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Max Raabe in Tel Aviv. "Ein sehr großer Teil der Stücke, denen wir unseren Erfolg zu verdanken haben, wurde von jüdischen Textern und Komponisten geschaffen."
"Eine der schönsten Erfahrungen, die wir je gemacht haben"
Max Raabe über seine Konzertreise in Israel
"Erev tov, lekulam. Aschem scheli Max Raabe*." Mit diesen Worten leitet Max Raabe im Herbst 2010 seinen ersten Auftritt in Israel ein - einem Land, in dem bis heute so gut wie keine deutschsprachige Musik im Radio gespielt wird. Es wird eine aufwühlende, prägende, ganz besondere Reise. Für die Konzertbesucher - aber auch und vor allem für Max Raabe selbst.

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Vier Konzerte gaben Max Raabe als krönenden Abschluss ihrer Tournee in Israel: in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem.
Von Sandra Demmelhuber

Sie sind seit vielen Jahren weltweit auf Tour: in ganz Europa, in den USA, in Japan. Israel, so sagen Sie in der Doku, war ihre größte Herausforderung. Welche Bedenken hatten Sie konkret vor der Reise?

Max Raabe: Unser Repertoire ist ja in einer sehr spannungsreichen Zeit, gegen Ende der Weimarer Republik, entstanden. Ein sehr großer Teil der Stücke, denen wir unseren Erfolg zu verdanken haben, wurde von jüdischen Textern und Komponisten geschaffen.
Einige konnten fliehen, andere haben durch ihre deutschen Landsleute ein schreckliches Ende gefunden.

Vor diesem Hintergrund führen wir diese Lieder auf und ganz besonders bewusst ist uns das, wenn wir im Ausland unterwegs sind. Niemand konnte uns sagen, wie das Publikum in Israel auf uns reagieren würde.

Kurz nach Ihrer Ankunft hat Sie eine israelische Radio-Reporterin, deren Großeltern beide Holcaust-Überlebende waren, kritisch gefragt, warum Sie ausgerechnet nach Israel kommen, um ihre deutschen Lieder singen - wo doch so viele im Land diese Sprache nicht mehr hören möchten. Waren Sie auf solche Fragen vorbereitet?

Eigentlich hätte ich sagen müssen: "Ja, Sie haben recht, diese Gedanken habe ich mir auch gemacht, wir sagen unsere Konzertreise ab.“ Wir sind aber doch hingefahren und haben sehr viele deutsche Juden getroffen, die sich über die Leichtigkeit und die Ironie, die mit der deutschen Sprache herzustellen ist, sehr gefreut haben.

Ich kann den Schmerz der Eltern dieser Reporterin erahnen und sehe aber auf der anderen Seite, die Freude, die diese Lieder auslösen können. 


Sehnsucht nach der Kultur der Großeltern

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Max Raabe mit dem deutsch-jüdischen Konzertbesucher Max Ballhaus. Er wurde 1913 in Berlin geboren.
Dann kam aber doch alles anders: die Zuhörer waren regelrecht begeistert. Kannten die Texte, sangen mit. Einige haben geweint. Für viele "Jeckes", also deutschstämmige Israelis, sind diese Lieder eine Zeitreise zurück in die Heimat, in eine unbeschwerte Kindheit. Waren Sie von den Reaktionen überrascht?

Ich war froh, als sich meine Bedenken in den ersten Minuten des Konzertes zerstreuten. Durch die gute Vorbereitung des Teams um Sönke Wortmann hatte ich Gelegenheit, einige Menschen zu treffen, die mit diesen Liedern schöne Erinnerungen an ihre frühe Zeit in Deutschland verbinden. Plötzlich waren sie wieder Berliner, Kölner oder Frankfurter.

In der Doku sprechen Sie von "schmerzlichen, peinlichen Momenten". Was hat Sie am meisten berührt?

Ich bin immer noch überwältigt von der Herzlichkeit und Freundlichkeit, mit der wir dort empfangen wurden. Die Diskrepanz zwischen den traurigen Geschichten, die ich gehört habe, und der gleichzeitigen Fröhlichkeit im Raum war manchmal schwer zu ertragen.
Es waren auch viele junge Leute in den Konzerten. Von denen habe ich erfahren, dass es manchmal eine unbestimmte Sehnsucht nach der Kultur ihrer Großeltern gibt.

Haben Sie lange gebraucht, um die vielen Gespräche und Geschichten zu verarbeiten? Was haben Sie persönlich von dieser Reise mitgenommen?

Ja, ich denke noch oft an die Konzertreise durch Israel und die Menschen, die wir dort kennenlernen durften.
Das war eine der schönsten Erfahrungen, die wir je gemacht haben.


*Dt.:'Guten Abend allerseits, mein Name ist Max Raabe'.

Sendedaten
Sonntag, 6. Mai 2018, 11 Uhr

Max Raabe in Israel

Ein Film von Brigitte Bertele, Julia Willmann, Sabine Scharnagel und Bettina Hausler

Max Raabe
© BRMax Raabe, bürgerlicher Name: Matthias Otto, wurde am 12. Dezember 1962 in Lünen geboren. Schon vor seinem Gesangs-Studium an der "Hochschule der Künste Berlin" gründete er mit Freunden das "Palast Orchester", das Chansons und Lieder im Stil der 1920er- und 1930er-Jahre aufführt. Zum Standard-Repertoire gehören auch zahlreiche Lieder jüdischer Komponisten, die teilweise von den Nazis ermordet wurden.
Der Dokumentarfilm zur Tournee "Max Raabe in Israel" hatte 2012 beim 18. Jüdischen Filmfestival Berlin & Potsdam Premiere, zahlreiche Kritiken zum Film betonen vor allem das Feingefühl, das Raabe bei vielen unvorhersehbaren Momenten und Zeitzeugengesprächen zeigt.
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