© dpa/akg-images
Der Eingang zu Pompeji von der Via Marina.
Pompeji
Der letzte Tag
Der Ausbruch des Vesuvs 79 nach Christus war verheerend. Zwei Eruptionen beendeten das Leben in den römischen Städten Pompeji und Herculaneum schlagartig und endgültig. Aus heutiger Sicht ist diese Katastrophe ein Glücksfall für die Archäologie.
Von Sven Gummich und Tobias Aufmkolk

Denn der Vulkanausbruch konservierte das römische Alltagsleben der beiden Städte wie eine zeitlich unverfälschte Momentaufnahme für die Nachwelt.

In der Antike galt Pompeji als eine wohlhabende Stadt. Auf einer kleinen Hochebene etwa zehn Kilometer südlich des Vesuv gelegen, bot sich den Bewohnern ein reizvoller Blick auf den Golf von Neapel. Vor den Toren der festungsartigen Stadtmauer mündete der Fluss Sarno ins Meer.


© dpa/bildagentur-online
Das Amphitheater von Pompeji.
Hier war ein geschäftiger Hafen entstanden, in den regelmäßig Schiffe aus Griechenland, Spanien, Nordafrika und dem Nahen Osten einliefen. Papyrus, Gewürze, Trockenobst und Keramik wurden gegen Wein, Getreide und die bekannte, teure Fischsoße Garum aus der Region getauscht.

Pompeji dehnte sich über eine Fläche von etwa 60 Hektar aus. Die Straßen bildeten dabei das typisch antike Gitternetz. Die gesamte Stadt wurde von einer Mauer mit acht Toren und elf Wachtürmen umgeben. Neben der Sicherheit wurde viel Wert auf Luxus gelegt.

Ein Theater und die Stabianischen Bäder sorgten für Kurzweil der reicheren Bürger. Eine Basilika (römische Prachthalle) diente zugleich als Börse und Gerichtshof. Unweit davon fand sich das Forum (zentraler Platz einer Stadt in der Antike) mit dem Jupitertempel. Eine große Sportanlage war von Säulenhallen und schattigen Platanen umgeben, ein Schwimmbad versprach den Athleten Abkühlung.


Eine Bäckerei mit Ofen und Mahlsteinen. © ndr Eine Bäckerei mit Ofen und Mahlsteinen.
Ein Kind, erstickt im Aschenregen. Die Körperform wurde später mit Gips ausgegossen. © ndr Ein Kind, erstickt im Aschenregen. Die Körperform wurde später mit Gips ausgegossen.

Lebensbedingungen im Pompeji

Die meisten Einwohner Pompejis lebten jedoch in beengten Verhältnissen. Meist bewohnten sie eine Ein- oder Zweizimmerwohnung über einem Laden. Da es weder Herde noch fließendes Wasser gab, kaufte man sein Essen in einer öffentlichen Garküche, einer Art Imbiss der Antike. Das Wasser wurde an öffentlichen Brunnen geholt, die es an jeder Straßenecke gab.

In Pompeji gab es aber auch zahlreiche wohlhabende Bürger. Dokumentiert ist dies durch Ausgrabungen größerer Häuser und Paläste. Ein Beispiel ist das Haus der Vettier. Es ist heute vollständig ausgegraben. Die beiden Kaufleute Vettius Restitutus und Aulus Vettius Convivus müssen auch für heutige Verhältnisse eine Riesensumme für die Ausschmückung ausgegeben haben.

Das Gebäude ist in zwei Hälften aufgeteilt und wird durch einen Garten mit überdachtem Säulengang – einem sogenannten Perystil – verbunden. Mehr als die Architektur beeindrucken aber die Gemälde. Sie stammen vorwiegend aus der Zeit nach dem großen Erdbeben, das die Region 62 nach Christus erschütterte, und bilden eine Pinakothek – in der Antike der Raum des Hauses, in dem Tafelbilder aufbewahrt wurden.


Der große Ausbruch

Es gab zahlreiche Warnzeichen. Dennoch kam der Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 nach Christus für viele überraschend. Schwarzer Rauch zog in Richtung Stadt, der Himmel verdunkelte sich, und es begann Asche und Bimsstein zu regnen. Panik griff um sich. Einige flohen, andere suchten Schutz in ihren Häusern. Etwa ein Drittel der Bevölkerung kam bei dieser Eruption ums Leben. Die Menschen erstickten oder wurden durch herabfallendes Gestein erschlagen.

Noch verheerender war der zweite Ausbruch am nächsten Tag. Lavamassen drangen in die Häuser ein. Es gab kaum ein Entkommen. Der größte Teil der Opfer wurde bei dem zweiten Ausbruch am 25. August getötet. Von den 20.000 Einwohnern wurden später etwa 2.000 gefunden. Deshalb gehen die Wissenschaftler davon aus, dass viele Menschen noch flüchten und somit überleben konnten. Die Stadt aber wurde verschüttet und geriet für Jahrhunderte in Vergessenheit.


Römische Wandmalereien aus Pompeji: Porträt eines Paares. © dpa/akg-images Römische Wandmalereien aus Pompeji: Porträt eines Paares.
Die griechische Dichter Sappho. © dpa/akg-images Die griechische Dichter Sappho.

Pompeji wird geplündert

Das Wissen um die Städte Pompeji und Herculaneum war nach der Katastrophe 79 nach Christus verloren gegangen. Erst in der Renaissance wurde man auf vereinzelte Funde am Fuß des Vesuvs aufmerksam.

Die Beschreibungen des Archäologen Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) entfachten einen regelrechten Antikeboom. Wer etwas auf sich hielt und es finanzieren konnte, fuhr nach Pompeji, um sich die frühen Ausgrabungen anzusehen. Dabei wurde eher willkürlich nach einzelnen Fundobjekten gewühlt als systematisch gegraben.

War eine Stelle vielversprechend, wurden Löcher gegraben. Anschließend wurden davon ausgehend waagerechte Schächte in das Lavagestein getrieben. Vieles wurde dabei zerstört. Vor allem aber war ein Objekt später selten seinem Fundort zuzuordnen. Das, was für eine Sammlung als wertvoll erachtet wurde, nahm man mit, anderes wurde zerstört. Dabei scheute man sich nicht, ganze Wandgemälde von den Mauern zu lösen und wegzuschaffen.

Erst unter Giuseppe Fiorelli änderten sich die Bedingungen. Bis zu Fiorellis Arbeiten waren die Ausgrabungen in Pompeji eine recht exklusive Angelegenheit. Nur Prominente und gesellschaftlich Hochgestellte konnten sie besuchen. Giuseppe Fiorelli öffnete Teile der Ausgrabungen für die gesamte Öffentlichkeit.


Pompeji wird geplündert

"Cave Canem" - Hüte dich vor dem Hund. © dpa/akg-images "Cave Canem" - Hüte dich vor dem Hund.
 Venus in der Muschel.  © dpa/akg-images Venus in der Muschel.

Rekonstruktion des Tagesablaufs

© NDR/BBC
Der Gärbereibesitzer und seine Sklavin werden bei einem heimlichen Treffen vom Ausbruch überrascht. (Spielszene).
Der Film liefert eine Rekonstruktion des dramatischen Geschehens vom ersten Ausbruch des Vulkans bis zur Zerstörung Pompejis.

Die Dokumentation erhält ihre Struktur durch den Tagesablauf verschiedener Bewohner der Stadt, die in Spielszenen durch Schauspieler nachgestellt werden.
Einige Schicksale lassen sich historisch rekonstruieren, anderes bleibt Spekulation. Die Inszenierung stützt sich aber auf wissenschaftliche Erkenntnisse, wie zum Beispiel Fundstücke, die man in den Ruinen der Stadt ausgegraben hat.


Sendedaten
Sonntag, 15. April, 14.25 Uhr

Pompeji - Der letzte Tag
Ein Film von Michael Mosley, Ailsa Orr und Peter Nicholson

Info
© ndrGiuseppe Fiorelli
Im 19. Jahrhundert erkannte der italienische Monarch Vittorio Emmanuele II. (1820-1878) die Bedeutung der römischen Vergangenheit für Italien. Er setzte sich als erster für eine systematische Forschung ein und berief Giuseppe Fiorelli (1823-1896) zum Leiter der Ausgrabung der antiken Stadt Pompeji.

Von Anfang an bemühte sich der Archäologe Fiorelli darum, Ordnung in die bisher chaotischen Ausgrabungsversuche zu bringen. Er begann, das Gestein horizontal Schicht für Schicht abzutragen. So konnte er ganze Häuser ans Tageslicht bringen und einen Plan der gesamten Stadt rekonstruieren.

Dazu gehörte vor allem eine lückenlose Dokumentation der Fundobjekte, die er mit genauem Fundort und Datum versah und in einem ausführlichen Tagebuch beschrieb. Die meisten Funde beließ Fiorelli an Ort und Stelle. Einmal ausgegraben, versuchte er die Häuser vor Wetter und Dreck zu schützen.

Durch seinen Ordnungssinn und die vorsichtigen Grabungen hat Fiorelli der Nachwelt ein einzigartiges Zeugnis antiker Stadtkultur hinterlassen.

3sat-Thementag
Supermächte der Geschichte
Einst herrschten sie über die Welt. In ihrem Selbstverständnis waren sie die größte Macht auf der Erde: die Supermächte. Sie hatten Einfluss auf Sprache, Kultur, Politik, Religion und Technologie. In fast 20 Dokumentationen, Reportage und Spielfilmen widmet sich der 3sat-Thementag den Großreichen, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit eine Reihe von Parallelen aufweisen.
Dokumentation
Wilder Planet (1/4): Vulkane
Vulkane sind faszinierend: Ein eben noch friedlicher Berg verwandelt sich zum todbringenden Feuerspucker. Vulkanasche verdunkelt den Himmel, und rotglühende Lava bahnt sich ihren Weg.
Wertewandel
Im Alten Rom hingen explizite Sex-Darstellungen noch ganz selbstverständlich in Wohnräumen. Die Haltung zur Pornographie änderte sich erst unter Einfluss der Kirche.
Pop around the clock 2018
David Gilmour
Im Juli 2016 gibt Gitarrenvirtuose David Gilmour zwei umjubelte Konzerte im Amphitheater von Pompeji am Fuße des Vesuvs, 45 Jahre nach den Dreharbeiten zum Pink-Floyd-Film "Live at Pompeii".