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Kronprinz Naruhito spielt auf der Viola bei einem Konzert des Gakushuin OB Orchestra in Tokio.
Kronprinz Naruhito spielt auf der Viola bei einem Konzert des Gakushuin OB Orchestra in Tokio.
Die Leidenschaft der Japaner zur klassischen Musik
Wer an Japan und seine Musik denkt, denkt vielleicht an die großen Taiko-Trommeln oder die zarte Langhalslaute "Shamisen". Doch Fakt ist, dass seit mehr als 150 Jahren die Werke von Beethoven, Bach, Schubert oder Brahms wesentlich gegenwärtiger sind als die japanische Tradition. Der Grund dafür ist in seiner Geschichte zu finden.
© dpa Musizieren auf traditionellen Instrumenten ist in Japan eher selten.
Musizieren auf traditionellen Instrumenten ist in Japan eher selten.
Von Alexia Späth

Seit der Landesöffnung der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) fand in Japan langsam eine "Verwestlichung" der traditionellen Lebenswelt, Sichtweisen und Hörgewohnheiten statt.

Zuvor war Japan durch die Shogun-Herrschaft mehr als 250 Jahre absichtlich völlig abgeschottet. Als der letzte Shogun gestürzt wurde und der japanische Kaiser die Macht übernahm, begann damit auch die Auflösung der Traditionen in allen Bereichen: Frauen und Männer kleideten sich westlich, Studenten wurden zur Ausbildung nach Europa oder in die USA geschickt. Statt Kabuki besuchte man nun Ballett- oder Opernaufführungen.

Diese Verwestlichung wurde nicht von außen aufgezwungen. Vielmehr war es die Absicht der japanischen Politik, mit dem Westen gesellschaftlich und vor allem politisch gleich zu ziehen. Die Musik wurde ein Teil davon.

"Das westliche Musiksystem wurde im Zuge der allgemeinen Modernisierung des Landes planmäßig und in vollem Umfang in die japanische Kultur integriert. Die eigene traditionelle Musik erschien zu sehr mit der alten feudalistischen Ordnung und ihren sozialen Klassen verknüpft und daher ungeeignet, in einem modernen Staat als 'nationale', von allen Bevölkerungsschichten akzeptierte Musik zu dienen." (Heinz-Dieter Reese, Japanologe)


Klassische Musik fürs Bürgertum

© Yamaha Torakusu Yamaha. Gründer des Yamaha-Firmenkonzerns.
Torakusu Yamaha. Gründer des Yamaha-Firmenkonzerns.
Auch wirtschaftlich gab es Veränderungen: Als Torakusu Yamaha 1887 ein Harmonium reparieren sollte, welches es zum ersten Mal in seinem Leben kennenlernte, war er von seinem Klang und Mechanik so begeistert, dass er versuchte, es nachzubauen.

Er gründete eine Firma und schon 1900 stellte sie die ersten Pianos her, 1902 folgten Flügel. Von der Konkurrenz lange Zeit müde belächelt, war die Geschäftsidee genial: Die Massenproduktion von Yamaha Corporation erlaubte es ihm, den Preis niedrig zu halten.

Damit begann der Siegeszug des Klaviers in der sich neu bildenden japanischen Mittelschicht. Denn der westliche Modernisierungsschub in der Meiji-Zeit, die Wandlung in eine moderne Industrienation, hat auch der Bevölkerung zu einem besseren Lebensstandard verholfen. Der Besitz eines Klaviers gehörte dazu.

Und welche Stücke übte man fleißig? Natürlich westliche Musikstücke.


Deutschland, Japan und Beethoven

Seit der Öffnung zum Westen, hatte Japan vor allem ausgerechnet Deutschland als sein zukünftiges Vorbild ausgewählt: Das Justizsystems, der Philosophie und der Medizin vor allem in der Musik. So komponierte ein Deutscher, der Kapellmeister Franz Eckert, die Musik zur Japans Nationalhymne.

Doch fast könnte man behaupten, Beethovens Neunte Symphonie mit dem Schlußchor aus Schillers Ode "An die Freude" ist Japans heimliche Hymne. Den Zahlen nach wird die "Daikyu" in keinem Land der Welt öfter aufgeführt als in Japan. Jedes Jahresende häufen sich die Konzerte und die Chöre werden immer größer. Der größte, mit über 10.000 Freizeitsängern, tritt jedes Jahr in Osaka auf.

Eigentlich weiß keiner, warum zum Jahreswechsel ausgerechnet immer wieder Beethovens Neunte gespielt wird. Doch es gibt eine rührende Legende.


"Starke Liebe zur klassischen Musik"

Deutsche Soldaten aus der früheren Kaiser-Kolonie Tsingtau saßen Ende 1918 als Kriegsgefangene in einem japanischen Lager. Der Krieg in Europa war zwar vorüber, sie aber waren noch eingesperrt – und das auch an Weihnachten. Da beschlossen die Gefangenen, unter ihnen ein ehemaliger Musiklehrer, deutsche Weihnachten zu feiern - mit Beethovens Ode "An die Freude".

Die Darbietung vor dem Wachpersonal wurde ein gefeierter Erfolg: Die Kriegsgefangenen sollen sogar vorzeitig nach Deutschland entlassen worden sein.

Das allerdings ist nicht belegt – aber es ist eine Geschichte, wie sie viele Japaner lieben.

Natürlich hat sich seitdem viel in der japanischen Musiklandschaft geändert. Musiker komponieren selbstbewusst westliche Musik, haben aber auch ihre japanischen Wurzeln wiederentdeckt. Doch die "starke Liebe zur klassischen Musik", wie es der Stardirigent Mariss Jansons formulierte, ist weiterhin geblieben.


3sat-Reihe
Mariss Jansons zum 75. Geburtstag
Ein Porträt
© BRDer Chefdirigent des Symphonieorchesters und Chors des Bayerischen Rundfunks kann auf mehr als sieben Jahrzehnte Musik zurückblicken: Am 14. Januar feiert er seinen 75. Geburtstag.
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