Der Deutsche Herbst
Tödliche Schokolade
Der Mossad könnte von den Plänen der Palästinensern gewusst haben, die Lufthansa-Maschine Landshut zu entführen, dieses geht aus neuem Material hervor, das der Journalist und Filmemacher Egmont R. Koch recherchiert hat. Wadi Haddad alias Abu Hani soll hinter dem palästinensischen Terrorkommando gesteckt haben - er soll qualvoll an vergifteter Schokolade gestorben sein.
Am 12. September 1970 steigt ein riesiger Feuerball und dicker schwarzer Qualm auf dem Flugplatz Dawson Field in der jordanischen Wüste in den Himmel. Drei Flugzeuge wurden von Terroristen gesprengt. Die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) hatte mit Unterstützung des Terroristen Dr. Wadi Haddad drei Maschinen (eine der Swissair, eine der amerikanischen Gesellschaft TWA und ein britisches Flugzeug) nach Jordanien entführt. Die Flugzeuge mussten auf einem stillgelegten Flugplatz der britischen Armee, nahe der Stadt Zarqa landen.
Die Entführer forderten die Freilassung palästinensischer Gefangener im Austausch gegen die Geiseln. Innerhalb von 70 Stunden befanden sich insgesamt fünf große Verkehrsflugzeuge mit insgesamt 650 Passagieren und 80 Besatzungsmitgliedern in der Gewalt der arabischen Guerillas. Ihre Aktion zeigte Wirkung: Erstmals in der Geschichte gaben die westlichen Regierungen den Forderungen der Terroristen nach. Schlussendlich wurden alle Geiseln freigelassen und die Flugzeuge gesprengt.
Hinter dieser, in der Geschichte der Luftfahrt einmaligen Entführung soll nach Angaben des israelischen Geheimdienstes unter anderem Wadi Haddad, auch bekannt als Abu Hani, stecken. Dieser soll bei der Vorbereitung von mehreren Anschlägen und Entführungen beteiligt gewesen sein. Die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), eine seit 1968 aktive und dem linken Flügel des Panarabismus zuzurechnende Palästinenserorganisation betreibt die Flugzeugentführungen, die von Jassir Arafat abgelehnt wurden.
Mit seiner antikapitalistischen Ausrichtung und den Kontakten zum Ostblock war Haddad auch ein idealer Partner für die deutsche RAF. Der ehemalige Arzt bot deren Mitgliedern Trainingsmöglichkeiten für die Ausbildung an Waffen und mit Sprengstoff an. Die Kooperation soll sogar so weit gegangen sein, dass Haddad der RAF angeboten hatte, parallel zu Schleyer auch ein deutsches Flugzeug zu entführen. So sollte der Druck auf die deutsche Regierung erhöht werden. Und tatsächlich: Vier palästinensische Terroristen brachten die Lufthansamaschine "Landshut" in ihre Gewalt und forderten die Freilassung von RAF Terroristen.
Just zur gleichen Zeit fand vermutlich eine streng geheime Operation des israelischen Geheimdienstes Mossad statt. Im Visier soll Wadi Haddad gestanden haben, der bei den Israelis schon lange als Schlüsselfigur des Terrorismus galt. Dafür sollte er nun bezahlen – das recherchierte der Filmemacher und Journalist Egmont R. Koch. Er versucht, Licht in die dunkle Parallelwelt der Geheimdienste zu bringen: Der israelische Geheimdienst habe gewusst, dass Haddad eine Vorliebe für belgische Pralinen pflegte. Ein Mossad-Kontaktmann aus dem Umfeld Haddads sollte dem Palästinenserführer eine präparierte Pralinenschachtel mit einem langsam wirkenden Gift übergeben haben, so Egmont R. Koch.
Um seinen "Maulwurf" zu schützen und diesen Anschlag nicht zu gefährden, gab der Mossad seine Erkenntnisse über die bevorstehende Entführung der Landshut nicht oder nur sehr vage weiter. Tatsächlich bekamen deutsche Behörden vor der Landshut-Entführung von den Amerikanern einen diffusen Hinweis auf ein geplantes Hijacking einer Linienmaschine. "Um einen guten Agenten zu schützen, müssen manchmal hunderte von Menschen geopfert werden", sagt ein ehemaliger Mossadoffizier im Film. Der Anschlag gelang. Wadi Haddad starb im März 1978 qualvoll in einem Ostberliner Krankenhaus und wurde am 3. April 1978 in Bagdad im Irak beigesetzt.
"Die Entführung der Landshut wäre zu verhindern gewesen", fasst Autor Koch seine zweijährigen Recherchen zusammen. Und dann hätte wohl auch der Deutsche Herbst 1977 eine ganz andere Entwicklung genommen.
Sendedaten
Dienstag, 16. Oktober 2012, 22.00 Uhr