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Mittwoch, 24. Juni
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Andreas Baader, der narzisstische Kopf der ersten RAF-Generation
Die RAF - Der Krieg der Bürgerkinder
Erster Teil der Dokumentation von Aust und Büchel
"Furchtbar ist es zu töten. Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es Not tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu ändern ist, wie jeder Lebende weiß", schreibt Ulrike Meinhof an Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Das Brecht-Zitat aus "Die Maßnahme" belegt in wohl ungewollter Offenheit die Märtyrer-Rolle, in der sich die Führungskader der RAF sehen.
Deutschland am Rande des Ausnahmezustands
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Gudrun Ensslin
Die Märtyrer-Rolle ist eine Pose in einer geradezu religiösen Dimension und weist durchaus Parallelen zur Motivation islamistischer Selbstmordattentäter der Gegenwart auf.

Im Herbst 1977 werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Bankier Jürgen Ponto ermordet, Hanns Martin Scheyer wird zunächst entführt, dann ermordet und die Lufthansa Maschine Landshut wird entführt. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nehmen sich im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim das Leben. Deutschland befindet sich in Aufruhr - Straßenkontrollen mit vorgehaltener Maschinenpistole gehören fast zum Alltag. Wie konnte es dazu kommen, das Deutschland von einer kleinen Gruppe Extremisten an den Rand des Ausnahmezustandes gebracht wurde?


Aus Empörung wurde erst Protest, dann Widerstand
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Schah-Besuch, 2. Juni 1967
Wer diese Frage beantworten möchte, muss die Anfänge der Roten Armee Fraktion und die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Jahre 1968/89 verstehen: Damals herrschte bei weiten Teilen der jungen Generation ein tiefes Misstrauen gegen den Staat und die Generation der Väter, die oft noch in die Verbrechen der Nazizeit verstrickt waren. Auch die Oppositionslosigkeit der Großen Koalition aus SPD und CDU bis 1969 verstellte den Weg, Missfallen in die Parlamente zu tragen. Vor allem aber die grausamen Bilder des Vietnamkriegs empörten die Jugendlichen: Verbrannte Kinder, die nach einem US-Luftangriff flohen, Frauen und Greise getötet im Namen der "Freiheit". Aus Empörung wurde Protest, aus Protest Widerstand. Hunderttausende Jugendliche gingen meist friedlich auf die Straße und demonstrierten.

Veränderung der Gesellschaft mit allen Mitteln
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Schah-Besuch, 2. Juni 1967
Die erste Radikalisierung bestimmter Teile der Protestkultur stellte der Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967 dar. Bei diesem wurden von persischen Landsleuten und vermutlich auch vom persischen Geheimdienst unter den Augen der Polizei mit Dachlatten auf friedlich demonstrierende Studenten eingeprügelt. Dann, am Abend desselben Tages, erschoss ein Polizist den unbewaffneten Student Benno Ohnesorg. Der Tod, die Studenten sprachen von Mord, löste heftige Unruhen aus, Teile der Studentenbewegung forderten gewaltsame Aktionen. Noch in der Nacht rief Gudrun Enslin die Anwesenden einer Studentenversammlung auf, sich zu bewaffnen. Denn mit dem Schuss auf Ohnesorg sei Deutschland in einen Polizeistaat abgeglitten. Es würde weitere Tote auf Seiten der Studenten geben.

Die Gewalt, so die Sicht der protestierenden Studenten, ging nicht von den Linken aus, sondern vom Staat. Andreas Baader und Ensslin fassten den Entschluss ein Fanal zu setzen und steckten nach Ladenschluss in Frankfurt zwei Kaufhäuser in Brand. Schon am nächsten Tag wurde die Gruppe verhaftet.


Die heftigsten Straßenschlachten in Deutschland
Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke in Berlin vom Neonazi Josef Bachmann niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. In der Nacht nach dem Attentat protestierten Studenten vor dem Springer-Verlag in Essen und zündeten Busse und Zeitungen an. Die Studenten warfen der "BILD", die gegen die Protestbewegung polemisierte, eine Mitschuld an dem Attentat vor. Das Boulevardblatt hatte einige Tage vor dem Attentat zum "Ergreifen" der "Rädelsführer" aufgerufen. Es kam zu den heftigsten Straßenschlachten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Weg der Gruppe um Baader und Ensslin in die Illegalität war vorgezeichnet, als sie nicht ihre Haft wegen der Brandstiftung antraten und versuchten, sich Waffen zu besorgen.


Veränderung der Gesellschaft mit allen Mitteln
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Petra Schelm, die erste Tote im Kampf der RAF
Die RAF formierte sich im Mai 1970: Auf um die vierzig - mehr oder weniger aktive - Mitglieder war die Gruppe angeschwollen. Im Jemen ließ sich der harte Kern um Baader, Meinhof und Ensslin an Waffen ausbilden. Um sich zu finanzieren, wurden Banken überfallen, und die Gruppe nahm dabei auch Tote in Kauf. Am 15. Juli 1971 wurde im Rahmen einer Großfahndung die RAF-Terroristin Petra Schelm auf der Flucht von der Polizei erschossen. Der Hamburger Zivilfahnder Norbert Schmid war das erste Todesopfer der RAF - 34 weitere Morde sollten folgen. 1972 verübte die RAF Bombenanschläge auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main, auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg und das europäische Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg. Die Polizei löste eine Großfahndung aus und nahm innerhalb weniger Monate zahlreiche führende RAF-Terroristen fest, darunter die Gründungsmitglieder Baader, Meinhof und Ensslin.

1975 begann ihr Prozess in einem eigens errichteten, hoch gesicherten Gerichtsgebäude in Stuttgart-Stammheim. Daran waren als Wahlverteidiger der Angeklagten auch der spätere Bundesinnenminister Otto Schily und Horst Mahler beteiligt. Die erste Generation Terroristen saß nun hinter Gittern, doch eine zweite Generation wuchs nach. Ihr Handeln war darauf fixiert, Baader, Meinhof und Ensslin aus dem Gefängnis freizupressen.


Stefan Aust hat 60 Zeitzeugen interviewt
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Ulrike Meinhof wird am 18. Juni 1972 nach ihrer Verhaftung gegen ihren Willen von der Polizei fotografiert.
35 Jahre nach jenen schicksalhaften Wochen zwischen Schleyer-Entführung und Geiseldrama von Mogadischu, die sich als "Deutscher Herbst" tief in das kollektive Gedächtnis des Landes gegraben haben, erzählt die zweiteilige NDR-Dokumentation "Die RAF" die Geschichte der Roten Armee Fraktion in schonungsloser Offenheit entlang der Biografien ihrer Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof.

Diese Drei bilden den Kern eines persönlichen und politischen Dramas, das die Siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland prägte und bis heute nachhallt. "Spiegel"- Chefredakteur Stefan Aust, Autor des Standardwerkes "Der Baader Meinhof Komplex", und Helmar Büchel, Emmy-Preisträger des Jahres 2004, haben in mehr als zweijähriger Arbeit mehr als 60 Zeitzeugen interviewt und in bis heute verschlossenen Archiven recherchiert. Dabei entdeckten sie vernichtet geglaubte Akten, Fotos, Tonbänder und Videodokumente, die die oft trostlose Binnenrealität der nach außen von Politik, Medien und Sympathisanten zum revolutionären Mythos hochgeschriebenen Gruppe zeigt. Noch verstörender ist die bis heute geleugnete Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz und Geheimdiensten im Kampf gegen die RAF. Die "Nacht von Stammheim", an deren Ende am 18. Oktober 1977 Andreas Baader, Gudrun Ensslin und ihr Kampfgenosse Jan Carl Raspe tot aufgefunden wurdenn, erscheint in dieser 180-Minuten-Dokumentation in einem beängstigend anderen Licht – noch eine Parallele zum "Krieg gegen den Terror" der Jahre nach 2001.


Sendedaten
Sonntag, 14. Oktober 2012 20.15 Uhr
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