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Mittwoch, 24. Juni
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Zauberer wie Apollo Robbins nutzen aus, das wir nicht sehen, was wir nicht erwarten: Er täuscht mit seinen Tricks nicht nur unsere Augen, er täuscht vor allem unser Gehirn.
Die Macht des Unbewussten
Unser Bauchgefühl, unser Unterbewusstsein weiß anscheinend schon Minuten vor unserem Gehirn, was gut für uns ist und was nicht. Das zeigt zum Beispiel der "Iowa-Gambling-Test". Das Unterbewusstsein wurde lange mit dunklen animalischen Begierden in Verbindung gebracht. Doch enthüllt die Wissenschaft, das Unbewusste ist eine Art Autopilot. Über 90 Prozent von allem, was wir täglich machen, erledigt unser Gehirn quasi ohne uns. Und das ist gut so - meistens!
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Neurowissenschaftler Allan Synder erforscht in Sydney, wie uns unser "automatisches Gehirn" die Welt wahrnehmen lässt.
In den späten 1990er Jahren sorgte ein Experiment der Hirnforscher Antoine Bechara und Antonio Damasio für Furore, das auch heute noch oft durchgeführt wird: In einem Glücksspiel-Versuch, dem "Iowa-Gambling-Test", werden Probanden vier Kartenstapel vorgesetzt, von denen sie, nach eigener Wahl, Karten ziehen sollen. Jede Karte enthält eine Geldgutschrift, aber manchmal zusätzlich auch einen empfindlichen Minusbetrag. Ziel ist es, so viel Geld wie möglich zu gewinnen.

Beweis für die Intelligenz unserer Gefühle?
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Die Großrinde, der Sitz unseres Bewusstseins: Rund 15 Milliarden Nervenzellen können sich hier in Sekundenbruchteilen zu neuen Netzwerken verschalten.
Zwei Stapel enthalten Karten mit moderaten Gewinnen und selten auch geringfügigen Einbußen. Die beiden anderen Stapel werfen große Gewinne ab, beinhalten aber auch Verluste, die den Gewinn weit übersteigen. Es ist also vernünftiger, sich von den ersten beiden Stapeln zu bedienen, was den Versuchspersonen aber nicht mitgeteilt wird. Den Probanden wird bei dem Versuch die Hautleitfähigkeit gemessen, die ein Indikator für Stress ist.

Die meisten Spieler konnten nach 40 - 80 gezogenen Karten erkennen und artikulieren, dass nur die ersten beiden Stapel langfristig Gewinn einbringen. Doch das Interessante: Bereits nach ungefähr zehn Versuchen kam es zu einer Stressreaktion beim Ziehen vom den "schlechten" Stapel. Das ist also lange bevor den Spielern bewusst wird, dass dieser Stapel "vergiftet" ist. Das Bauchgefühl hatte die Gefahr, die von den beiden riskanten Stapeln ausgeht, vor dem bewussten Verstand "gewittert".


Das "automatische Gehirn" nimmt Arbeit ab
Lupe
Auch erfahrene Kampfpiloten trainieren ihr "Unbewusstsein" im Flugsimulator.
Woran liegt diese schnellere Auffassungsgabe unseres Unbewussten? Neurologen weisen darauf hin, dass unbewusste Prozesse den bewussten in bestimmter Weise vorausgehen. Wahrnehmung erfolgt meist zufällig und ungezielt. Sie dient weitestgehend der Orientierung in der Umwelt. Die Sinneseindrücke werden dazu permanent gefiltert, da es sonst zur Reizüberflutung käme. Nur das Wichtige - wie zum Beispiel "da kommt ein schnelles Auto auf mich zu" - wird bewusst wahrgenommen. Unser Gehirn verfügt nur über begrenzte Ressourcen, die wir auf wichtige Umweltreize verwenden. Denn das bewusste Wahrnehmen strengt an: Landbewohner ohne Gewöhnung an den dichten Verkehr der Großstadt sind hier gestresst und angestrengt. Sie nehmen dieses Gewusel stärker wahr, als langjährige Stadtbewohner. Diese haben gelernt, dass vom Verkehr nur in bestimmten Situationen Gefahr ausgeht. Das Geräusch eines sich schnell nähernden Autos, Hupen oder Bremsgeräusche gehören dazu. Das Gehirn des Stadtbewohners blendet die "normalen" Autos, die keine Bedrohung sind, meist aus.

Diese Routinen sind lernbar. Das ist sehr praktisch und lebenswichtig. Unser Denkorgan leistet etwa 90 Prozent seiner Arbeit, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Trickbetrüger und Zauberer nutzen aus, dass wir meist auf Autopilot durchs Leben gehen: Denn oft sehen wir nicht, was wir nicht erwarten. Geschickt steuern sie unsere Aufmerksamkeit, um uns hinters Licht zu führen.


Verblüffende und unterhaltsame Experimente
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Die zweiteilige Dokumentation "Die Macht des Unbewussten", von Freddie Röckenhaus, Petra Höfer und Francesca D'Amicis, die Sie am Mittwoch, 9. April 2014, 20.15 Uhr und 21.00 Uhr sehen können, wirft einen Blick auf diesen "inneren Autopiloten". Der Film begleitet Neurowissenschaftler in aller Welt bei ihren - zum Teil verblüffend unterhaltsamen - Experimenten: Allan Snyder lässt an der Universität Sydney im Dienst der Hirnforschung Streichhölzer legen. John Bargh in Yale beweist, dass die Stühle, auf denen wir sitzen, unbewusst unseren Verhandlungsstil bestimmen. Henrik Ehrsson in Stockholm bringt Testpersonen dazu, ihren Körper zu verlassen.

Bewusstsein: eine PR-Aktion Ihres Gehirns?
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Selbst im Badezimmer redet unser "automatisches Gehirn" mit – und bestimmt, wie heiß und wie lange wir duschen.
Walter Mischel stellt in Stanford die Willenskraft von Vierjährigen mit Mäusespeck auf die Probe. In Phoenix, Arizona, erforscht das Wissenschaftlerpaar Susana Martinez-Conde und Stephen Macknik die Neurologie von Zaubertricks. Und in Berlin weist John Dylan Haynes nach, dass unser Gehirn bis zu sieben Sekunden vor uns Entscheidungen fällt. Nicht nur Allan Snyder ist heute überzeugt: "Bewusstsein ist nur eine PR-Aktion Ihres Gehirns, damit Sie denken, Sie hätten auch noch was zu sagen."

Sendedaten
Mittwoch, 9. April 2014, 20.15 und 21.00 Uhr
Themenwoche
Mythos Intelligenz
7. bis 11. April 2014
Mediathek
Links
Quarks & Caspers: 7 Dinge, die Sie über Ihr Gehirn wissen sollten [WDR]Bayerischer Rundfunk: Hirnforscher erkunden das Unbewusste: Vieles, was wir tun, wird vom Unbewussten gesteuert, sagen Hirnforscher. Aber bis heute ist umstritten, was das Unbewusste genau ist. Gemeinsam mit Therapeuten untersuchen sie daher Sigmund Freuds Modell der Psychoanalyse neu. (Audio)"Iowa-Gambling-Test" als App für IOS"Iowa-Gambling-Test" für als App AndroidDer Psychiater und Psychologe Manfred Spitzer: Unbewusste Logik - Unser logisches Denken funktioniert gerade dann gut, wenn wir einen eigentlich für Denken, Erinnern und Lernen wichtigen Gehirnteil abschalten. [ard-mediathek]Der Psychiater und Psychologe Manfred Spitzer: Unbewusste Kindheit -Einerseits haben wir in der frühen Kindheit sehr viel gelernt - andererseits können wir uns kaum an diese Zeit erinnern. Wie kommt das? Manfred Spitzer befasst sich mit dieser Frage und stellt Ergebnisse der Gehirnforschung vor. [ard-mediathek]Planet Wissen: Hirnforschung [SWR/WDR/BR]Allan Snyders Centre for the Mind, Sydney (englisch)Wikipedia über John Bargh und den Florida-EffektÜber die Experimente von Henrik Ehrsson (englisch)