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Sind Tools zur Anonymisierung gut oder böse?
Darknet - Fluch oder Segen?
Es ist eine dunkle Welt: das Darknet - Tummelplatz für Drogendealer, Waffenhändler und Kinderschänder. Es ist aber auch Zufluchtsort für Journalisten, Whistleblower und politisch Verfolgte in vielen Ländern der Welt.
Jeder kann Teil des Tor-Netzwerkes werden. Das kleine Programm, das sich überall herunterladen lässt, ist in wenigen Sekunden auf dem heimischen PC installiert. Ab diesem Zeitpunkt kann man mit einem speziellen Browser, der eine Zwiebel als Icon hat, vollkommen anonym surfen.

Darknet - das Ghetto des Internets?
© dpa Drogen sind wahrscheinlich eine der am meisten gehandelten Waren im Darknet
Drogen sind wahrscheinlich eine der am meisten gehandelten Waren im Darknet
Keine Webseite wird dem User Vorschläge machen können, welches Produkt zu dem passt, welches man als letztes gekauft oder gegoogelt hat. Keine Internetseite kann den Standort und die Netzwerkadresse (IP) ermitteln, an dem sich der PC befindet. Das Browsen ist mit dem Zwiebelbrowser etwas langsamer, macht aber irgendwie ein gutes Gefühl. Man hat den Datenkraken wie NSA, Google und Apple eins ausgewischt. Alle Seiten des Internets lassen sich mit dem Zwiebelbrowser aufrufen, aber auch ein Teil, der mit normalen Browsern nicht zu erreichen ist. Dieses Darknet ist der Sitz des Bösen. Hier finden sich Kinderpornografie und Waffen, hier lassen sich Auftragsmorde kaufen und Drogen aller Art bestellen. Es ist das "Ghetto des Internets" - so verkünden es die Strafverfolgungsbehörden und eine Vielzahl von Medien im Einklang.

© dpa Morde, Waffen und geklaute Identitäten - alles soll sich im Darknet kaufen lassen.
Morde, Waffen und geklaute Identitäten - alles soll sich im Darknet kaufen lassen.
Was ist dieses Darknet? Und ist es tatsächlich ein Tummelplatz von Pädophilen, Drogensüchtigen und Kriminellen? Das kommt drauf an, wen man fragt. Einige ältere Internetpioniere, wie Jamie Bartlett sehen im Darknet so etwas wie eine Fortschreibung älterer Dienste: Diese halböffentlichen Bereiche des Internets habe es immer schon gegeben. Früher haben sich "Drogenaffine" im sogenannten USENET getroffen Tipps und Bezugsquellen ausgetauscht. Illegale Downloads fand man in Filesharing-Netzwerken und Pädophile waren in geschlossenen Chats unterwegs.

Da diese Infrastruktur nach und nach seit den 2000er Jahren in den Fokus der Behörden und Rechteinhabern geriet, und eine Rückverfolgung teilweise recht leicht war, suchte sich die Szene eine andere Bleibe. Das Tor/Onion-Netzwerk war dafür ideal, denn die IP-Adresse und somit die Identität des Benutzers bleibt prinzipiell geheim. Selbst mit großem technischen Aufwand ist das Netzwerk gegen Ablauschversuche der Behörden und Firmen relativ sicher.


Ein Ebay für Drogen und Waffen
©  © NDR/Sebastian Isacu, Daniel Moßbrucker,  Journalist und Security-Trainer für Journalisten
Daniel Moßbrucker, Journalist und Security-Trainer für Journalisten
So haben sich innerhalb des Netzwerkes einige Marktplätze für illegale Wahren und Dienstleistungen angesiedelt. Tatsächlich werden hier Waffen, harte und weiche Drogen angeboten. Die Marktplätze sollen die Vermittler zwischen Verkäufer und Einkäufer sein. Ähnlich wie Ebay sorgen sie dafür, dass der Käufer die Ware und der Verkäufer das Geld in Form von Bitcoins erhält. Sogar ein Bewertungssystem zum Kennzeichnen der Zuverlässigkeit gibt es.

Doch da die Betreiber natürlich auch anonym agieren, kann man nicht sicher sein, dass das Geld bei den Verkäufern landet oder mit diesem unter einer Decke stecken. Die Fälle in dem man für die Bitcoins keine Gegenleistung erhielt, sind nicht dokumentiert. Eine Strafanzeige gegen seinen vermeintlichen Dealer wäre ja sinnlos. Einige Experten gehen davon aus, dass jede dritte Transaktion nicht funktioniert – zugeben wolle das keiner. "Wer zu dumm ist, im Darknet Drogen zu kaufen, sollte keine nehmen", höhnt ein Youtuber.

Hinzu kommt, dass die Strafverfolgungsbehörden natürlich auch im Darknet aktiv sind. Sie bieten zum Beispiel Drogen und Waffen an, und wenn ein Kunde eine Adresse für die Zustellung angibt, schlagen sie zu. Häufig überwachen Sicherheitsbehörden auch Briefkästen oder Postämter. Auch als Testkäufer agieren die verdeckten Ermittler und hoffen, dass der Verkäufer Informationen über sich preisgibt, die zu seiner Ermittlung führen. In manchen Fällen konnten sich die vermeintlichen Verkäufer sogar bei den Betreibern der Handelsplattform einschleichen und gerieten so an die Daten aller Verkäufer und Käufer.


Die Polizei hackt Plattformbetreiber im Darknet
© NDR/Daniel Mossbrucker Journalistin Annette Dittert (Mitte) trifft auf die Crypto-Anarchisten Smuggler (li.) und Frank Braun (re.).
Journalistin Annette Dittert (Mitte) trifft auf die Crypto-Anarchisten Smuggler (li.) und Frank Braun (re.).
Die Kontrolle über die technische Infrastruktur zu erlangen, ist sicherlich der effektivste Weg. Haben die Behörden den Server oder den PC des Verkäufers, können sie alle Adressen der Kunden auslesen. Europäische und amerikanische Behörden haben zum Beispiel einem Betreiber einer Plattform ein manipuliertes Bild oder Video gesendet, das dessen PC kompromittierte und seine Internetadresse preisgab. Das sind eigentlich Techniken, die Hacker anwenden, um den PC eines unbedarften Nutzers zu übernehmen. Aber auch Technikprofis sind dagegen nicht immun. Auch die Bitcoins, sollten sie wieder in echtes Geld umgetauscht werden, können unter gewissen Umständen mit einer Zahlung im Internet in Verbindung gebracht werden. Vor allem bei sexueller Ausbeutung von Kindern betreiben die Behörden einen sehr großen Aufwand, um die Täter zu schnappen.

Keine Anonymität ist auch keine Lösung
© NDR/Daniel Mossbrucker Annette Dittert (re.) bekommt von Hans-Jürgen Schmidt vom Zollfahndungsamt Frankfurt gezeigt, welche Waffen die Ermittler bei Darknet-Verkäufen sichergestellt haben.
Annette Dittert (re.) bekommt von Hans-Jürgen Schmidt vom Zollfahndungsamt Frankfurt gezeigt, welche Waffen die Ermittler bei Darknet-Verkäufen sichergestellt haben.
Doch der anscheinend rechtsfreie Raum des Darknets ist für die Mehrzahl der Nutzer ein Segen. Netzaktivisten, Menschenrechtler, Oppositionelle und Journalisten in Diktaturen können hier für ihre Aussagen und Hinweise nicht belangt werden. Menschen in China, denen es verboten ist Facebook zu nutzen, können mit "The Onion Router" (TOR) trotzdem posten. Die Demonstranten in Syrien, dem Iran, Ägypten und Libyen nutzten ebenfalls TOR. Der Whistleblower Edward Snowden nutzte TOR und ohne das Netzwerk wäre ihm die NSA - bei der Kontaktaufnahme zu Journalisten - sicherlich gleich auf die Schliche gekommen.

Das Tor-Netzwerk ist eben nicht mit dem kriminellen "Darknet" gleichzusetzen. Laut Informatiker Moritz Bartl, einem großen Verfechter der Anonymität im Internet, nutzen etwa zwei Millionen Menschen am Tag die Zwiebel-Infrastruktur - die meisten allerdings nur, um geschützt vor der Neugier Dritter im offenen Internet zu surfen. Nicht einmal vier Prozent des Datenverkehrs betreffen die oft anstößigen versteckten Dienste.


© NDR/Daniel Mossbrucker Annette Ditetrt (re.) trifft auf einem Hacker-Kongress in Prag den britischen Autoren Jamie Bartlett (li.), der sich seit Jahren mit dem Darknet beschäftigt.
Annette Ditetrt (re.) trifft auf einem Hacker-Kongress in Prag den britischen Autoren Jamie Bartlett (li.), der sich seit Jahren mit dem Darknet beschäftigt.
Doch auch wenn die Behörden in vielen Ländern die Kriminalität im Darknet erfolgreich bekämpfen, gleicht es einer Sisyphusarbeit. Der illegale Handel, so hat es den Anschein, blüht weiterhin, den Ermittlungserfolgen zum Trotz. Agora, die größte Plattform, bietet mit gut 13 000 Drogenangeboten ein vielseitiges Sortiment. Doch so sicher wie das "Amen" in der Kirche sind auch hier schon eine Reihe von Ermittlern den Betreibern auf den Fersen. Denn rechtsfrei ist kein Raum im Internet, denn inzwischen greifen von Urheberschutz über Betäubungsmittelgesetz und Strafrecht alle Rechtsnormen im Internet. Nur deren Durchsetzung gestaltet sich im virtuellen Raum schwierig. Doch spätestens, wenn das Päckchen mit dem Haschisch in der Post ist, kommen ganz reale Beamte mit Drogenspürhunden zum Zug.

Sehen Sie am Freitag, 8. September 2017, 20.15 Uhr einen Film von Annette Dittert und Daniel Moßbrucker. In dem Film "Das Darknet - Eine Reise in die digitale Unterwelt" kommen Drogen- oder Waffenhändler, BKA-Ermittler, Hacker oder Journalisten zu Wort und nehmen uns mit auf eine Reise in die digitale Unterwelt.


Sendedaten
"Das Darknet - Eine Reise in die digitale Unterwelt"
Freitag, 8. September 2017, 20.15 Uhr
Info
FAQ: Was versteht man unter "Darknet"?
Glossar
Das Darknet
Kinderpornografie, Drogenhandel und Waffenkäufe - so kennen viele das "Darknet". Doch der Teil des Webs, der nicht von Suchmaschinen erfasst wird, hat nicht nur Schattenseiten.
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