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Warum hat das kleine digitale Ding in manchen Familien schon die Hauptrolle übernommen? Apps und Spiele faszinieren jung und alt.
Warum hat das kleine digitale Ding in manchen Familien schon die Hauptrolle übernommen? Apps und Spiele faszinieren jung und alt.
Digitale Drogen?
Computer und Smartphone können süchtig machen
Viele Menschen können - nach eigenem Bekunden - nicht mehr ohne Smartphone leben. Der Psychotherapeut Bert te Wildt warnt deswegen: "Smartphone- und Internetsucht ist mit Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit zu vergleichen." Die Entzugserscheinungen, die Smartphone- und Internetsüchtige bekommen können, überraschten selbst den Arzt: Gesteigerte Aggressivität und Suizide wurden schon des Öfteren beobachtet, so te Wildt.
Auch die Überdosierung von Internetkonsum und Onlinegaming könne zum Tod führen, sagt der Oberarzt an der Ruhr-Universität Bochum: Im Februar dieses Jahres soll ein 35-jähriger Familienvater aus den USA nach 22-stündigem Computerspiel gestorben sein. Ein 24-jähiger soll im März 2015 in einem Internetcafé in Schanghai tot zusammengebrochen sein. Nach 19 Stunden ununterbrochenem Computerspiel starb er an Erschöpfung.

Tod durch Onlinespiel
© dpa/E. Teister Junge Besucher der Gamescom, der größten Messe für interaktive Unterhaltungselektronik.
Junge Besucher der Gamescom, der größten Messe für interaktive Unterhaltungselektronik.
In der Russischen Föderation spielte ein 17-jähriger Junge 22 Nächte hintereinander "Warcraft" bis er kollabierte. Bewusstlos wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er kurze Zeit später verstarb. Nach einem dreitägigen Computerspiel-Marathon, wurde ein 32-Jähriger tot in einem Internetcafé in Taiwan gefunden. Es soll in dem Land 2015 schon der zweite Fall gewesen sein, in dem tagelanges Computerspielen zum Tod führte. Ein 14-jähriger Junge aus Norwegen fiel vor wenigen Jahren nach übermäßigem Konsum eines Energydrinks in Verbindung mit einer 16-stündigen "Call of Duty"-Session ins Koma. Diese und andere Horrormeldungen ließen sich noch weiter fortsetzen.

Digitale Amnesie?
© SWR Im Schnitt checkt der Besitzer sein Smartphone mehr als 70 Mal am Tag.
Im Schnitt checkt der Besitzer sein Smartphone mehr als 70 Mal am Tag.
Die Beispiele sind natürlich Ausnahmefälle, doch sie verdeutlichen Onlinespiele haben ein enormes Suchtpotential, das sogar natürliche Bedürfnisse wie Schlaf und Hunger ausschalten kann. Längst nicht alle, die gerne mal ein Spielchen spielen, sind süchtig. Während die Wissenschaft die Abhängigkeit von Online-Computerspielen recht gut untersucht hat, sind die Ergebnisse, die Tablets und Smartphones angehen, recht dürftig: 2015 hatte das Softwareunternehmen Kaspersky Lab 6.000 europäische Nutzer in einer Untersuchung befragt. Ein Ergebnis war, dass immer mehr Menschen sich immer weniger Fakten merken, da ja das Smartphone Telefonnummern, Adressen und Wikipedia im Nu aufrufen kann.

Die Angst etwas zu verpassen
© SWR Foto, Musik, Mail, Telefon, Internet usw. - alles in einem Gerät.
Foto, Musik, Mail, Telefon, Internet usw. - alles in einem Gerät.
Eine andere Studie der Landesmedienanstalt NRW untersuchte die Handynutzung von Kindern und Jugendlichen. Das erschreckendste Ergebnis: Die exzessive Nutzung ist zu einem Teil durch die Angst getrieben, aus dem Kommunikationsprozess des Freundes- oder Bekanntenkreises ausgeschlossen zu werden, so die Studienmacher. Die Computerspielsucht oder "Internet Gaming Disorder" (IGD) ist die am besten untersuchte Form der Internetabhängigkeit.

Bis zu vier Prozent der Deutschen sind onlinesüchtig
© dpa Eine Studie zufolge hat World of Warcraft ein hohes Suchtpotenzial.
Eine Studie zufolge hat World of Warcraft ein hohes Suchtpotenzial.
Die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland spielt entweder am Handy, Computer oder der Konsole. Der Psychotherapeut te Wildt schätzt, dass ungefähr zwei bis vier Prozent der Deutschen computerspiel- oder onlinesüchtig sind. Studien zeigen, dass die Zahl der Internetsüchtigen bei den 12- bis 17-Jährigen rasant steigt. Von 2011 auf 2016 hat sich diese fast verdoppelt. Knapp 19 Prozent der Jungen spielen zehn Stunden und mehr am Tag. Doch alleine die Zeit entscheidet nicht, ob ein Spieler süchtig ist. Es müssen bestimmte Verhaltensweise oder Vermeidungshandlungen dazukommen: Wenn das Spiel zum zentralen Lebensinhalt mutiert, und der Spieler die Kontrolle über das Zeitbudget und Spielverhalten verliert, ist dieser Punkt erreicht, an dem aus Zeitvertreib Sucht werden kann. Dann wird die Zeit, die gespielt werden muss, um eine gewünschte Erregung zu erreichen, immer länger. Ein dauerhafter Verzicht auf das Spielen erscheint den Betroffenen unerträglich.

Fiktionale Gewalt am PC
© SWR Konzentrationsstörungen und Haltungsschäden, auch davor warnen manche Mediziner.
Konzentrationsstörungen und Haltungsschäden, auch davor warnen manche Mediziner.
Werden die Gehirne von Probanden während des Spiels im Magnetresonanztomografen (MRT) untersucht, dann überrascht, wie aktiv das Gehirn dabei ist. Durchschnittlich waren über 70 Prozent des Gehirns in Aktion. Beim Fernsehen sind die grauen Zellen weitaus weniger involviert. Erstaunlich ist, dass beim Computerspielen der sogenannte "Motorkortex", die für Bewegung verantwortliche Hirnregion, stark beansprucht wird, genauso wie einige Gehirnareale, die für Emotionen wie Angst oder Mitgefühl zuständig sind, Auffälligkeiten zeigten. Fiktionale Gewalt aus dem Fernseher lässt das Gehirn relativ "kalt". Bei Gewaltszenen während des Computerspielens dagegen zeigt sich das Gehirn wesentlich aktiver.

Prädisposition für eine psychische Krankheiten
Fußgängerzone ohne Smartphone?
Fußgängerzone ohne Smartphone?
Am Anfang der wissenschaftlichen Erforschung des Spielerhirns dachte man, dass wie beim Glücksspiel oder Kokain das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird. Heute wird meistens eine andere These vertreten: Das Belohnungssystem wird gehemmt, wenn das Spiel unterbrochen wird oder die Spielfigur verliert. Daher kommt wahrscheinlich der extrem starke Reiz weiterzuspielen.

Zu den Suchtanreizen, die Computerspiele haben, kommt in vielen Fällen noch eine Prädisposition für eine psychische Krankheit hinzu. Nicht jeder, der exzessiv spielt, wird süchtig. Probleme im Alltagsleben, problematische soziale Vorbilder, vielleicht auch genetische "Vorbelastung" sorgen dafür, dass einige Kinder oder Erwachsene anfälliger für die Spielsucht sind als andere. Bei der heutigen Verbreitung von Handy- und Computerspielen äußern sich psychische Defekte oft in einem auffälligen und selbstzerstörerischen Spielverhalten.

Sehen Sie am Freitag, 23. Juni 2017, 20.15 Uhr die Reportage "Smartphone - Wie ein kleines Ding uns im Griff hat". Darin betrachtet Autorin Katja Schnackenburg die aktuelle Diskussion. Familien, jugendliche und ältere Smartphone-Nutzer, wie auch Wissenschaftler kommen darin zu Wort.


Sendedaten
"Smartphone - Wie ein kleines Ding uns im Griff hat"

Freitag, 23. Juni 2017, 20.15 Uhr

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Wenn das Verlangen außer Kontrolle gerät: 3sat beschäftigt sich in der Themenwoche "Abhängig!" in insgesamt 15 Dokumentationen, Dokumentar- und Spielfilmen mit allen Ausprägungen der Sucht.

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