kleinbauern können ihren überschüssigen Mais nicht mehr an den Staat verkaufen. Heute bestimmen nur noch die Multis die Preise. Die zahlen keine Zölle mehr und werden von der US- Regierung immer noch hoch subventioniert. Die einzigen, die bei dem Spiel Gewinne machen, sind sie."

In der Sierra Juárez, benannt nach Benito Juárez, dem ersten Indio-Präsidenten Mexikos und Kämpfer für die Unabhängigkeit des Landes, widersetzen sich die indigenen Zapoteken der angeblichen "Modernisierung" durch die Politik der mexikanischen Regierung. Die Folgen des Freihandelsabkommens mit den USA haben hier in jedem Dorf sichtbare Spuren hinterlassen. In den letzten zehn Jahren haben zwei Millionen Kleinbauern ihre Dörfer und ihre Felder verlassen und sind in die Großstädte oder in die USA emigriert, um dort ihren Lebensunterhalt zu suchen. In Santa Maria Jaltianguis verließen 70 Prozent der Bewohner ihr Dorf. Der Mais hat sie nicht länger ernährt. Fünf Pesos kostet ein Kilo Mais aus kleinbäuerlicher Herstellung, zweieinhalb Pesos aus der hochsubventionierten Produktion der Agroindustrie. So billig nur, weil die Folgeschäden der agroindustriellen Bewirtschaftung nicht in den Preis hinein gerechnet werden: die Zerstörung des Bodens durch Monokultur, die Klimaschäden und der Verlust an Biodiversität.

Aldo González kämpft dafür, dass die Bauern bleiben, dass das Land, das sie gemeinschaftlich besitzen, in ihren Händen bleibt, und dass sie so unterstützt werden, dass sie ein Auskommen in den Bergen haben. Die Konzerne dagegen wollen das Gemeinschaftsgut Mais, seine Sorten und Varianten genetisch verändern, patentieren, privatisieren. Eine Ware soll daraus werden, auf den Weltmärkten verkauft. Die Konzerne wollen Saatgut und Produktion kontrollieren. Die Kleinbauern erleben das als Enteignung. Aldo berät die Bauern, die bleiben, sowohl in landwirtschaftlichen als auch in rechtlichen Fragen. Gemeinsam suchen sie nach Zusammenschlüssen mit Kleinbauern weltweit.


Wie bekämpfen wir den Hunger in der Welt?
© SWR Lupe
Mexikanisches Hochland
Was die mexikanischen Kleinbauern erleben, wird wohl bald auch das Schicksal der Kleinbauern in Südkorea sein. Sie werden wie jene in Mexiko in die Subsistenzwirtschaft getrieben, in die Armut gedrängt. Die vor kurzem unterzeichneten Freihandelsabkommen mit den Amerikanern und Europäern dienen in erster Linie den Interessen der großen Wirtschaftskonglomerate, nicht denen der Landwirtschaft. Die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung, die in Mexiko Mais hatte, hatte in Südkorea Reis. Heute produzieren die Südkoreaner mehr Reis als sie essen. Der Reispreis fällt, und Importe aus den USA, Ägypten und Japan treiben den Reispreis weiter nach unten - Importe, die die Welthandelsorganisation erzwingt. Mit den Freihandelsabkommen wird die Situation für die Kleinbauern weiter eskalieren. Noch zahlt der Staat ihnen einen "politisch" festgesetzten, subventionierten Preis. Doch wenn die Freihandelsabkommen in Kraft sind, wird es diese Garantiepreise nicht mehr geben.

Wie bekämpfen wir den Hunger in der Welt? Diese Frage stellt sich seit 25 Jahren Gynheung An, Prof. für Biotechnologie an der Kyung Hee Universität in Suwon. Er hat seine wissenschaftliche Karriere und seine Forschungen in den Dienst der Hungernden gestellt. "Heute", sagt Gynheung An, "ernährt ein 1 Hektar großes Reisfeld 27 Menschen. 2050 wird es 43 Menschen ernähren müssen, wenn die Weltbevölkerung so weiter wächst wie bisher". "Menschen, die arm sind, nicht genug Geld haben, sich Fleisch oder Milch kaufen zu können, die nur Reis essen, haben einen chronischen Mangel an Vitaminen und Mineralien. Sie werden krank, und viele Kleinkinder sterben daran. Ich habe versucht, Eisen und Zink im Reissamen anzureichern. Wenn der Reis qualitativ besser ist, dann können wir damit Leben retten."

Leben retten und Unterernährung mindern, das sind die Ziele von Gynheung Ans Forschungen. Sein genetisch veränderter, mit Eisen und Zink angereicherter Reis lagert nicht nur in seiner Saatgutbank, er liegt auch zur Begutachtung und Genehmigung bei der dafür zuständigen Regierungskommission. In der Zwischenzeit hat er in Zusammenarbeit mit dem internationalen Reisinstitut auf den Philippinen und 40 Wissenschaftlern aus der ganzen Welt ein neues Projekt begonnen: Sie wollen Reis genetisch so verändern, dass die C3 Pflanze Reis bei der Photosynthese so effizient arbeitet wie die C4 Pflanze Mais. Das bedeutet nichts weniger als einen Umbau der Reispflanze. Gynheung An erläutert: "Es gibt zwei Sorten von Pflanzen: C3 und C4 Pflanzen. Die C4 Pflanzen wandeln Kohlenstoffdioxyd effizienter in Zucker und Stärke. Wenn wir es schaffen, Reis so umzubauen, dass er so funktioniert wie Mais, dann können die Bauern ihre Erträge um 30 bis 50 Prozent steigern. Dafür müssen wir die Blattstruktur der Pflanze verändern und ihre biochemische Struktur. Das ist eine große Herausforderung, es wird nicht einfach sein, aber wir haben diesen Traum."

Finanziert wird der Traum u. a. mit Geldern von Bill Gates, dessen Stiftung sich dem Kampf gegen den Hunger verschrieben hat. Was passiert, wenn das Experiment gelingt? "Wenn wir es patentieren lassen, dann nur, damit die Industrie kein Geld daraus schlägt. Wir forschen für die Armen, und wir wollen keinen Profit mit dem Patent machen", so Gynheung An. "Wenn wir erfolgreich sind, können wir unser Ziel in zehn bis 20 Jahren erreicht haben", meint der Wissenschaftler. Schon heute leiden rund eine Million Menschen Hunger, 25.000 sterben täglich an den Folgen von Unterernährung.


"Chemie raus, Physik rein"
Was essen wir morgen? Gibt es Trends, und in welche Richtung gehen sie? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Technologie Transfer Zentrum Bremerhaven, eine Ausgründung der Universität. Es entwickelt Verfahren und hält angewandte Forschung bereit für Lebensmittelfirmen, Restaurants und Caterer. Kochen im Vakuumverfahren könnte ein Trend der Zukunft sein, schonend und ohne Fett. Nichts verflüchtigt sich beim Kochen, die Aromen entfalten sich, werden bewahrt in der Vakuumverpackung. "Chemie raus, Physik rein" - unter dieses Schlagwort fällt auch das Verfahren des Gefriertrocknens, eine Art der Haltbarmachung ohne Zusatz- oder Konservierungsstoffe.

Immer entscheidender wird der Preis und die Qualität der verarbeiteten Lebensmittel sein. Die Gesellschaft von morgen wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch stärker in zwei Teile zerfallen: Die einen leben gesünder (und können sich dies auch leisten), die anderen weniger. Die einen haben die Wahl, die anderen nicht.


wissen aktuell
Der Agrar-Wahnsinn
Donnerstag, 13. Dezember 2012, 20.15 Uhr
Mediathek