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Video: "Die Sekte der Folterer" (45 Min.)Video: "Die Sekte der Folterer" (45 Min.)
Die Kinder der "Colonia Dignidad" - spanisch für "Kolonie Würde" - im Jahr 1961. Es war ein Ort des Grauens.
Diplomaten ohne Moral
Das Auswärtige Amt und die Verbrechen der "Colonia Dignidad"
Die Staatsanwaltschaft Bonn hatte Paul Schäfer im Visier: Er hätte zwei ihm anvertraute Jungen vergewaltigt, so der Vorwurf. Schäfer setzte sich nach Chile ab und gründete dort eine Sekte. Seit 1967 wusste das Auswärtige Amt, wo sich der Gesuchte aufhielt. Die deutsche Botschaft ignorierte über Jahrzehnte sein Schreckensregime in der "Colonia Dignidad". Eine Geschichte von Diplomaten, denen die moralische Orientierung verloren ging.
Der Deutsche Heinz Schmidt hatte es geschafft, aus der Hölle der "Colonia Dignidad" in Chile zu fliehen. Dort wurden Kinder vom Gründer der Kolonie und anderen führenden Sektenmitgliedern regelmäßig gezüchtigt und sexuell missbraucht.

Erschreckende Zustände hinter der Fassade deutscher Tugenden
© SWR Im ehemaligen Folterkeller ist heute eine Schreinerei.
Im ehemaligen Folterkeller ist heute eine Schreinerei.
Die Kinder der etwa 250 deutschen Sektenmitglieder durften nicht mit ihren Eltern in Familien zusammenleben. Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen lebten in streng getrennten Gruppen. Die Kinder wussten oft nicht, wer ihre Eltern waren und ob sie Geschwister hatten. Im sogenannten Krankenhaus wurden die Mitglieder der Sekte mit Elektroschocks und Psychopharmaka gefügig gemacht. Durch ein perfides System von körperlichem und seelischem Zwang, Erpressung und religiöser Gehirnwäsche behandelte sie der Siedlungschef wie Leibeigene. Wer zu fliehen versuchte, den erwarteten drakonische Strafen. Nur wenigen gelang es, aus der Kolonie zu fliehen: Das Grundstück war mit Überwachungstechnik bestückt, mit in den Boden eingelassenen Signaldrähten, Mikrofonen und Kameras.

Botschaft entließ Opfer in die Arme ihrer Peiniger
© SWR Alpenidylle am Fuße der Anden.
Alpenidylle am Fuße der Anden.
Gegründet wurde die Kolonie des Schreckens 1961 von Paul Schäfer als freikirchliche deutsche Mustersiedlung in Chile. Schäfer war wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit ca. 150 Mitgliedern der Gruppe nach Chile geflohen. Deutsche Diplomaten leugneten jahrelang die schweren Menschenrechtsverletzungen, vertuschten die entsetzlichen Zustände und schickten geflohene Sektenmitglieder sogar zurück, wie den 23-jährigen Heinz Schmidt, der es geschafft hatte sich bis in die deutsche Botschaft in Santiago de Chile durchzuschlagen. Er wurde vom Botschaftspersonal überredet, sich mit seinen Adoptiveltern zu treffen. Diese zwangen ihn in die "Colonia Dignidad" mitzukommen. Er wurde im Hospital der Sekte mit dauerhafter Medikamentierung von Psychopharmaka ruhig gestellt - mehrere Jahre lang, bis er ein seelisches Wrack war.

"Dem deutschem Ansehen abträglich"
© SWR Villa Baviera heißt die "Colonia Dignidad" heute.
Villa Baviera heißt die "Colonia Dignidad" heute.
Viele Angehörige hatten sich jahrelang an das Auswärtige Amt und an die deutsche Botschaft gewannt, dass ihre Kinder, Geschwister oder Ehepartner in der Kolonie gefangen gehalten würden. Auch Siedler der "Colonia Dignidad" schaffte es, an die Botschaft zu schreiben und die Briefe aus dem Lager herausschmuggeln zu lassen. Doch die Botschaft reagierte nicht und ersann Strategien den "Behauptungen entgegenzutreten, die deutschem Ansehen abträglich seien" (aus einem Fernschreiben vom 20.4.1966). Dass in der Kolonie etwas nicht stimmte, das musste eigentlich jedem in der deutschen Botschaft klar gewesen sein.

"Nein, der Umgang mit der "Colonia Dignidad" ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes", sagte der damalige Steinmeier auf einer Veranstaltung im April 2016 in Berlin. Deutsche Diplomaten hätten "über viele Jahre hinweg bestenfalls weggeschaut". Das Auswärtige Amt und die Botschaft hätten in Zeiten der Diktatur von Augusto Pinochet die Orientierung verloren, kommentierte der Minister die Vorgänge.


Hinter den Kulissen unterstütze die Botschaft die Kolonie
Der Putsch des chilenischen Militärs 1973 jedoch ließ die Probleme der Kolonie in den Hintergrund treten. Sektenführer Paul Schäfer hatte gute Kontakte zur rechtsextremen Gruppierung "Patria y Libertad" und unterstützte den Putsch des chilenischen Militärs mit Waffen und Munition. Während der Militärdiktatur wurde die Kolonie zu einer Operationsbasis des Pinochet-Geheimdienstes und sogar zu einem Folterzentrum für den Geheimdienst und stand unter dem Schutz des Diktators. Politische Gefangene sollen in der Kolonie sogar mit Giftgas ermordet worden sein. An einem Hügel in unmittelbarer Nähe der Siedlung wurden nach 1977 politische Gefangene in großer Zahl ermordet.

Anfang 1977 schrecke die Zeitschrift "Stern" und Amnesty International die Öffentlichkeit mit Erkenntnissen über die Umtriebe in den Folterkellern in der Colonia auf. Doch das Auswärtige Amt hielt wiederum die Füße still und unterrichtete ihren Chef, Bundesaußenminister Hans Dietrich Genscher wieder besseren Wissens: "die Existenz eines Haftlagers oder Folterzentrums im Bereich der 'Colonia Dignidad' erscheint zweifelhaft." Nach außen bemühte man sich um Zurückhaltung und vermied Stellungnahmen zu den Foltervorwürfen, die ja schnell hätten widerlegt werden können. Doch hinter den Kulissen unterstütze man die Kolonie, sogar gegenüber amerikanischen Regierungsvertretern, denen die Machenschaften der Deutschen im Exil suspekt waren.


Massenmörder Pinochet besser als Likes Regime?
Vor allem der deutsche Botschafter Erich Strätling, ein persönlicher Freund von Sektenführer Paul Schäfer, trat hier unrühmlich in Erscheinung. "Offenbar folgte die Botschaft einem Reflex, dass hier Deutsche kritisiert wurden und dass das nicht angehe. Hinweise auf Mord und Folter in Chile waren Attacken gegen die Pinochet-Diktatur, die aber kamen von links und waren deshalb zurückzuweisen," schreibt Dieter Maier in einem lesenswerten Artikel (Links) nach einer Akteneinsicht im Auswärtigen Amt in Berlin. Das Amt folgte damit vermutlich seiner Strategie, das der Massenmörder Pinochet einer kommunistischen Regierung vorzuziehen ist.

Nachdem 1984 zwei Familien die Flucht aus der Kolonie gelang, zerbricht das Netzwerk um die Colonia. Die Bundespolitik distanziert sich erstmals öffentlich von der Colonia und 1985 ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft. 1990 endet die Diktatur in Chile und 1996 tauchte Paul Schäfer unter, wurde 2005 in Argentinien festgenommen, nach Chile ausgeliefert und kam ins Gefängnis, wo er an einem Herzleiden stirbt.

Schäfers Stellvertreter, 2006 in Chile verurteilt, floh nach Deutschland. Dort lebt er bis jetzt. Unbehelligt, obwohl die Staatsanwaltschaft Krefeld beantragt hat, seine chilenische Strafe in Deutschland zu vollziehen.


Deutsche Gemütlichkeit, wo früher geprügelt wurde: Das Zippelhaus. © SWR Deutsche Gemütlichkeit, wo früher geprügelt wurde: Das Zippelhaus.
Erika Tymm führt Besucher durch die Villa Baviera. © SWR Erika Tymm führt Besucher durch die Villa Baviera.
Colonia Dignidad - Die Zäune des Lages stehen noch. © SWR Colonia Dignidad - Die Zäune des Lages stehen noch.
Eingang der Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad © dpa Eingang der Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad

Sendedaten
Die Sekte der Folterer

Freitag, 11. August 2017, 20.15 Uhr
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