© NDR/Pier 53
Eine Sammelabschiebung in Mecklenburg-Vorpommern: In drei Tagen wurden mehr als 200 Asylbewerber nach Albanien abgeschoben.
Protokoll einer Abschiebung
Wie der deutsche Staat Asylbewerber abschiebt
In Deutschland soll mehr abgeschoben werden – so lautet die Ankündigung des "Masterplans Abschiebung" von Bundesinnenminister Seehofer. Was die gängige deutsche Abschiebepraxis für die Betroffenen bedeutet, zeigt der preisgekrönte Film "Protokoll einer Abschiebung". Regisseur Hauke Wendler beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Themen "Flucht und Migration". 3sat hat ihn nach den Gründen gefragt.
Von Alexia Späth

Nach langen Recherchen hatte Hauke Wendler 2016 die Möglichkeit, in Mecklenburg-Vorpommern eine Sammelabschiebung zu filmen. Dabei wurden in drei Tagen mehr als 200 Asylbewerber in des "sichere Herkunftsland" Albanien ausgewiesen: Ein Wunschprojekt von Lorenz Caffier, dem Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, der in diesen Nächten persönlich vor Ort war.

Die Dokumentation zeigt seltene Bilder von der Planung der aufwendigen Maßnahmen, den nächtlichen Einsatz der Zuführkommandos in den Asyl-Unterkünften bis zur Ankunft im Heimatland.


Die Einheiten von Polizei und Ausländerbehörde kommen in der Nacht oder am frühen Morgen, reißen Familien aus dem Schlaf, geben ihnen eine halbe Stunde Zeit zum Packen.  © NDR/Pier 53 Die Einheiten von Polizei und Ausländerbehörde kommen in der Nacht oder am frühen Morgen, reißen Familien aus dem Schlaf, geben ihnen eine halbe Stunde Zeit zum Packen.
Die Sammelabschiebung war ein Wunschprojekt des Innenministers Lorenz Caffier. Er war in diesen Nächten persönlich vor Ort . © NDR/Pier 53 Die Sammelabschiebung war ein Wunschprojekt des Innenministers Lorenz Caffier. Er war in diesen Nächten persönlich vor Ort .

Warum sind Ihnen die Themen "Flucht und Migration" so wichtig?

Wir haben das Gefühl, dass man bei diesen Themen sehr viele Konflikte, die in unserer Weltordnung begründet liegen, auch vor der Haustür findet. Es treffen Menschen aufeinander, die ihr Land verlassen mussten, weil sie auf der Flucht sind. Und diese wohnen jetzt direkt in unserer Nachbarschaft. Das ist für uns Dokumentarfilmer total spannend, diese Menschen zu begleiten.

Hatten Sie da ein persönliches Erlebnis?

Ich habe schon während meines Studiums begonnen, mich mit dem Thema "Flucht und Migration" zu beschäftigen. Das war Anfang der 90er Jahre. Deutschland war sehr von der Debatte der steigenden Zahl von Asylbewerbern und von den gewalttätigen Übergriffen auf Asylheime und Ausländer geprägt. Das hat mich erst einmal privat sehr beschäftigt und mich nie wieder losgelassen.

Also solche Ereignisse wie zum Beispiel in Rostock oder Lichtenhagen?

Ja. Das war der Punkt. Da habe ich mich gefragt, was ist denn in diesem Land los? Wir sind dann damals auch mit ein paar Kommilitonen rübergefahren, um uns vor Ort diesen Wahnsinn anzuschauen. Später waren es Orte wie Mölln, Solingen, Hoyerswerda.

2010 haben wir unseren ersten langen Kinodokumentarfilm gemacht. Es ging um das Schicksal von Wadim, der sich nach seiner Abschiebung das Leben genommen hat. Das haben wir damals in dem Film aufgearbeitet. Es war so tief greifend, dass uns danach allen klar war, das Thema ist so präsent, wir können gar nicht an diesem Thema vorbei.


In Albanien war Gezim beim Staat angestellt, als eine Art Finanzinspektor. Dann verlor er seine Anstellung.  © NDR/Pier 53 In Albanien war Gezim beim Staat angestellt, als eine Art Finanzinspektor. Dann verlor er seine Anstellung.
Für die Zukunft ihrer drei Kinder haben Sonila und Gezim Albanien verlassen.  Jetzt mussten sie wieder zurück.  © NDR/Pier 53 Für die Zukunft ihrer drei Kinder haben Sonila und Gezim Albanien verlassen. Jetzt mussten sie wieder zurück.

Haben Sie das Gefühl, etwas damit erreicht zu haben?

Das ist eine schwierige Frage. Wir haben viele Preise gewonnen und dadurch persönlich auch von den Themen profitiert. Das ist ein bisschen widersinnig, wenn die Filme von Menschen handeln, deren Leben ruiniert wurde. Es ist für uns Filmemacher einer der größten Herausforderungen, dass man immer wieder für sich eine Positionierung findet. Dass wir sagen können, ja, das ist legitim, das ist richtig, was wir machen.

Unsere Filme allein bewirken natürlich gar nichts. Aber ich hoffe auf einen Vielklang von Zeitungsberichten, Filme, Hörfunkberichte und Diskussionen in den sozialen Medien. So können wir einen öffentlichen Diskurs anstoßen.


Wie haben Sie die Willkommenskultur im Jahr 2015 gesehen?

© NDR/Pier 53
Albanien gilt als "Sicheres Herkunftsland". Deswegen wurde die Familie von Elidor abgeschoben.
Anfangs habe ich dieses Jahr 2015 als etwas unglaublich Gutes empfunden. Man muss sich vor Augen halten, dass wir 2015 im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Welt auf einmal Millionen von Menschen hatten, die auf die Straße gegangen sind und helfen wollten. Dieses Bürgerengagement hätte ich von einem Land wie Deutschland so gar nicht erwartet.

Nur dann ist gegen Ende 2015 die Stimmung gekippt. Dann kam das Rollback: Die Gesetze wurden verschärft und eine Bewegung am rechten Rand der Republik konnte sich in der Gesellschaft verankern.

Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. 2015 ist für mich persönlich ein sehr umstrittenes Jahr.


Der Vater von Elidor hat in Albanien einen Mann getötet, bei einem Handgemenge. Dafür wurde er zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch die Familie des Toten hat Blutrache geschworen. Darum schweben Elidor und sein Bruder in ihrer Heimat in akuter Lebensgefahr.  © NDR/Pier 53 Der Vater von Elidor hat in Albanien einen Mann getötet, bei einem Handgemenge. Dafür wurde er zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch die Familie des Toten hat Blutrache geschworen. Darum schweben Elidor und sein Bruder in ihrer Heimat in akuter Lebensgefahr.
Das steht sogar im Urteil des albanischen Gerichtes. Als einziger Ausweg blieb der Familie die Flucht ins Ausland. Nach der Abschiebung in Albanien können sie nicht in ihr Dorf zurück. Auch ihre Verwandten schicken sie weiter, aus Angst vor Rache.  © NDR/Pier 53 Das steht sogar im Urteil des albanischen Gerichtes. Als einziger Ausweg blieb der Familie die Flucht ins Ausland. Nach der Abschiebung in Albanien können sie nicht in ihr Dorf zurück. Auch ihre Verwandten schicken sie weiter, aus Angst vor Rache.

Welche nächsten Projekte gehen Sie an?

Im Moment arbeiten wir gerade an zwei Filmen: Einmal thematisieren wir die Wiederkehr der Atomkraft in "Atomkraft Reloaded". Im anderen Kinodokumentarfilm geht es um Globalisierung und Ausbeutung am Beispiel eines Plastikstuhls.

Ich glaube, für uns als Filmemacher ist es gerade wichtig, dass wir das Thema "Flucht und Migration" vorübergehend zur Seite legen. Da darf es, finde ich, keinen Automatismus geben, der von einem Film zum nächsten führt. Das ist bei jedem Projekt ein Neuanfang, immer wieder.


Sendedaten
Freitag, 20.April, 20.15 Uhr

Protokoll einer Abschiebung

Ein Film von Hauke Wendler

Info
© ndrHauke Wendler

Im Jahr 2006 gründete der Journalist und Filmemacher Hauke Wendler gemeinsam mitCarsten Rau die Pier 53 Filmproduktion in Hamburg.Gemeinsam realisierten sie zahlreiche,teils preisgekrönte Dokumentationen und Reportagen, meist zu den Themen "Flucht und Migration".

2011 gaben sie ihr Kinodebüt mit demDokumentarfilm "Wadim". Das tragische Schicksaleines jungen Letten, der als Kind nach Deutschlandkam, mit 18 Jahren abgeschoben wurde und sich nacheiner Odyssee durch Europa das Leben nahm.

Im März 2017 ist seine Dokumentation "Protokoll einer Abschiebung" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden.
(Foto: Regisseur Hauke Wendler (links) mit seinem Team auf der Verleihung des Grimme-Preis 2017.)

Info
© ndrFakten und Zahlen zur Abschiebung

Sobald ein Asylantrag in Deutschland abgelehnt wird, ist der Betroffene "ausreisepflichtig". 2017 hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in mehr als 600.000 Fällen über Asylanträge entschieden. Bei mehr als 230.000 hatte die Behörde geurteilt, dass kein Recht auf Asyl vorliege. Allerdings sind davon mehr als 160.000 Menschen vorübergehend in Deutschland "geduldet".

Fast 24.000 abgelehnte Asylsuchende wurden laut Bundesministerium des Innern im vergangenen Jahr aus Deutschland abgeschoben. Die meisten in Nordrhein-Weistfalen (6.308), gefolgt von Baden-Württemberg (3.438) und Bayern (3.282).

Im Februar 2017 veröffentlichte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken die Kosten für einzelne Zwangsrückführungen. So kostete die Abschiebung eines Kameruners knapp 71.000 Euro. Der Transport eines Algeriers, der nach Bulgarien zurückgeschoben wurde, belief sich auf 21.105 Euro. Ein mit drei abgelehnten Asylbewerbern besetztes Flugzeug nach Bangladesch wurde für 220.632 Euro gemietet. (Abschiebungen 2016)

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