© ARD/Sandra Demmelhuber
Die steinernen Bodenplatten am Geschwister-Scholl-Platz in München erinnern an die führenden Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose".
Die steinernen Bodenplatten am Geschwister-Scholl-Platz in München erinnern an die führenden Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose".
„Das Gesetz ändert sich, das Gewissen nicht"
Die letzten Flugblätter der "Weißen Rose"
Vor 75 Jahren, am 18. Februar 1943, wurden führende Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" nach einer Flugblattaktion an der Münchner Universität verhaftet und vier Tage später hingerichtet. Unter ihnen Sophie und Hans Scholl. Die Geschwister gelten heute als wichtigste Persönlichkeiten im deutschen Widerstand gegen das totalitäre NS-Regime.
Von Sandra Demmelhuber

„So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln“, so lauten die vielzitierten letzten Aufzeichnungen von Sophie Magdalena Scholl, niedergeschrieben am 22. Februar 1943 - am Tage ihrer Hinrichtung.

Der Scharfrichter Johann Reichhart sagte später, er habe noch nie jemanden so tapfer sterben sehen wie Sophie Scholl. Wie aus dem Vernehmungsprotokoll der Gestapo ersichtlich wurde, hat die 21-jährige Studentin bis zuletzt niemanden verraten und die anderen Mitglieder der "Weißen Rose" geschützt, indem sie sich und ihren Bruder Hans als die Hauptakteure der Widerstandsbewegung darstellte.


Der Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Hier teilen Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 ihre letzten Flugblätter aus. © ARD/Sandra Demmelhuber Der Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Hier teilen Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 ihre letzten Flugblätter aus.
Als sie schon am Hinterausgang sind, kehrt Sophie noch einmal um und wirft den zuvor abgelegten Stapel Blätter über die obere Balustrade.  © ARD/Sandra Demmelhuber Als sie schon am Hinterausgang sind, kehrt Sophie noch einmal um und wirft den zuvor abgelegten Stapel Blätter über die obere Balustrade.

Erste Zweifel, während die anderen mitlaufen

Sophie und Hans Scholl stammen aus einer kinderreichen Familie aus Baden Württemberg. Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und Musik ist ein selbstverständlicher Teil ihrer Kindheit. So berufen sie sich auch in ihren späteren Flugschriften immer wieder auf humanistische Ideale und christliche Grundwerte.

Als ab Dezember 1936 alle Jugendlichen durch das Reichsjugendgesetz in der Hitlerjugend zusammengefasst werden, wird auch Hans Scholl Hitlerjugend-Führer. Doch während die anderen den "Führer" verehren, kommen den Geschwistern früh erste Zweifel. Zufällig haben sie von einer Bekannten der Mutter von dem Euthanasie-Programm der Nazis erfahren, sie wissen bald auch von der Verfolgung jüdischer Familien aus der näheren Umgebung. "Wir waren einfach zu gescheit, dem ganzen entwachsen. Wir waren den meisten überlegen, die uns vorgesetzt waren", erinnert sich Sophie Scholls ehemalige Freundin Susanne Zeller-Hirzel in einem Interview.

Der anfängliche Zweifel wird bald zur Rebellion. Schließlich fliegen Sophie und ihre Schwestern aus der "Hitlerjugend", sie sind wohl zu kritisch. Die Mutter sagt, dass sie Angst habe, Sophie könne die Familie ins Unglück stürzen - sie rede immer zu offen.


Vision von einem geeinten Europa

Als Hans dann in München studieren darf, geht auch Sophie nach Bayern. Sie schreibt sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München für die Fächer Biologie und Philosophie ein, in den Semesterferien muss sie in der Rüstungsproduktion in einem Ulmer Betrieb arbeiten.

Hans, der Medizin studiert, lernt den Kommilitonen Alexander Schmorell kennen. Sie verstehen sich auf Anhieb, haben gleiche Ideale und Visionen. Später kommen noch Christoph Probst und die Geschwister Willi und Anneliese Graf dazu. Ein politisch engagierter Freundeskreis, der bald zu einer aktiven Widerstandsgruppe wird.

Im Sommer 1942 verfassen Alexander Schmorell und Hans Scholl vier "Flugblätter der Weißen Rose". Dank zahlreicher Unterstützer drucken und verschicken sie die Blätter auch per Post an Intellektuelle rund um München, auch Hans' jüngere Schwester Sophie hilft mit. Nach und nach weitet die "Weiße Rose" ihren Widerstand aus. Die Gruppe druckt in immer höheren Auflagen, die Flugschriften gelangen nach Köln, Stuttgart, Berlin und Wien.

Im fünften Flugblatt fordert Hans Scholl das Ende des Krieges. Und er entwickelt eine Vision: ein demokratisches Deutschland in einem geeinten Europa. Es ist genau das, was heute noch so fasziniert an diesen Schriften: zum einen die Sprache, die Tatsache, dass in einer Diktatur das Verbotene so schonungslos ausgesprochen wird - und dann dieser Mut. Mitten im Krieg.

Im Dezember 1942 ziehen die Mitglieder der "Weißen Rose" Professor Kurt Huber ins Vertrauen. Er verfasst das sechste und letzte Flugblatt: ein Aufruf zum Aufstand der Jugend gegen Hitlers Diktatur, Huber fordert die Studenten auf, das NS-Regime zu stürzen und ein "neues geistiges Europa" zu errichten".

Was die Widerstandsgruppe nicht weiß: Zu diesem Zeitpunkt vermutet die Gestapo die Autoren der Flugblätter bereits in Münchner Studentenkreisen, denn auch auf Hauswänden und am Gebäude der Universität sind Parolen wie "Freiheit!" und "Nieder mit Hitler!" zu lesen. Bereits im Sommer 1942 leitete sie Untersuchungen zu den Flugblättern der "Weißen Rose" ein, die als „staatsfeindliche Aktion“ gesehen wurden. Die Nachforschungen bleiben aber zunächst erfolglos und werden eingestellt. Ab Ende Januar setzt die Gestapo wegen der erneut verteilten Flugblätter eine Sonderkommission in München ein.


Das steinerne Bodendenkmal vor dem Hauteingang der Universität zeigt Flugblätter, Porträtfotos und einen Abschiedsbrief von Willi Graf. © ARD/Sandra Demmelhuber Das steinerne Bodendenkmal vor dem Hauteingang der Universität zeigt Flugblätter, Porträtfotos und einen Abschiedsbrief von Willi Graf.
Rechts ein Portrait von Hans Scholl. Seit 1988 gehören die Bodenplatten vor dem Haupteingang zum Wahrzeichen der Universität München.  © ARD/Sandra Demmelhuber Rechts ein Portrait von Hans Scholl. Seit 1988 gehören die Bodenplatten vor dem Haupteingang zum Wahrzeichen der Universität München.

Das letzte Flugblatt

Am 18. Februar 1943 verteilen Sophie und Hans Scholl ein letztes Mal Flugblätter an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. In ihren Taschen befinden sich etwa 1.700 Seiten. Als sie schon beim Hinterausgang an der Amalienstraße sind, kehrt Sophie gegen 11.15 Uhr noch einmal um und versetzt dem zuvor an der obersten Brüstung ausgelegten Stapel (siehe Foto oben) einen Stoß. Die Flugblätter fliegen vom zweiten Stock in den Lichthof der Universität.

Der Hausmeister Jakob Schmid sieht die Aktion zufällig - und verrät die Geschwister.

Unter den Freunden von Hans und Sophie, die noch am 18. Februar 1943 von der Gestapo verhaftet werden, sind auch die Geschwister Willi und Anneliese Graf. Hans Scholl hat bei seiner Festnahme einen Flugblattentwurf von Christoph Probst bei sich, so dass auch dieser zwei Tage später festgenommen wird. Die Gestapo lässt im gesamten Deutschen Reich weitere Mitglieder der "Weißen Rose" verhaften. Familienangehörige kommen in "Sippenhaft".

Nur vier Tage später, am 22. Februar 1943, werden Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst vom Volksgerichtshof unter der Leitung von Roland Freisler zum Tode verurteilt und noch am selben Tag im Gefängnis München-Stadelheim von Scharfrichter Johann Reichhart hingerichtet.

Kurt Huber, Willi Graf und Alexander Schmorell werden am 19. April 1943 in einem zweiten Prozess vor dem Volksgerichtshof ebenfalls zum Tode verurteilt. Kurt Huber und Alexander Schmorell sterben am 13. Juli 1943 im Gefängnis München-Stadelheim, die Hinrichtung Willi Grafs erfolgt am 12. Oktober 1943, nachdem die Gestapo über Monate hinweg versucht hat, aus Willi Graf weitere Namen aus dem weiteren Umfeld der Widerstandsgruppe herauszupressen.


Man habe ja nur „seine Pflicht getan“

Die Gräber von Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst befinden sich auf dem Friedhof am Perlacher Forst in München.

Durch Helmuth James Graf von Moltke, Begründer der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis, gelangte das letzte Flugblatt nach Großbritannien. Im Herbst 1943 wurde es dort nachgedruckt, von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen und durch den Sender BBC verbreitet.

Jakob Schmid, der die beiden Geschwister an der Universität stellte, erhielt eine Belohnung von 3.000 Reichsmark. Bei einer von der Universität ausgerichteten Dankesfeier zur erfolgreichen Zerschlagung der "Weißen Rose" (siehe Infokasten rechts) sollen ihm hunderte Studenten zugejubelt haben. Schmid soll dies stehend mit dem ausgestreckten rechten Arm entgegengenommen haben.

Am 30. April 1945 begeht Hitler Selbstmord. Am 8. Mai ist der Krieg zu Ende. Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation.

Drei Tage später wurde Jakob Schmid von den US-Amerikanern verhaftet und von der Münchner Spruchkammer zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Er verlor auch seinen Anspruch auf öffentliche Bezüge. Schmid legte dagegen zweimal erfolglos Berufung ein. Seine Begründung: er habe lediglich seine Pflicht getan.


Sendungsbezug
Sonntag, 18. Februar 2018, 10.05 Uhr

Sophie Scholl - allen Gewalten zum Trotz

Ein Film von Marieke Schroeder und Ulrich Chaussy

Mediathek
© BR Goldkind Film Juergen OlzcykVideoDie Dokumentation "Sophie Scholl - allen Gewalten zum Trotz" ist eine Woche lang in der 3sat-Mediathek abrufbar.
Die Geschwister Scholl
© ARD Sandra DemmelhuberSophie Scholl wurde 1921 geboren, ihr älterer Bruder Hans 1918. Zusammen mit vier weiteren Geschwistern wuchsen sie in Baden-Württemberg auf.
Die Geschwister Scholl waren Gründungsmitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Nach einer Flugblattaktion gegen den Krieg und die Herrschaft des NS-Regimes wurden sie am 18. Februar 1943 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und vier Tage später, am 22.2.1943, hingerichtet.
"Weiße Rose"
© ARD Sandra DemmelhuberLupeDie studentische Widerstandsgruppe "Weiße Rose" entstand ab Juni 1942 in München.
Hauptgründer waren Hans Scholl und Alexander Schmorell, beide Medizin-Studenten. Im Winter desselben Jahres wurde die Gruppe um Sophie Scholl, Christoph Probst und Willi Graf erweitert. Zudem gab es ein größeres Umfeld von weiteren Mitarbeitern und Unterstützern.
Ende 1942 suchte die Gruppe den Kontakt zu Professor Kurt Huber, den sie bereits aus Philosophie-Vorlesungen und privaten Zusammenkünften der Regimegegner kannten. Gemeinsam verfassten Schmorell, Hans Scholl und Kurt Huber im Januar 1943 das fünfte Flugblatt „Aufruf an alle Deutschen!“
Die "Weiße Rose" schrieb auch Parolen wie "Nieder mit Hitler" und "Freiheit" an Hauswände und an die Universität.
Die Herkunft des Namens "Weiße Rose" – abgeleitet von der Überschrift Weiße Rose über den ersten vier Flugblättern der Gruppe – ist ungeklärt. Nach seiner Verhaftung am 18. Februar 1943 gab Hans Scholl an, den Namen „willkürlich gewählt“ zu haben.
Durch die Enthauptung ihrer führenden Mitglieder wurde die Gruppe im Frühjahr 1943 zerschlagen.
Der zweite Prozess
© ARD Sandra DemmelhuberLupeAm 13. Juli 1943 wurden nach dem zweiten Prozess die Todesurteile gegen Professor Kurt Huber und Alexander Schmoren, im Oktober das Urteil gegen Willi Graf vollstreckt.
Ebenfalls angeklagt waren im zweiten Prozess Hans und Susanne Hirzel, Franz Müller, Hans Guter, Eugen Grimminger, Dr. Heinrich Bollinger, Helmut Bauer, Dr. Falk Harnack, Gisela Schertling, Katharina Schüddekopf und Traute Lafrenz. Die Haftstrafen fielen unterschiedlich hoch aus: Eugen Grimminger wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, Heinrich Bollinger und Helmut Bauer zu jeweils sieben Jahren, Hans Hirzel und Franz Müller zu jeweils fünf Jahren, Hans Guter zu achtzehn Monaten. Gisela Schertling, Katharina Schüddekopf und Traute Lafrenz wurden zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, Susanne Hirzel zu sechs Monaten. Falk Harnack wurde freigesprochen.
Hans Hirzel und Susanne Hirzel wurden vergleichsweise mild verurteilt, weil sie aus einer "vorbildlichen" kinderreichen Familie stammten. Nach Ansicht des Gerichts wurden die sie von den Geschwistern Scholl verführt.
Erinnerung
© Adam JonesNach 1945 wurden in zahlreichen deutschen Städten Schulen, Straßen und Plätze nach den Geschwistern Scholl benannt. Mit deutschlandweit fast 600 Straßennamen sind sie die Personen, die am häufigsten gemeinsam in einem Straßennamen erscheinen.
Eine von der Studierendenvertretung an der LMU München angeregte Umbenennung der Universität in „Geschwister-Scholl-Universität“ wurde von der Universitätsleitung abgelehnt. Am ehemaligen Wohnhaus der Geschwister an der Franz-Joseph-Straße 13 in München befindet sich seit 1968 eine Gedenktafel.