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Trash: "Sharknado" - aus einem Tornado greifen lebendige, fliegende Haie an.
Trash: "Sharknado" - aus einem Tornado greifen lebendige, fliegende Haie an.
"Das ist doch nichts, wofür ich mich schämen muss"
Keyvan Sarkhosh erklärt, was das Besondere am Trashfilm ist
Der Filmwissenschaftler Dr. Keyvan Sarkhosh von Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik hat untersucht, warum sich überweigend erwachsene Männer genüsslich schlechte Filme ansehen. Die Lust auf Filmen mit lausigen Schauspielern, hanebüchender Handlung, miesen Special Effects und bescheidener Kulisse wächst seit einigen Jahren. In einer empirischen Studie hat Dr. Sarkhosh Menschen befragt, die Trashfilme mögen, und erstaunliches herausgefunden: zum Beispiel, dass Trashfilm-Fans überdurchschnittlich gebildet sind.
3sat-online: Wir zeigen am Sonntag unter anderem den Film "Der weiße Hai in Venedig". Er hat im Internet durchweg schlechten Bewertungen. Ein User bezeichnen ihn als "den schlechtesten Haifilm aller Zeiten" und warnt dringend davor, seine Zeit so zu vergeuden. Nur ein Bewerter wundert sich, warum der Film keinen Oscar bekommen hat. Ironie ist ein wesentlicher Aspekt bei der Rezeption solcher Machwerke?

Sarkhosh: Definitiv! Das war auch der Grund, weswegen ich mich in meiner Befragung auf Personen konzentiert habe, die solche Filme gewohnheitsmäßig und gezielt schauen. Die sich schon im klaren sind, dass es schlechte Filme sind, und trotzdem diese Filme gerne anschauen. Es ging um die Frage, was die Leute an solchen Filmen finden, was sie fasziniert.


© ARD "'Der weisse Hai in Venedig' ist definitiv DER mieseste Hai-Filme aller Zeiten"
"'Der weisse Hai in Venedig' ist definitiv DER mieseste Hai-Filme aller Zeiten"
3sat-online: Und was ist das?

Sarkhosh: Das sind ganz unterschiedliche Aspekte. Zum einen sind diese Filme komplett anders. Sie lassen sich nicht den herkömmlichen Kategorien des Standardfilms oder "Mainstreams" fassen. Das sind Filme, die sind billig – alleine schon vom Budget. Sie sind auch billig gemacht. Man merkt eben, dass hier drittklassige Schauspieler am Werk sind, oder Leute, die sich erstmals als Schauspieler versuchen. Manchmal sind es aber auch ehemalige Stars, die schon längst über ihren Zenit hinaus sind – so wie Stephen Baldwin in "Der weiße Hai in Venedig". Es sind auch Filme, bei denen die Kulisse nach Pappmaché aussieht. Die Special Effekts sind zum Teil peinlich-schlecht. Die Dialoge sind schlecht geschrieben und die Handlung ist hanebüchen – es gibt lauter logische Löcher. Und trotzdem sind diese Filme interessant, weil sie vom Erwartbaren abweichen.

© ARD Angriff aus der Tiefe
Angriff aus der Tiefe
Die Studie hat gezeigt: Ein wichtiger Grund, warum sich Leute Trashfilme ansehen, ist, dass diese Filme etwas nicht Erwartbares bieten. Viele Zuschauer sind mit dem, was standardmäßig in der Film- und Fernsehlandschaft produziert wird, sehr unzufrieden. Diese Zuschauer sagen: Es gibt nur noch sich selbst reproduzierendes Hollywoodkino, nur noch Blockbusterkiono, nur noch Superhelden-Verfilmungen, nur noch Commic-Adaptionen aus dem Marvel- und DC-Universum, und wir haben nur noch Reboots und Recycles.

Das Ganze ist eben erwartbar und stark auf eine möglichst intensive kommerzielle Auswertung angelegt. In Trashfilmen lässt sich dagegen etwas entdecken, was man so nicht erwartet. Es sind Filme, bei denen man sich auf ein Risiko einlassen muss – man weiß eben nicht, was man geboten bekommt. Es sind Filme, die sehr viel rauer und direkter sind als das Mainstreamkino. Wir haben es hier auch nicht selten mit expliziten Darstellungen von Sex und Gewalt zu tun. Was auf einem basalen Level natürlich seine Reize ausüben kann. Und es sind Filme, die – manchmal ungewollt, manchmal gewollt – eine Ästhetik aufweisen, die sehr viel näher an dem Begriff eines avantgardistischen Kunstkinos dran ist als am Mainstream-Film.


© dpa Edward D. Wood Jr., der gerne Frauenkleider trug, 1953
Edward D. Wood Jr., der gerne Frauenkleider trug, 1953
3sat-online: Der Trashfilm ist ja kein neues Phänomen. Schon in den 50er Jahren drehte zum Beispiel Ed Wood, "der schlechteste Regisseur aller Zeiten", unfreiwillig Trashfilme. Seit einiger Zeit werden aber absichtlich Streifen produziert, die mit dem Trash-Image sogar werben, so wie "Sharnado". Können Sie die Entwicklung des Trashfilms nacherzählen.

Sarkhosh: Das ist weniger eine Entwicklung. Ich würde sagen, es gibt unterschiedliche Formen von Trash. Es gibt sicherlich den klassischen Fall "Ed Wood" und auf der anderen Seite den Film "Sharknado". Beide Fälle haben sich auch in der Studie dokumentiert. Die Teilnehmer wurden gebeten Filmtitel zu nennen, die sie mit dem Begriff 'Trash' assoziieren. Sharknado wurde tatsächlich am häufigsten genannt, vielleicht auch weil wir die Daten im Jahr 2014 erhoben haben, und das war der Höhepunkt des Sharknado-Hypes. Aber ganz dicht folgte "Plan 9 from Outer Space" – der Klassiker von Ed Wood. Das sind zwei sehr unterschiedliche Filme. Ed Wood ist in der Tat nicht mit der Absicht angetreten, einen schlechten Film zu produzieren. Er hat sich wahrscheinlich für einen sehr guten Regisseur gehalten. Sein Problem war, er hatte weder die finanziellen Mittel noch die künstlerischen Fähigkeiten, den Film zu produzieren. Er ist unfreiwillig gescheitert. Im Nachhinein wurden die Filme kanonisiert – in einer Art negativem Kanonisierungsprozess. Obwohl es sehr schlechte Filme sind, wurden sie filmgeschichtlich und aus der Perspektive der Fans geadelt.


© ARD Stephen Baldwin (r.) in "Der weiße Hai in Venedig"
Stephen Baldwin (r.) in "Der weiße Hai in Venedig"
Das andere sind Filme wie "Sharknado" oder auch "Der weiße Hai in Venedig", die schon recht bewusst in diese Richtung produziert wurden, um vielleicht eine gewisse ästhetische Bewegung oder mehr noch sogar einen sich verfestigenden Markt abzudecken. Es sind auch schlechte Filme, aber dahinter stecken Macher, die haben gemekt, sie kommen mit so was bei gewissen Zuschauern gut an und man kann das auch sehr genau bedienen. Man nimmt einfach bestimmte Muster, zum Beispiel "Haie" in irgendeiner Konstellation – sei es in den Kanälen von Venedig oder dass sie aus einem Wirbelsturm herausgeschleudert werden. Diese absurde Kombination verbindet man mit schlechten Schauspielern und billigen CGI-Effekten. Das ist die Rezeptur, die derzeit funktioniert. Das kann man gut an dem Hype rund um die „Sharknado“-Filme herum beobachten.

Doch bei den ganz eingefleischten Trashfilm-Fans, das kam man zum Teil aus den Diskussionen in Foren im Internet ablesen, kommen dermaßen bewusst produzierte Trashfilme oft nicht so gut an wie die zum Beispiel von Ed Wood.


© ARD/DEGETO "Orca, der Killerwal"
"Orca, der Killerwal"
3sat-online: Um einen etwas weiteren Bogen zu spannen. Die Filme mit Themen, die jenseits unserer Lebenswirklichkeit liegen, nehmen seit den 1990er Jahren stark zu. Fantastische und abstruse Settings werden von den Zuschauern kaum noch kritisch hinterfragt. Hat vielleicht auch das Erstarken des Trashfilms etwas damit zu tun?

Sarkhosh: Ich weiß nicht, ob er direkt einen Anteil daran hat. Aber wir haben in den letzten Jahren natürlich eine Bewegung hin zu einem deutlich eskapistischen Kino. Das politische und sozialrealistische Kino dagegen hat’s derzeit schwierig. Auf der anderen Seite, das darf man nicht vergessen, ist das sozialrealistische Kino eine stark europäisch geprägte Strömung gewesen. Aber der Kinomarkt wird global durch das Hollywoodkino dominiert. Und Hollywood war schon immer eine Traumfabrik – es war immer schon ein Kino, das überwiegend in eine eskapistische Richtung gegangen ist. Das will ich gar nicht bewerten. Das ist ein Teil der Institution Kino. Das Gleiche gilt natürlich auch in gewisser Wiese auch für Trashfilme, die immer in einer negativen Relation zum Mainstream stehen. Das sind natürlich Filme, die sich nicht mit dem Mainstream messen lassen können, sich aber immer irgendwie daran anlehnen. Und gewisse Wellen des Hollywoodkinos werden im Trash wieder aufgenommen. Insofern ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass wir im Moment ganz starke Bewegungen in Richtung des eskapistischen Kinos haben.

3sat-online: Der Trash ist in den letzten Jahren aber salonfähig geworden. Liegt das auch an den Filmen von Quentin Tarantino?


© ARD "Orca, der Killerwal": Richard Harris und  Charlotte Rampling.
"Orca, der Killerwal": Richard Harris und Charlotte Rampling.
Sarkhosh: Absolut, das ist ein Befund, den ich teilen würde. So wie ich das nachvollziehen kann, kam es infolge des "Grindehouse“-Double Features von Tarantino und Robert Rodriguez zu einer Rückbesinnung und Medien-Archeologie der Hinterhof- und Bahnhofkinos und dazugehöriger Fimlformen wie dem Schund- oder Trashfilms, oder auch des Blaxploitation-Films. Die Diskussion drehte sich um eine Amalgamierung von einerseits sehr avancierten, postmodernen ästhetischen und narrativen Strategien und andererseits Sujets, Handlungsmustern und einer Ästhetik, die sehr stark mit einer Form des populären Kinos verbunden wird, die in die Richtung von Trash und Expoitation geht. Viele sagen, Tarentino hat das auf eine kongeniale Art verbunden und dadurch etwas Zusätzliches geschaffen – eine neue Ästhetik, ein Hybrid. Im Gefolge dieser Diskussionen in der Filmkritik und der Feuilletons gab es nicht nur ein wachsendes wissenschaftliches Interesse an den marginalen Formen wie dem Trash, sondern das Genre wurde geadelt.

Ich glaube aber, es kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu. Dieser hat etwas mit dem Generationenwissen zu tun. Wir dürfen nicht vergessen, dass in den Feuilletons und der Filmkritik eine Generation herangewachsen ist, die zum Teil mit solchen Filmen groß wurde. Eben mit solchen ursprünglichen Trashfilmen, die in den Videotheken in den Regalen standen und von Jugendlichen mit einer Art heimlichen Vergnügen ausgeliehen wurden. Diese Filme verursachten auf der einen Seite Schuldgefühle, denn die meisten Eltern werden das kaum erlaubt haben. Gleichzeitig übten die billigen Horrorfilme aber natürlich eine großen Faszination aus. Als Jugendliche konsumiert man solche Filme wohl auch aufgrund des Reizpotenzials von Sex und Gewalt.

Als erwachsener 30- oder 40-Jähriger spielt dann eine gewisse Mediennostalgie eine Rolle. Man erinnert sich gerne an diese Filme zurück. Trashfilme haben diese Generation schon geprägt. Heute weiß man am ehesten, dass diese Filme schlecht waren, aber man weiß auch, dass diese Filme einen gewissen Charme haben. Und auch die Patina macht diese Filme heute reizvoll. Dieser Leuchtturmeffekt von Quentin Tarantino und der Generationeneffekt spielen bei der Rezeption dieser Filme eine große Rolle. Und dadurch haben natürlich solche Filme eine gewisse Dignität und Breitenwirksamkeit erlangt, die dazu führt, dass sich selbst Leute, die sich mit dem Thema nicht professionell auseinandersetzen, guten Gewissen sagen können, das ist doch nichts, wofür ich mich schämen muss.


© dpa  "Plan 9 from Outer Space"
"Plan 9 from Outer Space"
3sat-online: Wenn Sie abschließend noch eine kurze Empfehlung geben könnten, welche drei Trashfilme man unbedingt gesehen haben sollte.

Sarkhosh: Definitiv würde ich "Plan 9 from Outer Space" empfehlen. Dieser Film ist einfach kanonisch. Dieser Film ist unglaublich stümperhaft. Aber er ist auch charmant, und es gehört zum guten filmhistorischen Wissen dazu, diesen Film zu kennen.

Um mitreden zu können, sollte man sich durchaus auch einen Film aus der aktuellen Haifischwelle ansehen. Der einschlägige Film wäre da "Scharknado" – damit macht man nichts falsch.

Als persönliche Empfehlung hätte ich einen dystopischen Film aus den 1970ern, den ich unglaublich charmant finde: "Rabbits" – oder im englischen Original "Night of the Lepus". In den Film mutieren Kaninchen zu menschenfressenden Bestien und greifen eine ländliche Gemeinde an. Mit Janet Leigh, die mit dem Hitchcock-Klassiker "Psycho" berühmt wurde, und DeForest Kelley, dem Dr. McCoy aus "Raumschiff Enterprise", spielen sogar relativ bekannte Schauspieler mit. Der Film war aber natürlich zum Scheitern verurteilt, weil Kaninchen nun einmal süße Tiere sind und es auch bleiben – der Film funktioniert einfach nicht, ist aber vielleicht deswegen sehenswert.


Sendedaten
Trashfilme in 3sat:
In der Nacht von Sonntag, 20. auf Montag den 21. August 2017

0.25 Uhr: Orca, der Killerwal - Spielfilm, USA 1977
1.55 Uhr: Angriff aus der Tiefe - Spielfilm, Italien 1977
3.30 Uhr: Der weiße Hai in Venedig - Spielfilm, USA 2008
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Dr. Keyvan Sarkhosh beim Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (Foto: Dorothee Rietz)
Bewertung eines Internetusers
"Der weisse Hai in Venedig" aus dem Jahr 2008, ist definitiv DER mieseste Hai-Filme aller Zeiten! Es gibt viele schlechte Hai-Filme aber das hier schlägt dem Fass den Boden aus."
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