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Verbrechen wie am Fließband: Pathologie in Südafrika.
Auf der Suche nach dem Verbrecher-Gen
Welche Rolle spielen die Gene bei Serienkillern?
Eine neue Runde der Diskussion über "Vererbung" versus "Erfahrung" ist eingeläutet. Wissenschaftler finden viele Belege, dass unser genetischer Gehirnbauplan auch unser Verhalten bestimmt. Werden wir bald Täter herausdeuten können, bevor sie die Tat überhaupt begangen haben?
In Chicago arbeitet Helen Morissen seit 30 Jahren als forensische Psychologin und Profilerin. Morissen ist eine Koryphäe auf ihrem Gebiet.

© SWR/Belle Epoque Film, Helen Morissen
Helen Morissen
Sie versucht zu verstehen, was Serienmörder zu ihren grausamen Verbrechen treibt. Man(n) wird als Serienmörder geboren, davon ist sie überzeugt. Der Sitz des Bösen befindet sich im Gehirn der Täter, geformt durch die Gene. Erziehung, Elternhaus, Traumatisierung durch Gewalt oder Vergewaltigungen in der Kindheit – all das spielt keine Rolle, sag sie. Morissen ist auf der Suche nach dem "Killergen", das Serienmörder haben sollen - und in den USA ist sie damit nicht alleine.

"Impulsiv-reaktive Aggressoren" - Autos ohne Bremse
© SWR/Belle Epoque Film, Physiognomie des Verbrechens
Physiognomie des Verbrechens
Schon lange kennt die Wissenschaft eine besondere Gruppe von schweren Gewaltverbrechern: Menschen mit gravierenden Hirnschäden. Untersucht man die Gehirne von extremen Gewalttätern mittels bildgebender Verfahren, so ist auffällig, dass Männer mit einem angeschlagenen "Präfrontalen Cortex" (also einer Verletzung des Stirnhirns) impulsiv und aggressiv sind. Die Tätergruppe rastet schnell aus und tötet dann wie im Rausch: "Impulsiv-reaktive Aggressoren" nennen sie die Kriminologen. Die Emotion Wut, so die Neurowissenschaft, kommt aus den tiefen, evolutionär alten Teilen des Gehirns. Der "Präfrontale Cortex" ist für die Impulskontrolle zuständig. Eine Verletzung dieser Gehirnregion kann ihre Funktion anscheinend einschränken. Sie sind wie Autos ohne Bremse, sagen die Hirnforscher.

"Hannibal Lecter" - Prototyp des psychopathischen Sadisten
© SWR/Belle Epoque Film, Der Polizist und Profiler Gérard Laburschagne
Der Polizist und Profiler Gérard Laburschagne
Ihnen gegenüber steht die Tätergruppe "provokativ-aggressiver Gewalttäter". Sie fallen durch ein planendes, sehr analytisches, manipulierendes und kaltblütiges Vorgehen auf. Zum Beispiel Vergewaltiger, die einen gebrochenen Arm vortäuschen, damit sie auf Frauen weniger bedrohlich wirken. Solche Täter können ihre Emotionen sehr gut kontrollieren und auch während einer Stresssituation verlieren sie nicht die Kontrolle. Diese Tätergruppe der psychopathischen Sadisten begegnet man oft in Spielfilmen wie "Hannibal Lecter" aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer". Bei manchen dieser Täter ist das Hirnareal des Hippocampus deformiert und die Emotionen wie Angst oder Mitleid sind dadurch vermindert. Im Stirnhirn, wo die andere Tätergruppe eine Fehlfunktion hat, sind ihre Befunde unauffällig.

Verhaltensgenetik auf dem Vormarsch
© SWR/Belle Epoque Film, Helen Morrison im Keller ihres Wohnhauses
Helen Morrison im Keller ihres Wohnhauses
Doch was ist mit den Genen? Gibt es ein Aggressions-Gen? Viele Wissenschaftler in den USA forschen nach DNA, die das Verhalten steuert. Der amerikanische Genetiker Dean Hamer hatte vor einigen Jahren für Aufsehen gesorgt, als er die Entdeckung mehrerer Gene bekannt gab, die ausschlaggebend für die Homosexualität von Männern sein sollten. Bei 33 von 40 homosexuellen Brüderpaaren hatte er eine Mutation auf dem X-Chromosom gefunden.

Nach dieser "explorativen" Studie hat sich viel getan: Die Verhaltensgenetik scheint jede Woche neue Erkenntnisse zu liefern, wie unser Erbgut unser Tun bestimmt. In London kam der Psychologe Robert Plomin zu dem Schluss, dass die Unterschiede im Lernerfolg von Kindern zu einem großen Teil von Genen abhängig sind. Schule und Erziehung spielten eine untergeordnete Rolle. Ist es da nicht logisch, dass auch in den Genen festgelegt, wer ein Mörder, Vergewaltiger oder Serienkiller ist oder werden kann? Helen Morissen ist davon überzeugt. Und es gibt tatsächlich Verbrecher, bei denen die Gene eine Rolle spielen.


Veranlagung zu Aggression kann in den Genen stecken
© SWR/Belle Epoque Film, Roger L. Depue, ehemaliger Chef der "FBI Behavioral Science Unit"
Roger L. Depue, ehemaliger Chef der "FBI Behavioral Science Unit"
Eine bereits gut dokumentierte "Erbkrankheit", die aggressiv machen kann, ist das Lesch-Nyhan-Syndrom. Diese Stoffwechselstörung bei Kindern führt meist zu starker Aggression, auch gegen sich selbst. Dabei ist der Stoffwechsel aufgrund eines Gendefekts derart gestört, dass Aggression nicht gesteuert werden kann. Es ist eine extrem seltene, rezessiv vererbbare Krankheit, die meist zum frühen Tod führt.

Schon 1993 ist Dr. Han Bruner aus den Niederlanden durch Zufall auf eine genetische Prädisposition gestoßen. In einer Familie waren die Männer in vielen Generationen außerordentlich aggressiv - alle gehörten zu den "Impulsiv-reaktiven Aggressoren". Der Arzt diagnostiziert bei diesen einen sehr hohen Dopamin, Adrenalin und Serotonin-Spiegel. Ein Zuviel dieser Hormone kann zu impulsiven Gewaltausbrüchen führen. Verantwortlich dafür ist, so fand Dr. Brunner heraus, das Fehlen eines Enzyms namens MAO (Monoaminooxidase), das bei gesunden Menschen die Hormone abbaut. Bei den Männern ist ein Gen auf dem X-Chromosom defekt, welches für die Produktion des Enzyms verantwortlich zeichnet. Da Männer nur ein X-Chromosom haben, kann der Defekt nicht ausgeglichen werden: Das ist der Grund, warum nur Männer der Familie gewalttätig werden.


CDH13 und MAO-Defekt - Wurden die Mörder-Gene schon gefunden?
© SWR/Belle Epoque Film, Experte für Sexualverbrechen: Roy Hazelwood
Experte für Sexualverbrechen: Roy Hazelwood
Eine Studie in finnischen Gefängnissen brachte ein weiteres Gen ans Licht, dass bei gewalttätigen Wiederholungstätern neben dem MAO-Defekt gehäuft vorkommt: CDH13 beeinflusst die Impulskontrolle und ist in Konzentrationsstörungen involviert. Dieses CDH-13-Gen kennt die Wissenschaft auch von Studien mit ADHS-Patienten.

Hat Helen Morissen also recht, wenn sie das Mörder-Gen sucht? Und was passiert mit Menschen, die es in sich tragen, aber noch kein Verbrechen begangen haben? Sollte man diese nicht vorsorglich internieren? Oder zumindest überwachen? Das wäre ein bahnbrechender Fortschritt in der Kriminalistik, finden einige US-amerikanische Wissenschaftler. Nach einem Gencheck und einem Besuch beim PET und Computertomographen ließe sich sagen, dass man nicht zum Verbrecher wird. Eine Gewissheit, die im Leben Halt gibt und beruhigt, dass man nicht abnorm ist.


Neue Erkenntnisse dank Epigenetik
© SWR/Belle Epoque Film, Die finnische Profilerin Helinä Häkkänen-Nyholm
Die finnische Profilerin Helinä Häkkänen-Nyholm
Doch viele Psychologen, Genetiker und Neurologen sind sich sicher, dass auch in den nächsten 20 Jahren keine derartigen Vorhersagen gemacht werden können – viele sind sich sicher, dass diese Prognosen nie abgegeben werden können. Die bisherigen Studien zu den MAO- und CDH-13-Tätergruppen zeigen, auch Personen, die sogar an beiden Gendefekten leiden, können ruhige Menschen sein, die noch nie mit dem Gesetz in Konflikt waren. Eine Erklärung könnte hier die recht neue Wissenschaft der Epigenetik liefern: Umweltfaktoren können Gene an und abschalten. Denn viele genetische Merkmale sind nicht so starr wie die Augenfarbe. Schon die Körpergröße und das Gewicht können durch Erfahrungen mitbestimmt werden, die von den Eltern auf die Kinder übertragen werden können. Auch genetisch identische eineiige Zwillinge können epigenetisch sehr verschieden sein, wenn sie getrennt aufgewachsen sind.

Auch bei Menschen mit MAO und CDH-13 Merkmalen, kann die Umwelt beeinflussen, ob das Individuum gewalttätig wird, oder nicht. Traumatisierungen in der Kindheit und häufige Gewalterfahrungen können Träger dieser Defekte gewalttätig werden lassen. Ein gut behütetes, liebevolles Elternhaus und Erfolgserfahrungen dagegen lassen die Merkmale in den Hintergrund treten. Das haben weitere Forschungen ergeben. Durch die Hintertüre ist es also wieder die "nature vs. nurture"-Debatte, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. Also wird weiter heftig über den Anteil, den die Gene an unserem Verhalten haben, gestritten werden.


Gérard Laburschagne an der Fotowand
Gérard Laburschagne an der Fotowand
Sehen Sie am Montag, 14. August 2017, 22.25 Uhr einen Dokumentarfilm von Barbara Eder. Sie stellt sechs unterschiedliche Profiler vor, die sich hauptberuflich mit Vergewaltigungen, Mord und Totschlag befassen. Stephan Harbort aus Deutschland, Helinä Häkkänen-Nyholm aus Finnland, Robert R. Hazelwood, Helen Morrison und Roger L. Depue aus den USA sowie Brigadier Gérard N. Laburschagne aus Südafrika haben den größten Teil ihres Lebens mit Verbrechen und Verbrechern verbracht und sich ihre Gedanken über "Veranlagung" und "erlerntes Verhalten" gemacht.

Sendedaten
"Blick in den Abgrund- Profiler im Angesicht des Bösen"

Ein Film von Barbara Eder

Montag, 14. August 2017, 22.25 Uhr
nano
Epigenetik - vererbter Mäusespeck
Ernährungsweise hinterlässt Spuren in Spermien und Eizellen
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