Übersicht
Kalender
August 2016
TV-Programm
Samstag, 27. August
Lupe
Kalter Krieg: Geheimarmeen in Europa sollten nach dem Einmarsch der Roten Armee nach Deutschland einen Guerillakrieg gegen die Besatzer führen.
Gladio - Geheimarmeen in Europa
Während des Kalten Krieges unterhielten die NATO, der CIA, der britischen MI6 und andere europäische Geheimdienste paramilitärische Geheimorganisationen in ganz Westeuropa. Diese sollten im Falle einer sowjetischen Besatzung einen Gerilliakrieg führen - doch Mitglieder der Geheimorganisationen verübten anscheinend rechtsgerichtete Terrorakte.
Militärischer Sprengstoff weist die Spur
© SWR/tvschoenfilm Lupe
Rechtsterroristische Wehrsportgruppe Hoffmann
Eine Serie von brutalen Bombenanschlägen erschüttert Italien von den 1960er bis in die 1980er Jahre. 1969 sterben z.B. in Mailand 16 Menschen bei einem Bombenanschlag. Im August 1980 detoniert eine versteckte Zeitbombe im Wartesaal des Bahnhof Central in Bologna. Dabei werden 85 Menschen getötet unter ihnen viele Frauen und Kinder. Im September des gleichen Jahres gibt es auch in Deutschland Bombenopfer: beim Münchner Oktoberfestattentat, dem schwersten Anschlag in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, sterben 13 Menschen und über 200 werden zum Teil schwer verletzt.

Im Laufe der Jahre häufen sich die Indizien, dass diese Anschläge in einem möglichen Zusammenhang stehen. Alle Täter kommen aus dem Umfeld rechtsradikaler Gruppen. Mehrfach wird militärischer Sprengstoff benutzt. Die Spuren führen zu einer westeuropäischen geheimen Struktur, koordiniert von der NATO und den nationalen Geheimdiensten - ohne parlamentarische Kontrolle. Ihr Name: "Stay behind", später auch "Gladio". Was verbirgt sich hinter "Gladio"?


Geheime Waffendepots für Guerillaoperationen
© SWR/tvschoenfilm Lupe
Frühzeitig wurde die Presse mit Polizeiinternas versorgt, was eine Ermittlung möglicher weiterer Tatbeteiligter erheblich behinderte.
Im Juni 1948 hatte der amerikanische Präsident Truman ein Multi-Millionen-Programm des Nationalen Sicherheitsrates zur Finanzierung von "verdeckten Operationen" gebilligt. Geheime Waffendepots wurden angelegt, Agenten angeworben und ausgebildet. Im Falle eines sowjetischen Angriffs auf Westeuropa sollten sie sich von den gegnerischen Truppen überrollen lassen und in deren Rücken Sabotageakte und Guerillaoperationen durchführen, so genannte "Stay-Behind-Operationen". Ende der 1950er Jahre war der Aufbau von Gladio abgeschlossen, doch der sowjetische Angriff blieb aus. Was aus den geheimen Strukturen wurde, ist weitgehend unbekannt.

Spuren von Gladio gibt es in Italien. Auch dort wurden solche geheime Strukturen aufgebaut, und es gibt Anzeichen dafür, dass sie seit den 60er Jahren benutzt wurden, um mit Bomben, Attentaten und Morden die amtierende Regierung an der Macht zu halten. Trotz massiver Behinderung der italienischen Justiz durch Geheimdienste und Behörden gelang es, die Existenz von Gladio nachzuweisen. 1990 räumte der damalige italienische Ministerpräsident Guilio Adreotti öffentlich ein, dass Gladio nicht nur in Italien, sondern in allen europäischen Ländern existierte. Europaweit wurde jetzt umfassende Aufklärung gefordert - geschehen ist nichts.Auch nicht in der Bundesrepublik. Obwohl es Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Gladio und dem Attentat auf das Münchner Oktoberfest von 1980 gibt.


War Oktoberfestattentäter Köhler alleine?
© SWR/tvschoenfilm Lupe
Viele Indizien weisen darauf hin, dass Gundolf Köhler den Anschlag in München nicht allein begangen hat.
Im Oktober 1981 zum Beispiel führte der aktenkundige Rechtsextremist und mögliche Gladio-Agent Heinz Lembke die Polizei zu mehreren Waffendepots in der Lüneburger Heide. Dort lagerten automatischen Waffen, Munition, Sprengstoff, Handgranaten und chemischen Kampfstoffe - ein Gladiolager? Lembke hatte Kontakt zur rechtsterroristischen Wehrsportgruppe Hoffmann, zu der auch der Oktoberfestattentäter Gundolf Köhler gehörte. Möglich also, dass der Sprengstoff für den Münchner Anschlag von Lemke stammte. Doch diese Frage spielte bei den Ermittlungen der Bundesstaatsanwaltschaft keine Rolle. Die Sie wurden eingestellt. Eine nachträgliche Aufklärung ist wenig wahrscheinlich, denn die Asservate, die dank neuer, kriminaltechnischer Methoden Hinweise geben könnten, sind mittlerweile vernichtet - ein Skandal!Haben Rechtsextremisten Gladio-Strukturen auch in Deutschland benutzt, um ihre politischen Ziele zu verfolgen? Die Frage bleibt offen. Die Wahrheit über Gladio findet sich in den Archiven - unter Verschluss. Nur deren Öffnung könnte Klarheit bringen. Aber bis heute fehlt der politische Wille zur Aufklärung.

Literatur:
Daniele Ganser: NATO- Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. Orell Füssli, Zürich 2008, ISBN 978-3-280-06106-0.

Sendedaten
Donnerstag, 1. November 2012, 22.15 Uhr
Thementag
Spielfilme und Dokumentationen aus der Welt der Geheimdienste

Donnerstag, 1. November 2012
von 5.45 Uhr an
Links