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In Deutschland wird Glyphosat auf rund 40 Prozent der Felder gespritzt.
Gift im Acker
Glyphosat, die unterschätzte Gefahr
Unsere Lebensmittel werden mit einem krebserregenden, gefährlichen Gift verseucht - warnen die einen. Unwissenschaftlicher Unfug, Alarmismus und Verteufelung eines guten und umweltschonenden Produkts - entgegen die anderen. Der Unkrautvernichter Glyphosat spaltet Deutschland.
"Das Vorgehen des Bundesinstituts für Risikikobewertung ist kriminell, weil damit (...) weiteren Krankheitsfällen, wie zum Beispiel dem bösartigen Lymphdrüsenkrebs, Tür und Tor geöffnet werden," sagte Prof. Dr. Ebehard Greiser in einem Interview mit dem NDR. Greiser ist Gesundheitswissenschaftler und wirft dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor, die Krebsgefahr durch das Herbizid Glyphosat zu verharmlosen. Der Epidemiologe beschuldigt das Amt sogar, bei der Ausarbeitung eines Reports massiv manipuliert zu haben. Der Report des BfR war für die Zulassung von Glyphosat als Unkrautvernichter in Deutschland ausschlaggebend.

Ist der Unkrautvernichter ein Risiko?
© WDR Bauern berichten: bei weniger Glyphosat im Futter nehmen Miss- und Totgeburten ab, bei mehr nehmen sie zu.
Bauern berichten: bei weniger Glyphosat im Futter nehmen Miss- und Totgeburten ab, bei mehr nehmen sie zu.
Die Behörde mit dem "Risiko" im Namen ist für den Schutz der Bevölkerung zuständig. Sollten die Vorwürfe stimmen, wäre das ein handfester Skandal. Doch worum geht es genau? Glyphosat ist weltweit der meistverwendete Unkrautvernichter auf den Äckern, aber auch in unseren Gärten. Mehr als sechs Millionen Liter wurden alleine 2012 in Deutschland auf die Böden gebracht. In Deutschland wird Glyphosat auf rund 40 Prozent der Felder gespritzt.

Alle Pflanzenschutzmittel müssen von den Behörden zugelassen werden. Für Glyphosat wurde eine Verlängerung der Zulassung im Dezember 2015 genehmigt. Kurz vorher platzte die Weltgesundheitsbehörde WHO mit einem Plädoyer für ein Verbot von Glyphosat mitten in die Entscheidungsfindung der deutschen Behörden.


Ist Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend"?
© WDR Wie wirkt sich langjähriger Einsatz von Glyphosat auf den Boden aus?
Wie wirkt sich langjähriger Einsatz von Glyphosat auf den Boden aus?
Die Arbeitsgruppe für Krebsforschung der WHO hält das Unkrautvernichtungsmittel, das von Monsanto und BASF vertrieben wird, für "wahrscheinlich krebserregend". Doch die WHO ist mit dieser Meinung unter den Behörden alleine: Genauso wie die Europäische Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht das BfR kein Risiko, dass Glyphosat Krebs auslöst. Wie kommen die WHO und die beiden anderen Stellen zu so unterschiedlichen Standpunkten?

Alle Behörden entscheiden auf Grundlage von Studien, zum Beispiel an Versuchstieren. Man sollte davon ausgehen, dass es viele unabhängige Langzeitstudien zu dem Thema gibt, denn Glyphosat wird in einem Ausmaß verwendet, wie kaum ein zweites Pestizid. Doch dem ist leider nicht so.


Der Studienkrieg um Glyphosat
© WDR Das Thema Glyphosat löst bei vielen Verbrauchern Angst aus.
Das Thema Glyphosat löst bei vielen Verbrauchern Angst aus.
Die Hersteller haben große Studien verfasst, die von Umweltschützern kritisiert werden, weil sie nicht unabhängig entstanden. Eine unabhängige Studien wird von den Herstellern in Zweifel gezogen, zum Beispiel weil sie angeblich Versuchstierrassen verwende, die per se anfällig für Krebs sein sollen. Es herrscht ein Studienkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern des Herbizides.

Das BfR führt meistens keine eigenen Versuche durch. Dieses wäre viel zu teuer. Die Behörde stützt sich fast immer auf vorhandene Studien. Die meisten stammen jedoch von den Herstellern der Chemikalie. Wesentliche Teile davon (z.B. die Rohdaten) sind nicht öffentlich und können von anderen Wissenschaftlern nicht eingesehen werden. Das ist bei fast allen industrie-finanzierten Studien so. Doch bei einem dermaßen umstrittenen Produkt ist das recht problematisch. Den Zulassungsbehörden und der WHO sind die Daten jedoch zugänglich.


War das BfR nicht gründlich genug?
Eine weitere Angriffsfläche bietet das BfR, weil es anscheinend Anhaltspunkte für eine krebserregende Wirkung von Glyphosat in den Rohdaten der Hersteller übersah. Das ergaben Recherchen des MDR-Magazins Fakt. Die Behörde schaute für das Gutachten nur auf das Ergebnis der ursprünglichen Studienverantwortlichen, welchen ihre Rohdaten anscheinend nicht gründlich genug ausgewertet hatten.

Haben die Kritiker also recht, die dem BfR vorwerfen, ihre Arbeit nicht richtig gemacht zu haben? Das BFR betont immer wieder: Glyposat stelle kein Risiko für die Gesundheit dar. Die Unterschiede zwischen WHO und BfR bei der Bewertungen zur Gefahr von Glyphosat rühren laut BfR daher, dass die WHO untersucht habe, ob der Stoff in hoher Konzertanion Krebs auslösen kann. Das BfR dagegen untersuche, ob bei fachgerechter Anwendung ein Risiko besteht, dass Konsumenten oder Bauern aufgrund des Herbizides Krebs entwickeln. Egal wie man zu Glyphosat steht: Es scheint dringend notwendig, dass unabhängige Institute weitere Studien durchführen.

Ende Juni letzten Jahres (2016) war die EU-Zulassung für Glyphosat eigentlich ausgelaufen. Die EU-Kommission hatte damals die Genehmigung um eineinhalb Jahre verlängert. Die Europäische Chemikalienagentur ECHA in Helsinki stufte das Unkrautvernichtungsmittel im März 2017 als nicht krebserregend ein. Die EU-Kommission hat im Juni verlautbaren lassen, dass sie das Pestizid erneut für zehn Jahre zulassen will. Ihr Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hatte das Vorhaben vor dem Parlament verteidigt. Eine Krebsgefahr sehe er nicht. Angesichts der Sorgen in der Bevölkerung solle die Zulassung jedoch auf zehn Jahre beschränkt werden. Viele Abgeordnete reagierten empört.


Sehen Sie am Dienstag, 11. Juni 2017, 10.15 Uhr einen Film von Volker Barth und Susanne Richter. Die Autoren gehen der Frage nach, warum immer mehr Menschen und Tiere erkranken, die der Substanz Glyphosat ausgesetzt sind und warum es eine große Zahl ungeklärter Fehlgeburten und Missbildungen gibt, dort wo Glyphosat auf großen Monokulturen eingesetzt wird.

Sendedaten
Dienstag, 11. Juni 2017, 10.15 Uhr

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Nano
Umstrittenes Glyphosat
Europas Ergebnisse zu Glyphosat liegen vor: "keine Krebsgefahr": Glyphosat ist nicht krebserregend. Zu dem Schluss kommt Europas Chemikalienagentur (Echa).
Nano:
Prost Mahlzeit! Glyphosat im Bier
Glyphosat hat des Deutschen liebstes Getränk erreicht: Das Pestizid ist im Bier gefunden worden. Auch wenn die Konzentrationen gering sind: Die Diskussion entfacht das neu.
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