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Mehr als eine Million Tote, die meisten von ihnen Juden: Mit dieser unfassbaren Zahl wurde Auschwitz weltweit zum Symbol für den Holocaust.
Pizza in Auschwitz
Dani Chanoch hat fünf Konzentrationslager, einen Todesmarsch und drei Herzinfarkte überlebt. Eine letzte große Reise soll ihn nun noch einmal zu den Schauplätzen seiner Vergangenheit führen. Begleitet wird er dabei von seinen beiden Kindern und dem israelischen Filmemacher Moshe Zimerman.
Dani Chanoch, ein aus Litauen stammender Jude, war zehn Jahre alt, als er in ein jüdisches Ghetto kam. Nur ein Jahr später wurde er mit einem Kindertransport nach Auschwitz-Birkenau gebracht und überlebte nur deshalb, weil er im Lager arbeiten konnte: er sammelte Kleider von denjenigen ein, die sie nicht mehr brauchten.

Es dauerte viele Jahre, bis Dani Chanoch seine beiden mittlerweile erwachsenen Kinder, Tochter Miriam und Sohn Sagi, überzeugen konnte, mit ihm auf diese Reise durch Osteuropa zu gehen und noch einmal die Orte seiner verlorenen Kindheit aufzusuchen.

Sechs Tage, vier Länder, eine Fahrt von Lager zu Lager - aber auch zurück in sein altes Heimatdorf in Litauen, das "Märchenland seiner Kindheit".

Der Dokumentarfilm "Pizza in Auschwitz" begleitet Dani auf dieser vielleicht wichtigsten Reise seines Lebens.


Es dauert lange, bis der Auschwitz-Überlebende Dani (r.) seine Kinder dazu bewegen kann, gemeinsam mit ihm diese Reise zu machen. Tochter Miri (l.) erklärt, dass sie dem Holocaust lieber nicht in die Augen sehen möchte. © WDR Es dauert lange, bis der Auschwitz-Überlebende Dani (r.) seine Kinder dazu bewegen kann, gemeinsam mit ihm diese Reise zu machen. Tochter Miri (l.) erklärt, dass sie dem Holocaust lieber nicht in die Augen sehen möchte.
Dani (l.) und Sohn Sagi (r.) in Auschwitz, dem ehemaligen Vernichtungslager der Nazis in Polen. Dani besucht noch einmal  die Stätten seiner Kindheitstraumata, Sohn Sagi wünscht sich nur ein "normales Leben".  © WDR Dani (l.) und Sohn Sagi (r.) in Auschwitz, dem ehemaligen Vernichtungslager der Nazis in Polen. Dani besucht noch einmal die Stätten seiner Kindheitstraumata, Sohn Sagi wünscht sich nur ein "normales Leben".

Die Sommer einer kurzen Kindheit

Pizza in Auschwitz? Ungewöhnlich ist nicht nur der Titel bzw. die Tatsache, dass Dani tatsächlich in seiner ehemaligen Baracke Pizza isst. Irritierend ist vor allem der selbsterklärte Höhepunkt der Reise: Dani will noch einmal eine Nacht in der ehemaligen Baracke in Auschwitz verbringen: Nummer 10, Lager A.

Zuvor kommen sie in die litauische Kleinstadt seiner Kindheit. Spuren der früheren jüdischen Bewohner gibt es dort kaum noch, dafür aber Hakenkreuze an den Hauswänden. Irgendwo stehen sie an einem Fluss, dort, so der Vater, habe er die Sommer seiner kurzen Kindheit verbracht. Wie viele ältere Israelis aus Europa spricht auch er von den wilden Beeren, Pilzen und dichten Wäldern aus der Kindheit. Das sind die wenigen schönen Erinnerungen, von denen er den beiden Kindern auch manchmal erzählt hat. "Ich glaube, mein Leben hier war das beste, was man haben kann."


"Ich habe sie besiegt!"

Doch dieser Ort ruft auch andere Erinnerungen wach: An einer Kreuzung etwa, nur wenige Kilometer von dem Fluss entfernt, hat er die Eltern zum letzten Mal gesehen. Von hier ging es für sie auf die letzte Reise. Das Ende einer unbeschwerten Kindheit.

Was bleibt, wenn man in solch eine Zeit hineingeboren wird? Wenn der Wahn des Zeitgeistes das eigene Leben auf so grausame Weise prägt?
Sichtbar ist heute noch die Nummer auf dem Unterarm - B2823. Der Film zeigt aber noch etwas ganz anderes: Dani ist ein zutiefst gebrochener Mensch. Die Erfahrungen des Holocaust haben sein Leben und Verhalten unwiderruflich geprägt, auch das seiner Kinder.

"So viel, wie wir als kleine Kinder vom Holocaust wussten - das muss nicht sein. Wenn es klopft, habe ich immer noch Angst, es ist die SS", erzählt Miriam. Geschichten, mit denen viele Kinder der sogenannten "Ersten Generation" aufwachsen mussten.

Der Vater hingegen lacht nur, alles findet er irgendwie lustig. Vielleicht seine ganz eigene Bewältigungsstrategie. Warum Weinen? "Es ist unser Pflicht, weiterzumachen". Das Erlebte wird bei Dani zu einer verklärten Holocaust-Nostalgie, sogar dann noch, als er davon erzählt, wie er der Selektion gerade noch entkommen konnte. Er sei es ja gewesen, der sie besiegt habe - nicht umgekehrt.


Wunsch nach einem normalen Leben

Vor der Geburt des Bruders sprach der Vater allerdings nie über den Holocaust. Danach fing er an zu reden - und hörte nie mehr auf. Miriam träumte von gelben Judensternen und sprang über elektrische Zäune, doch der Vater tröstete das Kind immer nur: "Keine Angst, Du bist so blond, Du würdest jede Selektion überstehen."

Sohn Sagi hingegen wirkt auf der Reise verschlossen und nachdenklich, hält sich oft raus, wenn Tochter und Vater wieder einmal aneinander geraten. "Ich glaube, das Beste, was wir uns wünschen wollen, ist ein normales Leben. Alles ist so kompliziert und wir sind zusammen darin gefangen. Die Shoah ist in unseren Genen. Dieselben Augen, die das alles gesehen haben, haben auch mich angeschaut und gelächelt."


Pizza in Auschwitz

Je näher sie dem ehemaligen Konzentrationslager in Auschwitz kommen, desto angespannter ist der Vater: "Leute, wir müssen um zwei in Auschwitz sein", ruft er seinen Kindern nervös zu. "Keine Sorge", entgegnet ihm seine Tochter trocken, "in Auschwitz sind Juden immer willkommen".
Manchmal scheint es, als verbinde die beiden nur ihr ähnlicher Humor.

"Es ist das erste Mal, dass ich auf der Pritsche Pizza esse. Was für ein Witz!" Während sie in der Baracke, in der der Vater mit seinen beiden Kindern übernachten will, eine Pizza essen, kommt es zur unvermeidlichen und vielleicht längst überfälligen Konfrontation: "Ich kann Euch nicht verstehen, weder Eure Sorgen noch Eure Wünsche" schreit er die Tochter wütend an.

Und auch bei Miriam liegen nach so vielen Jahren die Nerven blank. Hier, am Ort des Geschehens, kann sie dann doch das loswerden, was sie schon so lange belastet: "Wie lange willst Du Dich noch im alldem suhlen? Das hört doch nie auf! Ich kenne niemanden, der die Nacht in Birkenau verbringt! Wir haben unsere Dosis Holocaust gehabt, genug fürs Leben!".


"Niemand kann den Holocaust überleben"

Später sagt Miriam, dass sie bei ihrer Rückkehr nach Israel das Gefühl hatte, dass ihr etwas folgte. "Als ich mich umdrehte, sah ich den Holocaust mit uns aussteigen. Er sah müde und zerknittert aus.Moshe hatte wohl recht als er sagte: Niemand kann den Holocaust überleben."

Sendedaten
Dienstag, 30. Januar 2018, 23.45 Uhr

Pizza in Auschwitz

Ein Film von Moshe Zimerman

3sat-Thema
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Info
Moshe Zimerman
Der israelische Filmemacher Moshe Zimerman ist selbst Kind von Holocaustüberlebenden.

Seine Dokumentation "Pizza in Auschwitz" gewann unter anderem 2008 den Preis der Jugendjury der Filmschule beim "Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm" (DOK Leipzig), den "Golden Dragon" beim "Krakowski Festiwal Filmowy" 2009 und den Grand Prix "Bester langer Dokumentarfilm" beim "Berdyansk International Film Festival" 2009.

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