© Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
Die Premiere in voller Länge Die Premiere in voller Länge
Szenenbild aus der Wagner-Oper "Lohengrin", das Eröffnungskonzert bei den Bayreuther Festspielen 2018.
Ein neuer "Lohengrin"
Das Eröffnungskonzert der Bayreuther Festspiele
Mit viel Prunk und Prominenz sind am Mittwoch (25. Juli 2018) wieder einmal die Bayreuther Festspiele eröffnet worden. Für eine Neuinterpretation des "Lohengrin" sorgt dieses Jahr der Regisseur Yuval Sharon. 3sat zeigt die Premiere drei Tage später in voller Länge.
Von Sandra Demmelhuber und Dirk Kruse

Nach der zum Schluss schon legendären "Ratteninszenierung" des "Lohengrin" von Hans Neuenfels, einem der Väter des sogenannten Regietheaters, ist in diesem Jahr eine Neuinterpretation des Werks zu erleben. Weltweit warten die Wagnerfans gespannt darauf, wie Regisseur Yuval Sharon gemeinsam mit Neo Rauch als Ausstatter den „Schwanenritter“ in Szene setzt.

Rauch gehört zu den international bekanntesten deutschen Künstlern und hat erst vor Kurzem in einem Zeitungsinterview betont: "Ich arbeite an der Wiederverzauberung der Welt".


Große Namen, spannendes Debüt

© dpa-Bildfunk Matthias Balk
Am Tag der Eröffnung immer mit dabei: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer.
So gesehen ist die märchenhafte Sagenwelt des "Lohengrin" die ideale Oper für den Maler. Die Besetzung wartet mit großen Namen und einem spannenden Debüt auf.

Die Titelpartie übernimmt - nach dem kurzfristigen Rücktritt von Roberto Alagna - Piotr Beczala. Der Tenor hat bereits Erfahrung mit dem dramatischen Fach: Im Mai 2016 gab er als Lohengrin in Dresden zusammen mit Anna Netrebko sein umjubeltes Rollendebut.

Erstmals bei den Wagner-Festspielen singt Anja Harteros (Elsa), ihr zur Seite stehen erfahrene „Wagner-Recken“ wie Georg Zeppenfeld (König Heinrich) und Tomasz Konieczny (Telramund). Waltraud Meier, die erstmals 1983 auf der Bayreuther Bühne stand, wird nach 18-jähriger Abstinenz wieder auf den Hügel zurückkehren und die Rolle der Ortrud übernehmen.

Christian Thielemann ist der zweite Dirigent nach Felix Mottl, der jetzt mit dem Lohengrin sämtliche zehn festspielreifen Opern Wagners in Bayreuth dirigiert hat. Er ist so etwas wie der Klangwalter des Hauses. Schon lange im Vorfeld der Neuinszenierung hat er sich mit dem Malerehepaar Neo Rauch und Rosa Loy, das bei dieser Produktion für Bühnenbild und Kostüme zuständig ist, über die akustischen Anforderungen des Lohengrin verständigt.


Im Zeichen der Farbe Blau

© Bayreuther Festspiele Enrico Nawrath
Piotr Beczala als Lohengrin.
Die vom Maler Neo Rauch aufwändig gestaltete Projektion wird für die Premiere allerdings gestrichen. Denn der Klang ist heilig in Bayreuth. Schließlich hat Richard Wagner das Festspielhaus nach eigenen Klangvorstellungen ausschließlich für die Aufführung seiner Opern bauen lassen.

„Ich habe dafür geworben, dass es einen Rundhorizont gibt, dass die Bühne einmal ganz ausgenutzt wird. Und wir haben jetzt schon Proben gehabt und festgestellt, wie gut die Bayreuther Bühne eigentlich klingt, wenn nicht so viel da rumsteht. Es steht etliches da, und es gibt auch alles Mögliche, das hin- und hergeschoben wird und hochgezogen und was weiß ich. Aber wir haben den Rundhorizont. Das ist ganz selten.“ (Christian Thielemann, Dirigent)

Das Bühnenbild von Neo Rauch wird in allen drei Akten von der Farbe Blau in all ihren Schattierungen dominiert. Schwarzblaue Bäume und Schilfgras am gemalten Rundhorizont. Dunkelblaue Gewitterwolken über der düsteren Schelde-Flusslandschaft. Ein graublauer eckiger Turm. Selbst Elsa trägt hellblaue Locken und zartblaue Spitzen an ihrem fast weißen Kleid. Schließlich hatte schon Friedrich Nietzsche über den Lohengrin geschrieben, diese Musik sei „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“.
Dabei hat sich Neo Rauch aber nicht vom großen Philosophen, sondern von den berühmten blau-weißen Kacheln aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande inspirieren lassen.

„Das war eine Eingebung, die mir angesichts eines Delfter Porzellantellers kam. Aus dieser Situation heraus hat sich dann das ganze Geschehen entwickelt. Und das hat die Bilder evoziert: diese Bläue, die dann letzten Endes auf der Bühne zur Geltung kommt. Und dann wurde ich erst mit diesem Nietzsche-Zitat konfrontiert. Das hat mich natürlich ungemein bestätigt. Es ist einfach schön zu erleben, wie Musik unterschwellig wirkt und Farben heraufbeschwört. Und das ist eine schöne Synchronizität.“ (Neo Rauch, Künstler)

Auch die über 300 Kostüme dieses Lohengrin sind blau in den unterschiedlichsten Farbabstufungen. In der Kostümabteilung des Festspielhauses wurden sie genäht und dann den Darstellern angepasst. Eine Arbeit, die schon vor mehr als einem Jahr begonnen hat, sagt die Leiterin der Kostümbildnerei Dorothea Nicolai.


Harmonische Teamarbeit, ausgefeiltes Klangkonzept

© dpa-Bildfunk/Roman Cho
Yuval Sharon inszeniert bei den Bayreuther Festspielen die Neuauflage der Wagner-Oper "Lohengrin".
So wie der edle Schwanenritter im letzten Moment erscheint, um die unschuldige Elsa vor ihrem sicheren Todesurteil zu bewahren, ist auch Tenor Piotr Beczala ganz plötzlich in Bayreuth aufgetaucht, um die Produktion zu retten. Denn dreieinhalb Wochen vor der Premiere hatte der eigentlich engagierte Tenor Roberto Alagna abgesagt, weil er mit der deutschsprachigen Rolle nicht zurechtkam. Aber Beczala hat sich schnell in die Produktion eingefunden und den Probenvorsprung seiner Kollegen bald wettgemacht.

Es ist eine sehr interessante Produktion und es war ziemlich einfach, sich da reinzupflanzen. Denn für mich ist wichtig, dass eine Produktion einen gewissen ästhetischen Wert hat. Und diese Produktion ist wirklich ästhetisch." (Piotr Beczala, Tenor)

Ein anderer einspringender Retter dieser Inszenierung ist der Regisseur Yuval Sharon. Der erste amerikanische Regisseur auf dem Grünen Hügel, löste kurz vor Weihnachten 2016 den Letten Alvis Hermanis ab, mit dem die Zusammenarbeit wegen umstrittener Äußerungen zur Flüchtlingspolitik beendet wurde. Eine schwierige Aufgabe für Sharon. Denn er musste seine Lesart des Lohengrin in dem bereits fertigen Bühnenbild entwickeln. Dabei setzte der neue Regisseur verstärkt auf Teamwork mit Thielemann, Rauch und Loy.

Es war auf jeden Fall eine ganz außerordentliche Arbeitsweise, die wir gemeinsam unternommen haben zu viert. Wir wollen unbedingt, dass das Ergebnis wie aus einem Guss erscheint. Das betrifft natürlich Musik, Bühne, Licht, Kostüme, halt das Gesamtkunstwerk." (Yuval Sharon, Regisseur)

Harmonische Teamarbeit, ein ausgefeiltes Klangkonzept und eine ästhetische Inszenierung in Blau also. Wie das beim Publikum ankommt, wird sich zeigen.


Bayreuth - Weltstadt auf Zeit

© dpa /
Das Wagner-Festspielhaus in Bayreuth.
Ohne Wagner geht fast nichts: Das oberfränkische Bayreuth wird jedes Jahr - sobald die Generalproben beginnen - zur Weltstadt auf Zeit. Spätestens am Tag der Premiere versammelt sich dort alles, was in Deutschland Rang und Namen hat.

In dieser Zeit herrscht Hochkonjunktur in den Hotels, Wirtschaften und Geschäften. Wagner ist überall: in den Schaufenstern, auf Tassen und T-Shirts, auf Pralinen.

Sogar die Straßen sind in Bayreuth zur Festspielzeit gut in Schuss: Alle Löcher im Belag verschwinden wie von Geisterhand. Überall stehen Blumen, die Büste Richard Wagners im Festspielpark wird von den Stadtgärtnern gewaschen und geschrubbt.

Richard Wagner hat vermutlich genau gewusst, warum er gerade in Bayreuth sein Festspielhaus errichten ließ. Eines muss man der Stadt allemal lassen: Nirgendwo sonst auf der Welt kann man seine Musik so erleben wie in Bayreuth.


Ein Kiosk vor dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel: Wagner, Wagner und noch einmal Wagner. © dpa/David Ebener Ein Kiosk vor dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel: Wagner, Wagner und noch einmal Wagner.
Auf einem Briefkasten hängt ein Hinweis, dass dieser nur an Tagen mit Festspielbetrieb geleert wird.  © dpa/David Ebener Auf einem Briefkasten hängt ein Hinweis, dass dieser nur an Tagen mit Festspielbetrieb geleert wird.
Wagner macht selbst vor Baustellen nicht halt - obwohl es zur Festspielzeit nicht viele gibt.  © dpa/David Ebener Wagner macht selbst vor Baustellen nicht halt - obwohl es zur Festspielzeit nicht viele gibt.
Der Schriftzug "Richard Wagner - Bayreuther Festspiele" auf einer Glastür im Festspielhaus.  © dpa/Daniel Karmann Der Schriftzug "Richard Wagner - Bayreuther Festspiele" auf einer Glastür im Festspielhaus.

Sendedaten
Samstag, 28. Juli, 20.15 Uhr

Lohengrin. Eröffnungskonzert der Bayreuther Festspiele

Fernsehfassung des Eröffnungskonzertes auf den Bayreuther Festspielen (25. Juli)

Mediathek
© dpaDas Eröffnungskonzert der Bayreuther Festspiele können wir zwei Wochen in der 3sat-Mediathek anbieten.
Handlung
© dpaLohengrin. Romantische Oper in drei Akten
Worum geht's? Für eine kurze Inhaltsangabe der einzelnen Akte bitte hier klicken.
3sat-Festspielsommer 2018
Internationale Musikhighlights
Renommierte Festivals, herausragende Konzerte und Opern mit internationalen Stars. Von Mai bis September reist 3sat in seinem Festspielsommer zu den großen Festivals in den 3sat-Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz und zeigt ausgewählte Konzerte und Opern-Highlights der großen Klassikfestspiele im deutschsprachigen Raum.
Rückblick
Die Meistersinger von Nürnberg (2017)
1. Aufzug: Rollenverteilung in der Villa Wahnfried. Auch Wagner liebte Privataufführungen.
Anne Schwanewilms als Eva, Klaus Florian Vogt als Ritter Walther von Stolzing.
3. Aufzug: Michael Volle als Hans Sachs im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes