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Alina Levshin und Maik Solbach (r.): In dem Stück "Gemetzel" wird die Nibelungengeschichte aus einer völlig neuen Perspektive erzählt: Aus der Sicht von Ortlieb, des Sohnes von Kriemhild und Etzel.
"Daz ist der Nibelunge liet"
Ein Schauspiel vor dem Wormser Dom
Filmproduzent Nico Hofmann, Regisseur Thomas Schadt und Autor Albert Ostermaier reformieren die Wormser Nibelungen-Festspiele. Schon Dieter Wedel arbeitet sich an dem besonderen Stoff ab: dem deutschen Nationalmythos. Von 2002 bis 2014 leitet er die Nibelungenfestspiele in Worms als Regisseur und Intendant.
Als Regisseur Dieter Wedel die Leitung der Festspiele übernahm, dachte er, das Nibelungenlied sei "durch die Nazis kontaminiert": "Ich kannte die Dramen von Hebbel nicht so genau, wohl aber die Sätze von Göring, der die deutschen Soldaten vor Stalingrad aufgefordert hat, aus Treue zum Führer in den Tod zu gehen - so wie einst die Nibelungen in den Treuetod gingen", sagte er in einem Interview mit der Zeitschrift "The European".

Treuetod und Propaganda
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Worms
Der Dramatiker Friedrich Hebbel hatte das mittelhochdeutsche Nibelungenlied 1861 auf die Theaterbühne geholt. Von den zahlreichen Bearbeitungen des neunzehnten Jahrhunderts ist Hebbels Stück - neben dem "Ring der Nibelungen" von Richard Wagner - die wichtigste Inszenierung des Stoffes. In der deutschen Romantik war das Nibelungenlied, eines der ältesten Erzeugnisse deutscher Literatur, Dreh- und Angelpunkt der kulturellen Identität des sich formierenden Deutschlands.Vor allem in der nationalsozialistischen Diktatur von 1933-45 war der Stoff für die Propaganda von deutschen Tugenden geeignet: Ende Juni 1937 inszenierten die NS-Machthaber in Worms erstmals "Nibelungenfestspiele", in deren Mittelpunkt die Aufführung von Hebbels "Nibelungen" im Festhaus im Beisein von hoher NS-Prominenz stand.

Kein Geringerer als Propagandaminister Joseph Goebbels war es, der diesen Rahmen, die sogenannte "Reichstheaterwoche", zu einer politischen Kundgebung nutzte. Später im Zweiten Weltkrieg sollte Göring die deutschen Soldaten vor Stalingrad auffordern aus Treue zum Führer in den Tod zu gehen.


Die Nibelungen am Originalschauplatz
© dpa Thomas Schadt (l.) und Nico Hofmann
Thomas Schadt (l.) und Nico Hofmann
Die Probleme, die Dieter Wedel mit dem Stoff hatte, sind verständlich. Doch wie viele Regisseure vor und nach ihm hatte er es geschafft, das völkisch-nationale Erbe des Stückes zu ignorieren. Vor der sagenhaften Kulisse, dem 800 Jahre alten Dom zu Worms – einem Originalschauplatz, inszenierte Wedel großes Licht-, Ton-, Gesangsspektakel. Unter seiner Leitung konnte sich Worms wieder als Festspielstadt etablieren.

Dieter Wedel verstand sich eher als Filmregisseur denn als Theatermann und auch sein Nachfolger Regisseur Thomas Schadt kommt aus dem Filmbusiness. Zusammen mit Filmproduzent Nico Hofmann und Autor Albert Ostermaier reformierten sie die Wormser Nibelungen-Festspiele 2015. Das uraufgeführte Stück hieß "Gemetzel", kam aber trotz seines Titels mit erstaunlich wenig Kunstblut aus. Das Gemetzel solle in den Köpfen der Zuschauer stattfinden, sagte Albert Ostermaier. Dafür fuhr Hagen von Tronje auf einem Ackermotorad auf die Bühne. Ein Signal der neuen Leitung, das Worms nicht in Richtung werktreuer Kostümaufführung und Karl-May-Festspiele gehen werde. Schadt, der auch Direktor der Filmakademie Baden-Württemberg ist, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Nibelungen für die Wormser Festspiele 2015 ein weiteres Mal in die Gegenwart zu transportieren.


Vom Tüfteln und Ausprobieren
© dpa Judith Rosmair als Kriemhild auf der Freiluftbühne
Judith Rosmair als Kriemhild auf der Freiluftbühne
Die Dokumentation "Die Nibelungen - Zwischen Seminarraum und großer Bühne", die Sie am Sonntag, 23. Juli 2017, 12.00 Uhr sehen können, folgt Thomas Schadt hinter die Bühne, bei Proben und Presseterminen bis hin zur Premiere und ermöglicht einen Blick in das Innenleben des rheinland-pfälzischen Festspielbetriebs.

Parallel dazu zeigt der Film die Studierenden der Ludwigsburger Theater- und Filmakademie Annika Schäfer, Wilke Weermann, Lara Scherpinski und Paula Schwabe, die im Rahmen eines interdisziplinären Adaptionen-Seminars unter der Leitung von Film- und Theaterregisseur Andres Veiel ihre eigenen Nibelungen-Adaptionen entwickelten. Die Studierenden wurden von Thomas Schadt eingeladen, ihr Stück im Rahmenprogramm der Nibelungenfestspiele zu präsentieren. Der Film begleitet sie beim Tüfteln und Ausprobieren, bei kleinen Krisen und Erfolgen, beim Entwickeln von Visionen auf der heimischen Terrasse bis zu dem großen Tag der Premiere in Worms. Dabei gibt der Film der Dynamik Raum, die der kreative Schaffensprozess mit sich bringt.

Während die Studierenden in Ludwigsburg mit ihren Low-Budget-Produktionen von ihrem kreativen Freiraum profitieren, gerät Thomas Schadt in Worms immer stärker unter Druck. In offenen situativen Interviews spricht er über seine Visionen und Ängste, die er mit dem Mammut-Projekt vor dem Wormser Dom verbindet. Ein Film von Ina Fister.


Sendedaten
"Die Nibelungen - Zwischen Seminarraum und großer Bühne"

Sonntag, 23. Juli 2017, 12.00 Uhr
Video
GOLD. Der Film der Nibelungen
Seit 2002 strömt das Publikum im Sommer nach Worms, um sich in traumhafter Kulisse von den Mythen um Siegfried, Hagen und Kriemhild verzaubern zu lassen...
Kulturzeit-Nachrichten
Nibelungen-Festspiele mit Wagner-Musik
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