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Zehntausende Türken stellten sich den putschenden Militärs in den Weg. Dieser Panzer wurde besetzt und der Besatzung mit einer Plane die Sicht genommen. Mehr als 265 Menschen starben in dieser Nacht.
Zehntausende Türken stellten sich den putschenden Militärs in den Weg. Dieser Panzer wurde besetzt und der Besatzung mit einer Plane die Sicht genommen. Mehr als 265 Menschen starben in dieser Nacht.
Erdogan und die Folgen des gescheiterten Putschs
Diese Woche jährte sich der Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Erdogan zum ersten Mal. Doch immer noch ist umstritten, was genau in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 geschah. Der Putsch stellt einen dramatischen Wendepunkt für die Menschen in der Türkei dar.
Für wenige Stunden probt am 15. Juli 2016 eine kleine Gruppe des türkischen Militärs den Aufstand. Die türkische Regierung ist überzeugt, der Prediger Fethullah Gülen habe aus seinem Exil in den USA den Putsch angeordnet. Teile des Militärs, vor allem bei der Luftwaffe, versuchten daraufhin im Land gewaltsam die Macht zu übernehmen. Der Umsturz endet schon nach kurzer Zeit kläglich. Nicht nur die regierungstreuen Anhänger der AKP gingen für den gewählten Präsidenten auf die Straße, auch die Opposition toleriert den Staatsstreich nicht.

Wie gefährlich ist Fethullah Gülen?
© dpa Menschen protestieren gegen den Putsch des Militärs auf dem Taksim-Platz in Istanbul
Menschen protestieren gegen den Putsch des Militärs auf dem Taksim-Platz in Istanbul
In der deutschen Öffentlichkeit begegnete man in der Vergangenheit Gülen eher positiv. Seine Hauptanliegen seien Bildung und Dialog, so der FAZ-Redakteur Rainer Hermann im Oktober 2008. Der Prediger wurde zum Teil auch als reformorientierter Geistlicher wahrgenommen, der für die Gleichberechtigung der Frau eintritt. Doch ebenso geschickt wie sich Gülen im Westen präsentierte, gelang es ihm seit den 1990er Jahren innerhalb des türkischen Staates und Militärs ein Netzwerk zu bilden. Kenner der Türkei sehen in Gülen einen Sektenführer, der rechtswidrige und antidemokratische Methoden nicht scheut. Für alle Parteien im türkischen Parlament ist es eine Tatsache, dass Gülen und seine Bewegung für den Putsch verantwortlich sind. Doch darin erschöpft sich der Konsens schon. Zwar bestreitet Gülen selbst die Vorwürfe, aber auch eine Mehrheit von Auslandskorrespondenten in Istanbul sieht in ihm den Drahtzieher des Putsches.

Die Gunst der Stunde
© dpa Putschende Soldaten besetzten in Istanbul mehrere Brücken
Putschende Soldaten besetzten in Istanbul mehrere Brücken
Die Folgen des Staatsstreiches sind gravierend: Rund 150.000 Staatsbedienstete sind wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung suspendiert oder entlassen worden. Dazu kommen mindestens 50.000 Menschen, die bisher inhaftiert wurden, darunter einige Tausend Soldaten. Doch die meisten Kenner der Türkei beobachten ebenso eine Säuberung der Türkei von allen erdogan-feindlichen Kräften. Nicht nur die Putschisten seien festgenommen worden, sondern auch viele Akademiker, Journalisten und Oppositionspolitiker. Selbst der regierungskritische Journalist Ahmet Sik, der 2012 vor einer Unterwanderung des türkischen Staates durch die Gülen-Bewegung warnte, ist im Dezember 2016 verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen als Gülen-Anhänger am Putsch beteiligt gewesen zu sein – auch wenn diese Behauptung nicht wirklich Sinn ergibt. Der Staatspräsident scheint den Putsch zur Abrechnung mit allen seinen politischen Gegnern benutzen zu wollen. Deswegen hatte Erdogan den Putsch vermutlich in seiner ersten Erklärung bei CNN-Türk als "Gunst Gottes" (oder einem Geschenk Allahs) bezeichnet. Der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei geht heute sogar so weit, von einem "Putschversuch unter Kontrolle" der Regierung zu sprechen. Gemeint ist damit, dass Teile des Sicherheitsrates und der Regierung über den Putsch informiert gewesen seien und ihn nicht verhindert hätten.

Viele Türken - unter ihnen auch Gülen-Anhänger - flüchten nach Deutschland und beantragen hier politisches Asyl. Ein Umstand, der weiterhin das sehr schlechte Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland belasten wird. Denn eine Auslieferung der tatsächlichen und vermeintlichen Putschisten an die Türkei wird in naher Zukunft wohl nicht erfolgen, wie es in Berlin hinter vorgehaltener Hand heißt. Jüngstes Symptom der Krise ist die Verhaftung deutscher Menschenrechtsaktivisten von Amnesty-International.


Sehen Sie am Freitag, den 21.07.2017, 20.15 Uhr die Reportage "Die Nacht, in der die Panzer rollten" Erdogan und der gescheiterte Putsch" von Oliver Mayer-Rüth, Ahmet Senyurt und Cemal Tasdan. Die Reporter zeichnen den gescheiterten Putsch minutiös nach, sprechen mit Zeitzeugen, Aktivisten und Opfern und recherchieren vor Ort. Der ehemalige türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz äußert zum Putschversuch in der Türkei. Mitglieder einer parlamentarischen Untersuchungskommission nehmen Stellung zu den Fragen der Reporter. Wer aus der AKP-Regierung wusste wann und was? Wie hat der Putsch das Leben in der Türkei verändert?

Sendedaten
"Die Nacht, in der die Panzer rollten"

Freitag, 21. Juli 2017, 20.15 Uhr
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